Überzeugt und überzeugend

Herberts Hochform und unsere größte Niederlage

Dieter Keller, der im DKP-Vorstand und als Vorsitzender der DKP Baden-Württemberg mit Herbert Mies zusammenarbeitete, erinnert sich an gemeinsame Siege, eine große Niederlage und Kundgebungen im Wohnzimmer.

Tief erschüttert nehmen wir Abschied vom geliebten Ehemann und Vater, vom geliebten Opa und Uropa, von einem guten Nachbarn, einem Freund, Kämpfer und überzeugten Kommunisten. Gerda, den Kindern und Angehörigen sprechen wir unser tief empfundenes Beileid aus und wünschen euch von ganzem Herzen die Kraft, dies alles tragen zu können.

Es war der ausdrückliche Wunsch von Herbert, dass ich, sein langjähriger Freund und Genosse, seine Trauerrede halte.

Ich muss gestehen, ihm diese letzte Ehre zu erweisen fällt mir nicht leicht. Doch dem Wunsch von Herbert wollte und konnte ich mich nicht entziehen. Andererseits ehrt es mich. Denn Herbert Mies war eine außergewöhnliche kommunistische Persönlichkeit, ein außergewöhnlicher Mensch.

Herbert und ich lernten uns in der Gründungsphase der Sozialistischen Deutschen Arbeiterjugend, der SDAJ, vor knapp 50 Jahren kennen. Im Laufe dieser Jahre entwickelte sich auch eine feste Freundschaft zwischen unseren Familien.

Herbert war eine hochgeschätzte internationalistische kommunistische Persönlichkeit. Ein Internationalist. Eine Persönlichkeit der Zeitgeschichte. Gleichzeitig war er mit seiner Heimatstadt Mannheim und dem Stadtteil Schönau tief verbunden und verwurzelt. Er hat sich hier große Verdienste erworben.

Für mich steht fest: Herbert gehört zu den beachtenswerten Persönlichkeiten der Arbeiterbewegung und der Stadt Mannheim. Ich hoffe und wünsche mir, dass dies bei zukünftigen Aufarbeitungen zur Geschichte Mannheims durch die Stadt gewürdigt wird. Ich könnte mir auch vorstellen, eine Straße oder einen Platz nach ihm zu benennen. Das würde seiner Bedeutung entsprechen und der Stadt Mannheim zur Ehre gereichen.

In der Zeit der Weltwirtschaftskrise wurde Herbert Mies am 23. Februar 1929 im Mannheimer Arbeitermilieu geboren. Er starb an Herzversagen in der Nacht zum 14. Januar 2017 kurz vor seinem 88. Geburtstag.

Bei seiner Geburt wusste Herbert noch nicht, dass sein Geburtstag in seinem Leben für ihn eine wichtige Rolle spielte. Der 23. Februar war der Tag der Roten Armee. Jener Armee, die an der Spitze stand beim Sieg über Faschismus und Krieg.

Interessant: Mannheim und Herbert wurden, wie man hier beschönigend sagt, von den Amerikanern befreit. Gerda Eichler, seine spätere Frau, im sächsischen Oschatz von der Roten Armee. Die Befreiung war für sie beide auch ein späteres gemeinsames Glück. Geheiratet haben Herbert und Gerda vor fast 63 Jahren am 30. Juli 1954.

Den Tag für diese Trauerfeier hat die Familie gut gewählt. Heute jährt sich die Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz durch die Rote Armee zum 72. Mal. Ein würdiger Tag, an dem wir den Antifaschisten Herbert Mies zu Grabe tragen. Er hat immer wieder betont: Nie wieder Krieg! Nie wieder Faschismus! Faschismus ist keine Meinung, sondern ein Verbrechen.

Herbert wurde in den sieben Jahrzehnten seiner aktiven Politik zum Zeugen großer historischer Veränderungen. Er erlebte in dieser Zeit viele politische Höhen und Tiefen.

Dazu gehören: Der Aufbruch nach der Befreiung von Faschismus und Krieg, der Beginn des Sozialismus auf deutschem Boden, der Sieg der kubanischen Revolution, der Sieg des vietnamesischen Volkes über die USA und die erkämpfte Freilassung von Nelson Mandela.

Dagegen standen für Herbert und uns Kommunisten die größte und schmerzlichste Niederlage: Der Zerfall der Sowjetunion und die Annexion der DDR in die kapitalistische BRD.

Wie hart ihn diese Niederlage getroffen hat beschreibt er in seinen Erinnerungen „Mit einem Ziel vor Augen“ wie folgt: „Das Jahr 1989 bescherte mir eine dramatische Jahres- und Lebenswende. Ein Herzinfarkt warf mich nieder. Der Infarkt der sozialistischen Länder in Europa war schmerzhafter, er war tödlich.“

Am Vorabend des 1. Mai 1987 wurde Herbert mit dem Internationalen Lenin-Friedenspreis ausgezeichnet. Beschlossen von einer internationalen Jury.

Mit dem Preis wurde sein friedenspolitisches Engagement gewürdigt. Sein bedeutender Beitrag für die Erhaltung des Friedens, gegen die Stationierung und den Abzug der US-amerikanischen Mittelstreckenraketen in Europa.

Herbert war zu Recht stolz über diese Auszeichnung. Vor ihm wurden u. a. schon geehrt: Indira Gandhi und Pablo Neruda, Fidel Castro und Nelson Mandela, Mikis Theodorakis und Dolores Ibarruri, hierzulande Pastor Martin Niemöller, Josef Wirth und Kurt Bachmann.

Herbert war ein überzeugter und überzeugender Kommunist, ein streitbarer Demokrat, ein Kämpfer für Frieden und Freiheit, ein Kämpfer für eine bessere, eine sozialistische Gesellschaft. Einer Gesellschaft, in der die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen für immer beseitigt ist. Eine Gesellschaft, in der nicht der Profit, sondern der Mensch im Mittelpunkt aller Dinge steht.

Herbert trat 1945 in die Gewerkschaft HBV, in die FDJ und die KPD ein.

Nach den widerrechtlichen Verboten der FDJ im Jahre 1951 und der KPD im Jahre 1956 lebte und kämpfte Herbert unter schwierigsten Bedingungen der Illegalität. Er war Leiter des illegalen FDJ-Zentralbüros, Mitglied des Zentralkomitees und des Politbüros der KPD sowie Sekretär von Max Reimann.

Die Illegalität hinterließ Spuren. Sie verändert nahezu alle Lebens- und Arbeitsgewohnheiten. In seinen Erinnerungen beschreibt dies Herbert Mies wie folgt: „Sie trennt einen nicht nur physisch von Frau und Kindern, von Freunden und Verwandten, sondern auch psychisch. Vieles musste selbst den engsten Familienangehörigen verheimlicht werden. Zu ihrem Schutz und auch der eigenen Sicherheit. Man hatte zwei Leben, zwei Gesichter: ein offizielles und ein geheimes. … Die ständige Vorsicht, andere und sich selbst nicht zu gefährden, die strenge Disziplin – all das belastete.“

Und das, liebe Trauergemeinde ging über 17 Jahre. Welch eine Belastung für Herbert, Gerda und die Kinder, auch später noch.

Dazu sollten Sie/Ihr wissen: Herbert durfte nicht mal am Grab seiner Mutter ihr die letzte Ehre erweisen. Der Staat verweigerte dies, ebenso wie das Betreten des Elternhauses. Dies alles, ohne dass Herbert jemals etwas verbrochen hat.

Ganz im Gegensatz zu den Neonazis, Rassisten, Rechtsradikalen, die ungestraft, teilweise geduldet, unterstützt und finanziert von Staatsorganen, brandschatzend und mordend durch unser Land ziehen. Dies ist typisch für die deutsche Klassenjustiz.

Die Neukonstituierung und Entwicklung der DKP ist untrennbar mit Herbert Mies verbunden. Darin liegt eine seiner größten Leistungen. Als sich ab Mitte der 60er Jahre eine breite Protestbewegung formierte (Stichwort 68er-Generation), und sich die politische Situation in der BRD zu verändern begann, ergab sich die Möglichkeit, eine legale kommunistische Partei, die DKP, neu zu konstituieren. Herbert und andere Genossinnen und Genossen seiner Generation packten diese Chance beim Schopf und konstituierten am 25. September 1968 die DKP.

Kurz vorher, am 4. und 5. Mai 1968 zum 150. Geburtstag von Karl Marx, wurde die Sozialistische Deutsche Arbeiterjugend, die SDAJ, gegründet. Herbert war auf uns, den damaligen Gründungsausschuss, sehr stolz, denn für ihn ging damit ein Traum in Erfüllung: Endlich auf westdeutschem Boden eine sozialistische Arbeiterjugendorganisation.

Herbert stand der SDAJ solidarisch, ohne irgendwelche Bevormundung zur Seite. Sein Motto: Die Arbeiterjugend muss selbst aus ihren Arbeits- und Lebensbedingungen ihre Erfahrungen sammeln, lernen, sich selbst organisieren und ihren Weg zum Sozialismus finden. Herbert war ein Vorbild für die SDAJ, für tausende junge Sozialistinnen und Sozialisten, von Kommunistinnen und Kommunisten und anderen linken Kräften.

Von 1968 bis 1973 war Herbert stellvertretender Vorsitzender der DKP und ab 1973 bis 1990 Vorsitzender. Unter ihm nahm die Partei eine erfolgreiche Entwicklung. Er prägte die Partei wie kein anderer. In der Umsetzung der Politik orientierte er stark auf die Aktionseinheit der Arbeiterklasse, auf die Stärkung und unsere Verankerung in Betrieben und Einheitsgewerkschaften sowie die Herstellung breiter Bündnisse bis hinein in christliche Kreise im Kampf für Frieden, Demokratie, für Abrüstung, Entspannung und Völkerverständigung.

Auf der Grundlage der Ideen von Marx, Engels und Lenin kämpfte Herbert um eine richtige Strategie und Taktik unserer Partei. Dabei war er aufgeschlossen, auf neue Fragen und Herausforderungen die richtigen Antworten zu finden.

Die Neukonstituierung der DKP und ihre weitere Entwicklung stellten Herbert und Gerda vor neue Herausforderungen und schwerwiegende Entscheidungen. Sie war verbunden mit drei Umzügen: 1968 von Berlin/DDR nach Mannheim, 1974 von Mannheim nach Düsseldorf und 1990 im März von Düsseldorf nach Mannheim.

Besonders schwer fiel dabei Abschied zu nehmen von der geliebten sozialistischen Heimat DDR. Der erste und bisher auch der letzte deutsche Staat, von dem nie ein Krieg ausging. Abschied nehmen von sozialer Geborgenheit, vom sozialen Umfeld, von Freunden und GenossInnen in ein neues unbekanntes Umfeld und den Fragen: Wie wird sich das auf die Kinder und ihre Zukunft auswirken? Dazu sagte mir Gerda später, Dieter, was sollte es. Da mussten wir durch.

Es ist bewundernswert, wie sie stets tapfer, selbst sehr aktiv in der Partei, mit einem großen Organisationstalent Seite an Seite mit Herbert kämpfte. Ohne ihre große Unterstützung und Verständnis, ohne ihre liebevolle Erziehung der Kinder, die zumeist bei ihr lag, wäre das alles für Herbert nicht möglich gewesen. Dafür, liebe Gerda, herzlichen Dank.

1990 von seinem Herzinfarkt erholt, kam Herbert zurück in die Stadt, wo er als Jugendlicher die Armut kennen lernte, aber auch gegen diese und gegen ihre Verursacher zu kämpfen. Endlich wieder in „Monnem“, stiegen Herbert und Gerda in die politische Arbeit in Mannheim ein. Nicht nur in der Partei, sondern weit darüber hinaus. Beide wurden aktiv in der Kultur- und Interessengemeinschaft, KIG, der Dachorganisation der demokratischen Schönauer Vereine, Parteien und Organisationen. Herbert wurde Vorsitzender der AWO-Schönau. 1992 gründete Herbert mit weiteren Genossinnen und Genossen den „Mannheimer Gesprächskreis Geschichte und Politik e. V.“und war dessen Vorsitzender. Herbert übergab ein Großteil seines unschätzbaren Privatarchivs an die Stadt Mannheim.

Herbert war nicht nur ein politischer, er war auch ein geselliger Mensch. Er und Gerda waren gastfreundlich. Sie freuten sich immer auf Besuch von Freunden und Genossinnen und Genossen. Da wurde dann im Wohnzimmer oder auf der Gartenterrasse nicht nur diskutiert, sondern auch alte Kampflieder, Arbeiter- und FDJ-Lieder gesungen. Beide waren dann voll in ihrem Element. Es bereitete ihnen sichtbare Freude.

Die Besuche und Diskussionen von uns bei Gerda und Herbert waren immer ein Gewinn. Wenn Herbert in Rage kam oder, positiv formuliert, zur „Hochform“ auflief, konnte es leicht passieren, dass er das Wohnzimmer verwechselte mit einer größeren Kundgebung im Freien. Hörgeräte brauchte niemand, wenn Herbert sprach.

Aber Herbert konnte auch zuhören, Argumente aufgreifen. Versuchen den Gesprächspartner zu verstehen, Meinungsstreit führen, Gedanken schöpferisch weiter entwickeln, Gemeinsamkeiten herstellen. Darin lag eine große Stärke von ihm.

Lasst mich zum Abschluss aus Bertolt Brechts „Die heilige Johanna der Schlachthöfe“ zitieren. Sie sagt:

„Ich sage euch:

Sorgt doch, dass ihr die Welt verlassend

Nicht nur gut wart, sondern verlasst

Eine gute Welt!“

Für diese gute Welt hast du, lieber Genosse Herbert, zeitlebens gekämpft. Du warst ein guter Mensch, ein großartiger Genosse und Freund. Treffend bringen das deine Enkel in der UZ, der Zeitung der DKP, mit folgenden Worten zum Ausdruck: „Du wirst uns unendlich fehlen. Wir würden dir gerne noch mal sagen wie lieb wir dich haben und welche tiefen Spuren Du in unseren Herzen hinterlassen hast. … Wir werden sie fest in unseren Herzen tragen und dich nie vergessen.“ Dem kann ich mich nur anschließen.

Herbert, du verlässt keine gute Welt. Du hinterlässt uns eine große Aufgabe und Vermächtnis: Eine gute Welt zu erkämpfen und zu schaffen. Sie wird eine sozialistische sein.

Bei der Schaffung dieser Welt hilft uns (wie es in dem Lied der Internationale heißt) kein höheres Wesen, kein Gott, kein Kaiser noch Tribun. Uns aus dem Elend zu erlösen können wir nur selber tun.

Lieber Herbert,

in diesem Kampf warst und bist du uns Vorbild. Wir sind dir zu großem Dank verpflichtet. In tiefer Trauer verneigen wir uns vor dir. In unseren Herzen und Kämpfen lebst du weiter.

 

Der Internationalist

Der DKP-Vorsitzende Patrik Köbele fragt: So viel Beachtung für die kleine Deutsche Kommunistische Partei und ihren langjährigen Vorsitzenden Herbert Mies – woher kommt das?

Mittlerweile 26 Kondolenzschreiben von Schwesterparteien sind beim Parteivorstand der DKP zum Ableben von Herbert, unseres langjährigen Vorsitzenden, eingegangen. Viele europäische kommunistische Parteien, z. B. aus Portugal, Griechenland, Zypern, der Türkei und Ungarn. Schreiben aus anderen Kontinenten, aus Palästina und dem Irak, aber auch aus Mexiko, Ecuador, Chile, Kolumbien, Nicaragua, Venezuela und Kuba.

Herbert war Internationalist und genoss überall auf der Welt, bei kommunistischen und Arbeiterparteien, bei Befreiungsbewegungen großes Ansehen. Weil für Ihn Solidarität nicht nur ein Wort war. In die Zeit, als er die DKP führte, fallen Solidaritätsaktionen mit Nicaragua, Solidarität mit dem Volk von Chile, dessen Ausbruch aus dem Kapitalismus mit einem von den USA unterstützten Putsch abgewürgt wurde – tausende wurden ermordet, tausende mussten fliehen, Herbert, die DKP und die DDR organisierten Solidarität. In diese Zeiten fallen Solidaritätsaktionen mit dem des ANC und der Südafrikanischen Kommunistischen Partei gegen die rassistische Apartheid. Das ist und bleibt einer der Gründe, warum Herbert auf der ganzen Welt nicht vergessen werden wird.

Trotzdem, solch eine kleine Partei und soviel internationale Beachtung, woher kommt das? Die DKP und Herbert, der sie maßgeblich geprägt hatte, standen in der kommunistischen Weltbewegung für das Land von Marx und Engels, für Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht. Herbert stand für die Partei Ernst Thälmanns, der die KPD zur Massenpartei gemacht hatte und der in den Kerkern der Faschisten standhaft blieb. Herbert stand weltweit für die KPD, die im Faschismus den größten Blutzoll erbracht und elf Jahre nach der Befreiung von Adenauer schon wieder verboten wurde, nachdem bereits fünf Jahre zuvor die FDJ verboten und damit auch Herbert in die Illegalität getrieben worden war. Herbert stand weltweit für die zwölf Jahre des illegalen Kampfes bis ins Jahr 68 und er stand dafür, an dieser Nahtstelle der Systemkonfrontation zwischen Imperialismus und Sozialismus den Kommunisten wieder die Möglichkeit des legalen Auftretens erkämpft zu haben.

Diese Nahtstelle der Systemkonfrontation war nun beileibe kein Netz, an dem man sich mit Wattebäuschen bedrohte – hier standen sich zwei Militärbündnisse gegenüber, NATO und Warschauer Vertrag – eine kriegerische Auseinandersetzung wäre mit großer Wahrscheinlichkeit zum 3. Weltkrieg, zur Zerstörung der Menschheit geworden. Natürlich sah Herbert im realen Sozialismus, im Warschauer Vertrag, die Kräfte des Friedens. Und wenn wir uns den Lauf der Geschichte, auch heute, betrachten, dann hatte er recht. Er sah aber auch die Notwendigkeit, den Friedenskampf auf der anderen Seite der Nahtstelle, in der mächtigen imperialistischen BRD, zu organisieren. Auch das brachte der DKP und ihm zu recht sehr viel Hochachtung. Die Beiträge der DKP zur Friedensbewegung der 80er Jahre, die Herrschenden sprachen immer von kommunistischer Unterwanderung, sie waren groß und von strategischer Natur, wenn ich an die Zusammenführung von Friedens- und Arbeiterbewegung denke.

Nun glaube man nicht, dass die Herrschenden die Legalität der DKP so einfach hinnahmen. Vier Jahre nach der Neukonstituierung, unter Willy Brandt, die Berufsverbote. Herbert und die DKP permanent geheimdienstlich überwacht – keineswegs so „harmlos“ und „zurückhaltend“, wie es bei neuen Nazis ist, die angeblich unentdeckt zehn Jahre mordend durch unser Land ziehen können. Man kann sagen, dass es kaum eine Phase im Leben von Herbert gab, an dem er die Repression dieses Landes nicht zu spüren bekam, selbst nach seiner Zeit als Vorsitzender, in den 90er Jahren wurde er nochmal einige Tage in Beugehaft genommen.

Die Zerschlagung dieses realen Sozialismus, die hat Herbert gesundheitlich dramatisch zugesetzt, das Herz im wahrsten Sinne gebrochen hat ihm zu sehen, wie einer, den er noch wenige Jahre zuvor für einen Genossen gehalten hatte, Herberts Genossen – ich nenne stellvertretend Heinz Kessler, Erich Honecker und Egon Krenz – der Justiz des Klassengegners auslieferte und die Kommunistische Partei der Sowjetunion verbieten ließ – Gorbatschow.

Aus der ersten Reihe zurückzutreten fiel ihm nicht leicht, die Krankheit erzwang es. Bei Telefonaten mit Herbert konnte es schon passieren, dass man nach den ersten Sätzen Schwierigkeiten hatte, noch einmal das Wort zu bekommen. Herbert war immer hervorragend informiert und, wie man heute sagt, gut vernetzt, er hatte viel zu viel Kluges zu sagen, als dass das in gelegentlichen Telefonaten abzuarbeiten gewesen wäre.

Herbert hielt große Stücke auf die SDAJ, „seinen“ Jugendverband. Die Frage nach der SDAJ blieb nie aus und die Orientierung „Ihr müsst sie hegen und pflegen“ blieb nie aus. Ich bin mir sicher, bei seinem letzten öffentlichen Auftritt, bei unserer Veranstaltung zum 60. Jahrestag des Verbots der KPD, da war sein zentrales Anliegen, sein Vermächtnis nochmal an die „Jungen“ weiterzugeben. Das tat er – und wie. Im Zeitzeugengespräch waren die ihm gestellten Fragen eher sekundäre Orientierungspunkte und, wie man heute sagt: Er rockte den Saal – das Mikrofon brauchte er nicht. Am Ende hob er seinen Gehstock mit dem Ausspruch: „Damit haben wir früher auch anderes gemacht.“ Eine kommunistische Geschichtsstunde, die besser nicht geht.

Mit Herbert, unserem Genossen, unserem Vorsitzenden, verliert die DKP, die kommunistische Weltbewegung einen ganz Großen und ich selbst einen Freund und wichtigen Berater.

Herbert – Rotfront und Glückauf!

 

Internationale Solidarität, internationale Trauer

Herbert Mies stand für Internationalismus. Die Solidarität der DKP und sein Beitrag sind die Gründe, aus denen Kommunisten und Kämpfer von Befreiungsbewegungenüber seinen Tod trauern. 27 Parteien aus anderen Ländern haben der DKP Beileidsbriefe geschrieben, UZ dokumentiert Auszüge.

„Wir erinnern uns an seinen Beitrag für die Stärkung der brüderlichen Beziehungen zwischen der Portugiesischen Kommunistischen Partei und der Deutschen Kommunistischen Partei und an die aktive Solidarität der deutschen Kommunisten mit der Nelkenrevolution in Portugal. Wir übermitteln euch das herzliche Beileid und die brüderliche Solidarität der portugiesischen Kommunisten.“

Portugiesische Kommunistische Partei (PCP), Sekretariat des Zentralkomitees

„Wir brauchten damals, aber brauchen besonders jetzt immer mehr Arbeiterpolitiker wie Herbert Mies. Gerade jetzt ist es wichtig, dass wir eine marxistisch-leninistische Partei weiter aufbauen. Die Lage ist kompliziert, denn man braucht klare Köpfe und starken Charakter. Dafür sind Beispiele wie Herbert Mies sehr wichtig.“

Neue Kommunistische Partei der Niederlande (NCPN), Wil van der Klift (Internationaler Sekretär)

„Genosse Mies widmete sein ganzes Leben konsequent der Arbeiterklasse und dem Volk seines Landes. (…) Herbert Mies war ein kämpferischer Gegner des Kapitalismus und des Antikommunismus, konsequenter Verfechter des proletarischen Internationalismus, Verteidiger der Deutschen Demokratischen Republik, der Sowjetunion, der sozialistischen Errungenschaften. (…)

Die griechischen Kommunistinnen und Kommunisten werden Herbert Mies für sein internationalistisches Wirken und seine Solidarität stets in Erinnerung behalten.“

Kommunistische Partei Griechenlands (KKE)

„Er stand für all die Genossen, die ihren Beitrag leisteten für die weitere Existenz der DKP – auch in den schwierigsten Zeiten, in denen die Partei verboten war und in denen das ‚Berufsverbot’ herrschte – als eine Partei des arbeitenden Volkes und als Triebkraft hinter vielen breiten Bewegungen für Frieden und internationale Solidarität.“

Partei der Arbeit Belgiens (PTB-PvdA), Peter Mertens (Vorsitzender)

„Nicht zuletzt zeichnete den Genossen Mies seine unerschütterliche Solidarität und enge Freundschaft mit der DDR, der größten Errungenschaft der deutschen Arbeiterbewegung, aus.

Die kommunistische Bewegung in der BRD verliert mit Genossen Mies eine ihrer bedeutendsten Persönlichkeiten, die internationale kommunistische Bewegung einen verlässlichen Freund.“

Partei der Arbeit, Österreich (PdA), Parteivorstand

„Wir kannten Genossen Mies als einen der Unerschrockenen, wenn es um das Selbstbestimmungsrecht der Völker ging, der energisch jedem Versuch entgegentrat, den Kampf der Völker und besonders den Kampf des palästinensischen Volkes zu diffamieren. (…) Wir versichern dem Genossen Mies: Ruhe in Frieden, du hast genug Genossinnen und Genossen, die deine Ideen, deine Träume und deinen unermüdlichen Kampf für Demokratie und soziale Gerechtigkeit bis zum Sieg weiterverfolgen werden.“

Demokratische Front zur Befreiung Palästinas (DFLP), Zentralkomitee

„Wir, die Kommunistinnen und Kommunisten aus der Türkei, trauern um unseren Genossen Herbert Mies. (…) Wir werden die unschätzbare Unterstützung der DKP in der organisatorischen und politischen Arbeit der Kommunistischen Partei der Türkei in den 70er und 80er Jahren nicht vergessen. Heute ist es sicherlich nicht leicht sich vorzustellen, wie wertvoll diese Unterstützung für eine damals in der Türkei strengstens verbotene und verfolgte Partei war.“

Kommunistische Partei der Türkei (TKP), Deutschlandkomitee

„Viele Generationen der ungarischen Kommunisten kannten und respektierten Genosse Herbert Mies. Er hat sein Leben dem Kampf für den Sozialismus gewidmet.“

Ungarische Arbeiterpartei (Munkáspárt), Präsidium

„Der Genosse Herbert Mies wird für unsere Partei ein lehrendes Vorbild des überzeugten Antifaschisten und proletarischen Internationalisten, des furchtlosen Klassenkämpfers gegen Kapitalismus und für Sozialismus und Kommunismus bleiben. (…) Die kommunistische Weltbewegung hat einen geschätzten Genossen verloren, jedoch sein revolutionäres Beispiel wird für alle Generationen weiterleben.“

Kommunistische Partei Venezuelas (PCV), Oscar Figuera (Generalsekretär) und Carolus Wimmer (Internationaler Sekretär)

„Mit ihm verliert die DKP einen Genossen, der 1968 führend an der Neukonstituierung der Partei der Kommunisten in der Bundesrepublik mitwirkte und die DKP als marxistisch-leninistische Partei der Arbeiterklasse während der nachfolgenden Jahrzehnte prägte.“

Kommunistische Partei Luxemburgs (KPL), Ali Ruckert (Vorsitzender)

„Seine Arbeit hat den Grundstein gelegt für die gegenwärtigen Aktivitäten deutscher Kommunisten und er bleibt auch für uns eine Inspiration.“

Kommunistische Partei Polens (KPP), Krzysztof Szwej (Vorsitzender)

„Als benachbarte Partei der DKP haben wir über viele Jahre die wertvolle Zusammenarbeit mit Herbert erleben können, und wir wissen um seine enorme Arbeit für das Wohl der Arbeiterklasse in Deutschland und darüber hinaus.“

Kommunistische Partei in Dänemark (KPiD), Zentralkomitee

„Der Genosse Herbert Mies hat sein Leben dem Kampf gegen das Ausbeutersystem gewidmet.“

Neue Kommunistische Partei Jugoslawiens (NKPJ), Marijan Kubik (Internationale Abteilung)

„Er wird immer in Erinnerung bleiben dafür, dass er als Vorsitzender der kommunistischen Jugend und als Mitglied der Leitung der KPD unter schwierigen, illegalen Bedingungen tapfer gekämpft hat. Er wird auch in Erinnerung bleiben dafür, dass er die Grundlagen für die neukonstituierte legale kommunistische Partei legte, die DKP, die er 16 Jahre lang leitete.“

Irakische Kommunistische Partei (KPI), Politisches Büro des Zentralkomitees

„Die Trauer, die für uns der Tod des historischen Genossen Herbert Mies bedeutet, ist gering angesichts der großen Freude, von ihm ein ganzes Leben des Kampfes ohne Wanken bekommen zu haben, eines Kampfes im Schlund des Klassengegners. Diejenigen von uns, die in der DDR gelebt haben, wussten von seinem Kampf jenseits der Grenze und seiner revolutionären Konsequenz.“

Kommunistische Partei Ecuadors (PCE), Winston Alarcón Elizalde (Generalsekretär)

„Wir Sandinisten solidarisieren uns in diesem Augenblick des Schmerzes mit den deutschen Kommunisten, die – da sind wir sicher – mit der Intensivierung ihres Kampfes, der auch unserer ist, ihrem verstorbenen früheren Anführer die beste Ehre erweisen.“

Sandinistische Front der Nationalen Befreiung, Nicaragua (FSLN), Fernando Acosta Esquivel (Generalsekretär)

„Als Kommunist musste er sich sein ganzes Leben lang vielen Widrigkeiten stellen und er hielt bis zu den letzten Momenten in seinem Leben am Kampf für seine Ideen fest. (…) (Er war ein) in der Aktion und Geschichte der deutschen Kommunisten unentbehrliche(r) Genoss(e).“

Kommunistische Partei Kubas (PCC), Abteilung für Internationale Beziehungen

„Wir können nicht unterlassen die enorme Solidarität der DKP zu erwähnen, die der Genosse Mies angeführt hat, beim Kampf des chilenischen Volkes zur Niederringung der Diktatur, und die Hilfe, die unsere Genossinnen und Genossen bekamen, die ihr Exil in der Bundesrepublik Deutschland verbrachten.“

Kommunistische Partei Chiles (PCCh)

Den vollständigen Text aller Beileidsbriefe kommunistischer und Arbeiterparteien zum Tod von Herbert Mies finden Sie auf news.dkp.de.

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"Überzeugt und überzeugend", UZ vom 3. Februar 2017



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