Neuer Dokumentarfilm über die Rote Kapelle kritisiert bisherige Aufarbeitung und schreibt Geschichte um

Die Wahrheit geht anders

Flugblätter- und Plakatieraktionen, Verstecken von Menschen in Gefahr, Informationsübergabe an die sowjetischen Geheimdienste – das lose Netzwerk verschiedener Widerstandsgruppen, dem die Gestapo später den Namen „Rote Kapelle“ gab, verfolgte viele Aufgaben, alle mit einem Ziel: Die faschistische Herrschaft zu stürzen und den Krieg zu verhindern, beziehungsweise, als es dafür zu spät war, ihn zu beenden. So unterschiedlich wie ihre Aktionsformen waren auch die Mitglieder der Roten Kapelle: Militärs, Künstler, Kirchenleute, Kommunisten, vereint in dem Ziel, die Naziherrschaft zu beenden.

Die Rote Kapelle
Drehbuch und Regie:
Carl-Ludwig Rettinger
Im Kino

102 dieser Widerstandskämpferinnen und Widerstandskämpfer der Roten Kapelle haben für dieses Ziel ihr Leben gelassen. Sie wurden hingerichtet, von der Gestapo zu Tode gefoltert oder sahen sich zum Suizid gezwungen, um die Folter zu beenden. Diesen 102 Menschen hat Carl-Ludwig Rettinger seinen Dokumentarfilm „Die Rote Kapelle“ gewidmet. Einen Gefallen hat er ihnen mit dem Film nicht getan.

Die Machart des Films ist, das kann man nicht anders sagen, gut. Zwischen Ausschnitten aus der westdeutsch-französischen Serie „Die Rote Kapelle/L’Orchestre Rouge“ und dem DEFA-Film „KLK ruft PTX – Die Rote Kapelle“ kommen Nachfahren der Widerstandskämpfer und Forscher zum Thema „Rote Kapelle“ zu Wort, darunter Hans Coppi, Sohn von Hans und Hilde Coppi, die von den Nazis für ihre Tätigkeit in der Roten Kapelle hingerichtet wurden. Mit der Geschichte der Roten Kapelle wird die des Kriegsverlaufs des Zweiten Weltkriegs erzählt. Und genau da tappt Rettinger in die erste Falle. Ohne die Hintergründe genauer zu beleuchten, übernimmt der Regisseur die Erzählung von der Mitschuld der Sowjetunion am Zweiten Weltkrieg, spricht vom Nichtangriffspakt zwischen Hitler und Stalin als einer „Einigkeit von zwei Diktatoren“ und davon, dass die Zelle der Roten Kapelle, die in Brüssel tätig war, Weisung aus der SU bekam, sich auf Britannien zu konzentrieren und den „deutschen Bündnispartner nicht zu verärgern“. Und obwohl es in dem Film auch darum geht, wie entscheidend es für die Sowjetunion war, Informationen der Roten Kapelle zu erhalten und sich so darauf vorbereiten zu können, dass die Wehrmacht gen Stalingrad zog, benennt auch dieser Film in schöner neuer Manier den Landungstag der Alliierten in der Normandie als den Wendepunkt des Zweiten Weltkriegs.

Doch damit nicht genug. Ausgangspunkt des Films sind die beiden oben schon genannten Filme aus Ost und West. Der Film unterstellt beiden Produktionen, nur „die halbe Wahrheit“ zu erzählen. Laut Pressetext zum Film hätten „ehemalige Gestapo-Leute auf der einen und die Stasi auf der anderen Seite … die Darstellung entscheidend beeinflusst: hier eine fiebrige Agentenstory mit roten Spionen und Hochverrat, da ein heroisches Widerstandsdrama.“ Regisseur Rettinger geht sogar noch weiter: In beiden Filmen fehlten die Folterszenen durch die Gestapo, man hätte dies in den 1970er Jahren dem Publikum nicht zumuten wollen. „Noch lebten die Täter und unzähligen Parteigänger – im Westen wie im Osten.“ Im Film wird dann aber doch noch einmal genauer unterschieden zwischen den Vorwürfen an die DEFA-Produktion von Horst E. Brandt (1970) und an den WDR-Sechsteiler von Franz Peter Wirth (1972). Hans Coppi stellt klar, dass sein Vater nicht, wie im DEFA-Film dargestellt, von „der Partei“ gebeten worden sei sich zum Funker ausbilden zu lassen, um kodierte Nachrichten an die Sowjetunion zu übermitteln, sondern von Harro Schulze-Boysen. Was soll das für eine Falschdarstellung sein im Vergleich dazu, dass in der WDR-Serie die Gestapo bei der Durchsuchung des Hauses der Roten Kapelle in schön ordentlich lesbarem Deutsch beschriebene Zettel mit den Namen und Adressen der Widerstandskämpfer findet und daher wie die höflichen Fernsehkommissare aus dem Samstagabendkrimi agieren? In Wahrheit wurden die Funker rund um die Kodiererin Sophia Poznanska, genannt Zosha, über Wochen gefoltert, um ihnen die Namen ihrer Kameradinnen und Kameraden abzupressen. Sophia Poznanska sprang aus dem Fenster, um weiterer Folter zu entgehen. Geredet hat niemand von ­ihnen.

Der aktuelle Film von Carl-Ludwig Rettinger, der angetreten ist, um die wahre Geschichte der Roten Kapelle zu erzählen, erwähnt an keiner Stelle, dass Hans Coppi und seine Frau Hilde, Arvid und Mildred Harnack und viele andere Mitglieder der Roten Kapelle in der KPD waren. Und reiht sich damit ein in den unerträglichen Geschichtsrevisionismus auf dem Rücken derer, die für die Befreiung Deutschlands vom Faschismus ihr Leben gelassen haben.

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Über den Autor

Melina Deymann, geboren 1979, studierte Theaterwissenschaft und Anglistik und machte im Anschluss eine Ausbildung als Buchhändlerin. Dem Traumberuf machte der Aufstieg eines Online-Monopolisten ein jähes Ende. Der UZ kam es zugute.

Melina Deymann ist seit 2017 bei der Zeitung der DKP tätig, zuerst als Volontärin, heute als Redakteurin für internationale Politik und als Chefin vom Dienst. Ihre Liebe zum Schreiben entdeckte sie bei der Arbeit für die „Position“, dem Magazin der Sozialistischen Deutschen Arbeiterjugend.

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"Die Wahrheit geht anders", UZ vom 3. September 2021



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