In Britannien kollabiert der Nationale Gesundheitsdienst, auch Dank der neoliberalen Politik der letzten Jahrzehnte

Vermächtnis Florence Nightingales?

Ben Lunn, Glasgow

Wie in allen Nationen, die von dieser Pandemie betroffen sind, stehen Britanniens Krankenschwestern, Ärzte, weitere Angehörige der Gesundheitsberufe und andere in Krankenhäusern Arbeitende an vorderster Front im Kampf gegen das Coronavirus. Sie sind jedoch völlig unzureichend ausgerüstet und ihr Leben unnötig gefährdet.

Seit ihrer Regierungsübernahme im Jahr 2010 haben die Tories, die zuvor von den Liberaldemokraten und später von der Democratic Unionist Party unterstützt wurden, den Nationalen Gesundheitsdienst (NHS) unerbittlich angegriffen in der Hoffnung, ihn so weit zu untergraben, um ihn durch einen privatisierten Dienst ersetzen zu können, der eher dem System in den USA ähnelt. Dies führte zu dem nie dagewesenen Umstand, dass 2016 die Ärzte in Ausbildung in den Streik traten. Eine Simulation im Jahr 2015, mit der die Vorbereitung des NHS für eine Katastrophe eines Ausmaßes wie der derzeitigen Pandemie getestet werden sollte, zeigte zudem, dass der NHS „kläglich vorbereitet“ sei.

Als im Januar China das Virus bekämpfte, blieb Britannien untätig und versäumte es sogar, einfache Dinge, wie Testen derjenigen zu veranlassen, die ins Land einreisen, oder die Einschränkung von Reisen nach Asien zu veranlassen. Im Februar, als sich die Pandemie zunehmend auch auf Italien auswirkte, wurde immer noch wenig unternommen. Anfang März war Britannien schließlich gezwungen, in irgendeiner Form zu handeln. Die britische Regierung erklärte jedoch, ihr Ziel sei eine „Herdenimmunität“, wobei der Premierminister sogar so weit ging, vorzuschlagen, die Kampagne als „Operation letzter Atemzug“ zu bezeichnen. Am 2. März berichteten britische Medien, dass nur acht von 1.618 Personen den Plänen der Regierung vertrauten. Nach breitem Druck des Volkes wurde die Regierung zum Handeln gezwungen, was zum Beginn der Quarantäne Britanniens führte.

Als Ergebnis eines Jahrzehnts der Sparmaßnahmen, kombiniert mit den jüngsten Fehlern, sind unsere Mitarbeiter im Gesundheitswesen schlecht vorbereitet und vom Tod bedroht. Besonders skandalös ist der Mangel an persönlicher Schutzausrüstung (PSA) für Mitarbeiter des NHS.

Dieser Mangel rief eine Vielzahl von Reaktionen hervor, bereits Anfang Februar forderte der damalige Labour-Vorsitzende Jeremy Corbyn die Regierung auf, die notwendige Ausrüstung im ganzen Land zu verteilen. Die Reaktion der Regierung war, den NHS wie eine Wohltätigkeitsorganisation zu behandeln – indem sie die Bürger bat, „für die Helden zu klatschen“, dem Personal Medaillen verlieh oder Einzelpersonen ermutigte, Geld für den NHS zu sammeln. Die Tatenlosigkeit und der fadenscheinige individualistische Ansatz wird durch den Neoliberalismus angetrieben, der bereit ist, Leben wegzuwerfen, wenn es die Wirtschaft vor dem Kollaps bewahrt.

Viele haben versucht, die Schuld auf den Brexit zu schieben und dabei die Unfähigkeit der EU ignoriert, Italien zu helfen. Die einfache Realität ist jedoch, wenn Britannien im Januar, als Covid-19 in China ausbrach, die notwendigen Maßnahmen ergriffen und die PPE im ganzen Land verteilt hätte, wäre die Situation weit weniger düster.

Überall im Staat sind die Gewerkschaften mobilisiert und wohl seit dem Bergarbeiterstreik von 1984 am aktivsten. Sie kämpfen an allen Fronten, sie zwingen die Regierung, Selbstständigen zu helfen, sie zwingen die Regierung, dafür zu sorgen, dass es während der Pandemie keine Zwangsräumungen gibt, sie zwingen die Regierung, dafür zu sorgen, dass die Arbeiterinnen und Arbeiter auch dann noch ihren Lohn erhalten, wenn sie nicht an vorderster Front arbeiten. Als Akt der Solidarität mit den Notfalldiensten stimmte die CWU (Gewerkschaft der Kommunikationsarbeiter, die die Postangestellten Britanniens vertritt) einstimmig für die Verschiebung des Streiks, um die landesweiten Bemühungen zur Bekämpfung des Virus zu unterstützen.

Für die Beschäftigten im Gesundheitswesen werden Streiks immer wahrscheinlicher, doch wie beim Streik im Jahr 2016 bedeutet dies nicht notwendigerweise eine vollständige Schließung von Krankenhäusern und Notdiensten. Unite, die Gewerkschaft, die einen großen Teil der Beschäftigten im Gesundheitswesen vertritt, versucht, den Druck auf die Regierung aufrechtzuerhalten, damit sie den Beschäftigten das zur Verfügung stellt, was sie brauchen.

Für eine Nation, die die edle Florence Nightingale hervorgebracht hat, zeigt dieser Moment des Scheiterns, dass wir als Staat unsere Beschäftigten im Gesundheitswesen in allen Bereichen im Stich gelassen haben. Dieses Versagen wird nicht nur ein Rückschlag sein, der zum Untergang des NHS, wie wir ihn kennen, führen könnte, sondern auch zu einer Situation, in der die Zahl der Todesopfer noch verheerender ist. Wir, die Kommunistische Partei Britanniens, kämpfen zusammen mit unseren Verbündeten in der Gewerkschaftsbewegung so gut wir können für das Wohl der Arbeiterinnen und Arbeiter und das Leben der Bürger unserer Nation.

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"Vermächtnis Florence Nightingales?", UZ vom 1. Mai 2020



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