Transfermarkt oder moderner Sklavenhandel?

Von der Zerrissenheit der Gefühle

Alle Jahre wieder öffnet sich in der Sommerpause das Transferfenster. Manche Wechsel sind bereits vorab bekannt, so in diesem Jahr der schmerzliche Verlust unseres Fußballgottes Grischa Prömel (geht zu Hoffenheim). Wieder andere gelangen erst in letzter Minute an die Öffentlichkeit, so wie letztes Jahr der herbe Verlust unserer Maschine Rob Andrich (ging zu Leverkusen). In der Winterpause das selbe Spiel. Jedes Mal wieder taumle ich in dieser Zeit zwischen den Gefühlen.

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Auf der einen Seite schmerzen manche Abgänge meiner Rasenhelden. Meist, weil sie mir in ihrer Spielweise sehr ans Herz gewachsen sind und die DNA des Vereins zu verkörpern scheinen. Andere Abgänge jucken mich nicht die Bohne, weil mit ihnen ohnehin zu rechnen war und sich da auf einmal wieder die Erinnerung einstellt, dass Fußball eine Marktwirtschaft ist und nichts mit Romantik zu tun hat. Mit Zugängen verhält es sich genauso. Wobei sich bei mir eine große „gesunde“ Skepsis gegenüber jedem Neuling entwickelt hat. Khedira brauchte zuletzt zwölf Spieltage, um endlich von mir akzeptiert zu werden. Bei anderen ging es schneller. Jäckel war sofort in meinem Fan-Herzen. Vermutlich, weil er ziemlich frech spielt. Und manchmal dennoch wirkt wie ein kleiner tapsiger Welpe. Letzteres verwuchs sich in der Saison zusehends. Welch eine Freude, Spielern bei ihrer Entwicklung zuzusehen! Doch ich laufe ins Abseits.

Es gibt natürlich große Namen, von denen man träumt, sie mögen sich für den geliebten Verein entscheiden. (Wobei ich zum Beispiel Haaland nicht mal geschenkt haben möchte!) In der Sommerpause ist daher nicht nur die Zeit, die Wunsch-Ligen zu notieren (in der Bayern und RB nie auftauchen …), sondern auch den Transferticker zu verfolgen und zu fachsimpeln, wer am besten ins Team passt. Wen wünscht man sich, wer soll fernbleiben oder am besten ins Ausland gehen, weil man ihn unerträglich findet? In diesem herrlich lockeren Geplänkel ist natürlich jeder von seiner eigenen Weisheit überzeugt und schüttelt erstaunt den Kopf über törichte Äußerungen des anderen. Hin und wieder findet sich eine Gemeinsamkeit – redet man mit Fans anderer Klubs darüber, findet sich die Einigkeit schnell in Spielern, die bereits bei ihnen aufliefen und nun zu uns wechseln oder umgekehrt. Es ist der Klang des Sommers. Im Park, zu Hause, in der Kneipe. Gemütlich bei einem Kaltgetränk und dem tiefen Gefühl, Fußball ist die schönste Nebensache der Welt!

Jedoch gibt es zwei Fragen, die mich in all den Jahren meines Fan-Daseins umtreiben: Warum werden für Spieler so horrend hohe Summen gezahlt? (Ablöse wie Gehälter) Und, was ich bereits mit sieben Jahren meine Mutter fragte, ist das nicht ein Sklavenhandel?

Die Antwort darauf blieb sie mir bis heute schuldig. Mir aber ging diese Frage immer wieder durch den Kopf. Und jede Spielpause aufs Neue stolpere ich darüber. Es wurmt mich. Es bringt mich in die schlimmste Zerrissenheit der Gefühle: die Liebe zum Fußball, die Leidenschaft mit all ihrer Hingabe: Höhen, Tiefen, Hinfallen, Aufstehen, Leid und Ekstase. Ihr gegenüber das Gefühl, es ist falsch. So fühlte ich es mit sieben Jahren und daran hat sich bis heute nichts geändert. Natürlich lernte ich irgendwann, dass es nicht die Menschen sind, sondern ihre Arbeitsleistung, die eingekauft wird. Das Gefühl, es ist falsch, blieb dennoch und bekam den Namen Kapitalismus. Der Fußballmarkt verkörpert ihn, seine Entwicklungen unterliegen einem immer rasanteren Tempo. Und mein Fan-Herz bleibt vor Schreck oft stehen, sich fragend, willst du das wirklich? Doch die Trennung vom Fußball vermag es nicht. Und wirft sich so in den nächsten Strudel der Zerrissenheit. Bauch sagt zu Kopf ja, doch Kopf sagt zu Bauch nein und zwischen den beiden steh‘ ich – wie Mark Forster so treffend singt. Die einzige Lösung: künftig Spiele der Kreisklasse sehen, wo der Fußballdiamant noch roh und ungeschliffen ist. Oder doch die Revolution.
Alerta!

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"Von der Zerrissenheit der Gefühle", UZ vom 8. Juli 2022



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