Digitalisierung der Bundeswehr – Weg in die (Tech-)Aufrüstungsspirale

Vorkriegszeit

Martin Kirsch

Seit der Aufstellung eines eigenen Truppenteils für den Cyber- und Informationsraum im Jahr 2017 wird in der Bundeswehr verstärkt über das Thema Digitalisierung geredet. Während die Landstreitkräfte bei diesem Technologiesprung – außer mit vereinzelten Rüstungsprojekten – lange eher im Hintertreffen waren, haben sie sich mit dem Heer an der Spitze in den letzten Jahren zunehmend zur politischen und technischen Triebfeder entwickelt. Ausgehend vom Szenario einer Konfrontation mit einem ebenfalls modern gerüsteten Gegner (Russland) soll sich jedoch nicht nur die Technik der Truppe ändern.

Military Internet – Das Tactical Edge Network

Kern der aktuellen Aufrüstungsbestrebungen der Landstreitkräfte ist es, ein umfassendes Kommunikationsnetzwerk zu errichten, das auch unter Kriegsbedingungen an der Front noch in der Lage ist, digitale Daten- und Sprachverbindungen herzustellen.
Ziel ist ein sogenanntes „gläsernes Gefechtsfeld“, das durch überlegene Aufklärung, Geschwindigkeit und in Echtzeit koordinierte Waffenwirkung geprägt ist.

Einen Schritt weiter ist die Bundeswehr bereits damit, die Verwaltung, Logistik und den Grundbetrieb in Deutschland auf den neuesten Stand zu bringen. Zwischen 2006 und 2016 wurden deutlich über 7 Mrd. Euro in die Modernisierung aller Computer, Telefone, Netzwerke, Server und Rechenzentren der Bundeswehr in Deutschland gesteckt und ein eigenes Glasfasernetz aufgebaut.

Thesenpapiere aus dem Heer

Das erste der drei Papiere nimmt unter dem Titel „Wie kämpfen Landstreitkräfte künftig?“ „den Kampf gegen einen gleichwertigen Gegner als Grundstein der Überlegungen“. Diesem Gedanken folgend wird ein Feind angenommen, der über Artillerie und Luftwaffe sowie Drohnen und Fähigkeiten zur Cyber- und Informationskriegführung verfügt und dem man auf einem digitalisierten, gläsernen Gefechtsfeld begegnet. Zudem beinhaltet das Papier ein fiktives Szenario, das, ausgehend von der Alarmierung der Schnellen Eingreiftruppe der NATO unter deutscher Führung, ein Kriegsszenario gegen Russland durchspielt. Darin „kommt es nach einer Phase von Desinformation, separatistischen Aktivitäten, lokalen Angriffen von Separatisten und verdeckt operierenden Special Operation Forces zum Angriff der gegnerischen Hauptkräfte.“ Eine Schlussfolgerung, die das Papier daraus zieht, ist die Relevanz der sogenannten „Golden Hour“ (goldene Stunde), in der in einer Kombination aus schneller Bewegung auf dem Gefechtsfeld, Cyberangriffen und Informationsoperationen ein entscheidender Angriffsvorteil gegenüber dem Gegner erzielt werden kann.

Um auf diese Bedingungen vorbereitet zu sein, versucht das zweite Thesenpapier bereits im Titel einen Teil der Antwort zu finden – die „Digitalisierung von Landoperationen“.

Das dritte Thesenpapier – „Rüstung digitalisierter Landstreitkräfte“ – wurde auch in den Medien verbreitet. An zentraler Stelle wird der Vorwurf erhoben: „Die Verfahren für Planung, Beschaffung und den Haushaltsvollzug sind regelmäßig zu langsam und gefährden so die äußere Sicherheit Deutschlands.“

Unter der Kapitelüberschrift „The Need for Speed!“ werden dann klare politische Forderungen gestellt, wie sich das Heer einen ihm genehmen Rüstungsprozess in Zukunft vorstellt: „Selbst auferlegte und weitgehend auf zivilen Vorgaben beruhende nationale Regelungen verhindern, dass die Landstreitkräfte mit der technologischen Entwicklung Schritt halten. Diese Regelungen und Bestimmungen können und müssen angepasst werden. Sie stehen dem Ziel der konsequenten Erneuerung der Landstreitkräfte entgegen.“

Während sich Zivilisten aus der konkreten Beschaffung weitgehend heraushalten sollen, wird der zivilen Forschung und Wirtschaft eine umso höhere Bedeutung zugeschrieben. So habe der Technologiesprung vom ersten internetfähigen Handy zum ersten Smartphone keine zehn Jahre gedauert, während die Bundeswehr in Teilen bis in die 2030er Jahre die letzte Generation der Analogfunktechnik aus den 1980er Jahren nutze. Aktuell seien Innovationen aus der zivilen Wirtschaft wie Big Data, Künstliche Intelligenz und Advanced Analytics von großer Bedeutung: „Ein Großteil dieser Entwicklungen hat militärische Relevanz, sowohl als wachsendes Bedrohungspotenzial auf gegnerischer Seite wie auch als militärischer Fähigkeitszuwachs eigener Streitkräfte.“ Um diese militärischen Potentiale zu realisieren, fordert das dritte Thesenpapier die Umsetzung konkreter Vorschläge, die den Rüstungsprozess der deutschen Nachkriegszeit grundlegend umkrempeln sollen, um dem digitalisierten Krieg der Zukunft gerecht zu werden.

Der Plan eines Aufrüstungsmechanismus

Ausgangspunkt der Überlegung ist das bereits seit 2017 existierende Cyber Innovation Hub (CIH) der Bundeswehr. Es ist dafür zuständig, in enger Zusammenarbeit mit Start-ups und Entwicklerszene neue Technologien für die Cybertruppe der Bundeswehr zu identifizieren. Folgt man den Plänen des dritten Thesenpapiers, soll diese Funktion auf die gesamte Truppe und damit auch auf die Landstreitkräfte übertragen werden. Ein künftiges Defence Innovation Hub (DIH) solle permanent einen Blick auf die Entstehung neuer Technologien werfen, um Forschung und Entwicklung auf militärisch wertvolle Ansätze und Ergebnisse zu durchleuchten. Hier sollen einerseits neue Technologien identifiziert werden, die bisher im Militär gar nicht bekannt waren, und andererseits Probleme in der militärischen Entwicklung in der Start-up- und Entwicklerszene bekannt gemacht werden, um deren Ideen anzuregen und sie, wenn brauchbar, für das Militär verwertbar zu machen.

In einem „Systemzentrum Digitalisierung Land“ würden Planer, Beschaffer, Truppe und ausgewählte Industriepartner zusammenarbeiten. In der Führungsetage solle ein sogenanntes „Lifecycle Program Management“ durchgeführt werden. Es wäre dafür verantwortlich, die Planung der jeweiligen Aufrüstungsschritte zu überblicken und mögliche Brüche in Systemkomponenten der bestehenden Brigaden zu identifizieren, die womöglich parallel ausgebessert werden müssten, um eine fehlende Kompatibilität mit neuen Systemen zu vermeiden.

In den Thesenpapieren wird ein Weg vorgezeichnet, das Rüstungswesen, das sich im Deutschland der Nachkriegszeit gebildet hatte, grundlegend umzustrukturieren und den Militärs darin mehr Einfluss zu verschaffen. Angestrebt ist das permanenten Scannen ziviler Forschung und Entwicklung auf militärische Verwertbarkeit, der Wille zur eigenständigen Weiterentwicklung durch das Militär in enger Kooperation mit der wehrtechnischen Industrie sowie das Testen der in Frage kommenden (Waffen-)Systeme durch Kampftruppen. Darauf folgen soll die flächendeckende Aufrüstung am Fließband, um einen Angriffsvorteil und „Wirkungsüberlegenheit“ durch Technologie zu erlangen. Diese Strukturen für das schnelle Nutzbarmachen neuer Technologien sind nicht neu! Nach einem ähnlichen Muster arbeiteten bereits die Heeresversuchsanstalten der Wehrmacht.
Die Bundeswehr ist neben einer anderen politischen Ausgangslage auch in puncto Personenstärke, Material- und Haushaltsumfang mit ihrem historischen Vorgänger, der Wehrmacht, nicht zu vergleichen. Das hält sie aber nicht davon ab, immer aktiver nach (digitalen) Technologiesprüngen zu suchen, die eine „Wirkungsüberlegenheit“ im Kriegsfall ermöglichen sollen. Ein brandgefährliches Unterfangen, um in der Liga der Militärmächte mitspielen zu können.

Aktuell entstehen in der Bundeswehr die Grundsteine einer (auf-)rüstungswirtschaftlichen Maschinerie, die sich mit einem bitterbösen Wort zusammenfassen lassen – Vorkriegszeit.

Ein Scheitern, wie das diverser Megaprojekte, wäre auch für die Digitalisierung der Bundeswehr wünschenswert. Diese Hoffnung ersetzt allerdings nicht die Notwendigkeit eines klaren Widerspruchs aus der Gesellschaft gegen steigende Militärausgaben, Forderungen der Loslösung des Militärs von zivilen Vorgaben und die anlaufende Aufrüstungsmaschinerie in immer engerem Verbund mit (Tech-)Industrie und Wissenschaft.

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"Vorkriegszeit", UZ vom 9. Oktober 2020



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