Über die Corona-Warn-App

Zu Recht misstrauisch

Es kam wie zu erwarten – die gehypte Corona-Warn-App ist nutzlos. Nur rund 20 Prozent der Gesamtbevölkerung in Deutschland haben sie laut Robert Koch-Institut heruntergeladen. Damit liegt die Wahrscheinlichkeit, dass bei einem Kontakt eines Infizierten mit einem Unbekannten beide Personen die App haben, bei schmalen 6 Prozent. Dabei bezieht sich das staatliche Institut auf die Downloadzahlen, nicht auf Nutzerzahlen. Gert Wagner, Mitglied des Sachverständigenrats für Verbraucherfragen, hofft in den Leitmedien, dass bei doppelt so vielen Downloads die Wahrscheinlichkeit auf 25 Prozentpunkte steigt, aber das ist nichts anderes als Schönrechnerei.

Datenschutzinitativen und Bürgerrechtsorganisationen liefen zu Recht Sturm, als die ersten Pläne für die App bekannt wurden. Von zentraler Erfassung der Daten, Preisgabe aller Daten und einer Verpflichtung für Infizierte, sich zu registrieren, war die Rede. Die Bundesregierung reagierte und besserte nach – dezentrale Speicherung, mehr Datenschutz und Infizierte können selber entscheiden, ob sie sich outen. Der Umgang mit den Corona-Gästelisten, die die Polizei für ihre Ermittlungen zweckentfremdet, zeigt deutlich, dass das mehr als nötig war. Ohne Vertrauen ist die App nicht mehr als eine Werbegag.

Aber es ist kein Wunder, dass die Menschen misstrauisch sind. Die App stammt von einem Staat, der tagtäglich versucht Tarifverträge auszuhebeln, Mietendeckel zu verhindern und bereit ist, Kriege in aller Welt zu führen. Entwickelt wurde die App von den Unternehmen SAP und Deutsche Telekom AG unter Beteiligung von rund 25 weiteren Privatunternehmen. Sie treibt nicht die Menschenliebe an, sondern Profit-Interessen, die sie verwirklichen wollen. Wer glaubt denn da noch, seine Daten wären in solchen Händen gut aufgehoben.

Über den Autor

Christoph Hentschel (Jahrgang 1980) ist Politikwissenschaftler und Redakteur für „Politik“. Er arbeitet seit 2017 bei der Zeitung der DKP.

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"Zu Recht misstrauisch", UZ vom 28. August 2020



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