Antirussische Hysterie stößt an ihre Grenzen. Interview mit dem russischen Botschafter Sergej Netschajew

„Zum Dialog gehören immer zwei“

Fast jeden Tag werden neue Absurditäten über angebliche Sabotage- oder Spionageakte Russlands in der BRD verbreitet – am Dienstag war es eine dritte Drohne, die in der Nähe des Leipziger Flughafens gefunden wurde. Da hilft es, einen klaren Kopf zu bewahren und sich nicht provozieren zu lassen. Sergej Netschajew, Botschafter der Russischen Föderation in der BRD, kann das. UZ sprach mit ihm über das Schüren antirussischer Stimmung in Deutschland und dessen Grenzen, denn längst nicht alle Menschen lassen sich für dumm verkaufen.

UZ: Herr Botschafter, die Beziehungen zwischen Deutschland und der Russischen Föderation haben einen neuen Tiefpunkt erreicht. Am 7. August 2026 hat Ihre Botschaft in einer Erklärung ihre „Besorgnis über eine neue Welle antirussischer Hysterie in Deutschland zum Ausdruck“ gebracht. Anlass für diese jüngste Zuspitzung war der Fund einer Angriffsdrohne auf dem Flughafen Leipzig-Halle. Wie bewerten Sie die Reaktion in deutschen Medien auf diesen Vorfall und die Reaktion der Bundesregierung?

Sergej Netschajew: Leider nimmt die antirussische Rhetorik in Deutschland nicht ab. Sie geht einher mit unbegründeten, oftmals absurden Anschuldigungen gegen unser Land zu jedem erdenklichen Anlass – seien es Cyberangriffe, Spionage oder Sabotage. In diese Reihe gehört auch der Fund einer unbekannten Drohne am Flughafen in Leipzig. Es besteht kein Zweifel daran, dass es sich hierbei um eine weitere Provokation handelt, die im Inte­resse des Kiewer Regimes, der europäischen politischen Eliten und der Rüstungslobby inszeniert wurde. Sie alle setzen auf eine weitere Eskalation des Ukraine-Konflikts, die Schwächung Russlands und die ungehemmte Verausgabung staatlicher Gelder.

UZ: Welche Möglichkeiten sehen Sie, um aus dieser bedrückenden Situation herauszukommen?

Sergej Netschajew: Der Bruch der einst vielschichtigen und gegenseitig vorteilhaften deutsch-russischen Beziehungen erfolgt auf Initiative Berlins. Wir haben uns weder von der Zusammenarbeit abgewandt, noch bilaterale „Brücken abgebrochen“. Wir sind überzeugt, dass die heutige Lage nicht den grundlegenden Inte­ressen unserer Länder und Völker entspricht. Doch zum Dialog gehören immer zwei. Leider sehen wir auf deutscher Seite bislang keine Bereitschaft, die aktuelle Situation ändern zu wollen. Vielmehr beobachten wir das Gegenteil: Die wenigen noch verbliebenen „Inseln“ der Zusammenarbeit, wie beispielsweise das Russische Haus für Wissenschaft und Kultur in Berlin, sind immer heftigeren Angriffen hiesiger Hardliner ausgesetzt.

UZ: Politiker aus dem Berliner Abgeordnetenhaus wollen sogar eine Schließung des Russischen Hauses in der Friedrichstraße erreichen und haben das zum Thema im Berliner Wahlkampf gemacht. Wie betrachten Sie diese Kampagne gegen das Russische Haus und die darum entfachte Hysterie?

Sergej Netschajew: Im Vorfeld der für September angesetzten Wahlen in drei ostdeutschen Bundesländern wurde eine beispiellose antirussische Kampagne entfaltet, die auch die Aktivitäten des Russischen Hauses betrifft. Es werden Forderungen laut, den Druck auf dessen Mitarbeiter zu verstärken, den Betrieb des Hauses zu verbieten, das russische Eigentum zu enteignen und die bilateralen Regierungsabkommen, die seinen Status regeln, zu kündigen. Ich möchte betonen, dass das Russische Haus völlig transparent agiert, nicht gegen deutsches Recht verstößt und sich nicht in die inneren Angelegenheiten der Bundesrepublik einmischt. Es wirkt konstruktiv an der Klärung sämtlicher Fragen mit, die von zuständigen deutschen Behörden aufgeworfen werden. Ich bin überzeugt, dass die Arbeit von Kultur- und Informationszentren für die Menschen wichtig ist und nicht zum Gegenstand tagespolitisch motivierter Manöver werden darf.

UZ: Welche Bedeutung hat für Sie gerade heute die Versöhnung zwischen beiden Völkern und der Respekt vor den Ehrenfriedhöfen und den Denkmälern in Deutschland, auf denen Soldaten der Roten Armee bestattet sind?

Sergej Netschajew: Die Nachkriegsversöhnung zwischen dem sowjetischen und dem deutschen Volk war eine entscheidende Voraussetzung für den Aufbau gutnachbarlicher Beziehungen zwischen unseren beiden Ländern. Ein wesentlicher Bestandteil dieser Versöhnung ist der respektvolle Umgang mit den Grabstätten sowjetischer Opfer des Nazismus und der im Krieg gefallenen Soldaten der Roten Armee auf dem Gebiet der Bundesrepublik Deutschland. In Deutschland gibt es über 4.000 solcher Grabstätten, in denen mehr als 700.000 Sowjetsoldaten ihre letzte Ruhestätte gefunden haben.

Bei der Erhaltung und Pflege der sowjetischen Kriegsgräber kommt die deutsche Seite gewissenhaft ihren Verpflichtungen aus dem entsprechenden zwischenstaatlichen Abkommen von 1992 nach. Wir danken dem Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge für die Pflege der Soldatengräber sowie den lokalen Behörden, Aktivisten und Vertretern von Bürgerinitiativen für ihren bedeutenden Beitrag zur Bewahrung des Gedenkens an die Heldentaten der sowjetischen Soldaten. Unter den derzeit schwierigen Bedingungen bleibt die Kriegsgräberfürsorge einer der wenigen Bereiche, in denen weiterhin regelmäßige Kontakte gepflegt werden und eine enge praktische Zusammenarbeit stattfindet.

UZ: Sie nehmen häufig an Gedenkveranstaltungen teil, etwa aus Anlass des Tages der Befreiung oder des Tages des Sieges. Wie begegnet Ihnen die deutsche Bevölkerung bei diesen Gelegenheiten?

Sergej Netschajew: Trotz der Versuche des offiziellen Berlins, den Bereich der Erinnerungskultur zu politisieren – etwa durch Verbote von Siegessymbolen oder dadurch, dass staatliche Stellen gemeinsame Gedenkveranstaltungen mit offiziellen russischen Vertretern ablehnen – bemühen sich unsere Mitarbeiter, an möglichst vielen Gedenkaktionen teilzunehmen. Dazu werden wir von deutschen zivilgesellschaftlichen Organisationen, lokalen Behörden sowie politischen Kräften eingeladen, die an einem konstruktiven Dialog interessiert sind. Bei diesen Veranstaltungen erleben wir immer wieder, dass uns die deutschen Bürgerinnen und Bürger herzlich und freundlich begegnen. Dafür sind wir ihnen aufrichtig dankbar.

Darüber hinaus organisieren wir zahlreiche eigene Gedenkveranstaltungen. Auch dort können wir traditionell viele Vertreter der deutschen Öffentlichkeit begrüßen, die Russland gegenüber freundschaftlich eingestellt sind.

UZ: Kann die gegenwärtige Welle der Russophobie die vielen positiven Seiten der deutsch-russischen Beziehungen – ich denke nur an die Freundschaft zwischen der DDR und der So­wjet­union – vergessen machen? Worauf hoffen Sie?

Sergej Netschajew: Selbst während des Kalten Krieges und der ideologischen Konfrontation zwischen Ost und West war eine derart stark ausgeprägte antirussische Stimmung in Deutschland nicht zu beobachten. Das ist sehr bedauerlich. Gleichzeitig besteht jedoch auch Grund zur Hoffnung. Ein beträchtlicher Teil der deutschen Bevölkerung – insbesondere im Osten des Landes – lässt sich von der massiven antirussischen Propaganda nicht beeinflussen. Viele Menschen stehen Russland nach wie vor positiv gegenüber und sind bereit, sich für die Wiederherstellung der deutsch-russischen Beziehungen einzusetzen. Gerade Deutschland hat in der Vergangenheit in besonderem Maße von der Entwicklung dieser Beziehungen profitiert.

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"„Zum Dialog gehören immer zwei“", UZ vom 28. August 2026



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