Das Gesundheitswesen soll privatisiert werden

Britische Ärzte im Streik

Von L. M.

Vom 6. bis 7. April traten die Assistenzärzte in Großbritannien zum dritten Mal in einen 48-stündigen Streik. Über 5 100 Operationen und Behandlungen mussten abgesagt werden. Dies ist insgesamt ihre vierte Aktion mit zusammen 25 000 gestrichenen Behandlungen, um gegen neue Arbeitsverträge zu protestieren, die ihnen das Gesundheitsministerium aufzwingen will. Ihre Arbeitszeit soll z. B. ausgedehnt und die Zuschläge für die Arbeit an Sonnabenden sollen gestrichen werden (UZ berichtete).

Die Ärzte wehren sich gegen Lohnreduzierungen und überlange Arbeitszeiten, auch da dies die Ärzteversorgung im Lande und die Patientensicherheit gefährden würde. Außerdem wurde beklagt, dass die Verträge frauendiskriminierend seien.

Die Gleichheits-und Ethikkommission sah dafür Anhaltspunkte, da überwiegend Frauen in Teilzeit und Alleinerziehende durch die neuen Verträge benachteiligt würden. Am Ende konnte sie sich aber nicht zu diesem Urteil durchringen.Die Ärzte befürchten zudem, dass das stattliche Gesundheitswesen, der NHS, sturmreif geschossen werden soll für Privatisierungen. Auf Plakaten wurde auch der Rücktritt von Gesundheitsminister Jeremy Hunt gefordert.

Dr. Johann Malawana, der Vorsitzender des BMA-Komitees der Assistenzärzte, sagte: „Die Verantwortung für den Streik liegt ganz bei der Regierung. Sie muss beginnen, zuzuhören und Verhandlungen über eine angemessene Finanzierung der Ärzte-Verträge wieder aufzunehmen, um die Zukunft der Patientenversorgung und der NHS zu schützen.“

Jeremy Hunt allerdings gab sich unbeeindruckt. Er bestand darauf, dass die Geschichte ihm Recht geben würde, den 45 000 Assistenzärzten in England neue Verträge aufzuzwingen. Dies äußerte er trotz einer breiten Unterstützung der Streiks in der Bevölkerung. Nicht nur die Patientenorganisation zeigte sich solidarisch,. In einer Umfrage des „Mirror“ gaben 93 Prozent der Bevölkerung Hunt die Schuld an dem Konflikt, 4 Prozent den Ärzten und 3 Prozent sahen die Schuld auf beiden Seiten.

Besonders prominente Unterstützung erhielten die Streikenden vor der Zentrale des Gesundheitsministeriums. Ihren Protest begleitete die Schauspielerin und Politaktivistin Vanessa Redgrave, die an einem „Die-in“ teilnahm.

Sie sagte: „Assistenzärzte werden wie andere wunderbare Sachen behandelt – wie Dreck. Sie werden behandelt, als wären sie verrückt, als wären sie dumm. Ich könnte weinen, sie arbeiten so hart.“

Die NHS-„Arbeitgeber“seite hatte am 6. April triumphiert, dass 46 Prozent der Ärzte zur Arbeit erschienen seien. Sie verschwieg aber, dass dies auch jene einschloss,  die auf ihrer neuen Stelle an Einführungskursen teilnehmen mussten sowie jene, die den vereinbarten Notdienst leisteten. So wirkte dies auch einen bisschen so wie das Pfeifen im Walde angesichts der Ankündigung weiterer Aktionen der Ärzte wie Demonstrationen in den Wahlkreisen von David Cameron und Hunt in den kommenden Wochen. Alles läuft auf einen Vollstreik am 26. und 27. April hinaus. Dies wäre der erste in der Geschichte des NHS.

Den Assistenzärzten ist viel Kraft für ihren Kampf um gute Arbeitsbedingungen und eine gute öffentliche Gesundheitsversorgung zu wünschen. Notwendig wäre auch eine Vernetzung ihres Kampfes mit den Kämpfen der Beschäftigten im Gesundheitswesen anderer Länder.

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"Britische Ärzte im Streik", UZ vom 15. April 2016



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