Bemerkungen zur neoliberalen Ruinierung des britischen Gesundheitssystems

Unterausgestattet, unterfinanziert und unterbesetzt

Das britische Gesundheitssystem ist am Anschlag. Überforderte Ärztinnen und Ärzte, Pflegerinnen und Pfleger, vor allem die „Frontline Workers“, die in der ersten Reihe Stehenden, sind strukturell überfordert, emotional ausgebrannt und stehen vor dem Burnout. Der berühmte NHS (National Health Service), der staatliche britische Gesundheitsdienst, steht angesichts der Covid-19-Herausforderung vor dem Zusammenbruch. Schon im Frühsommer, als die erste Welle abgeklungen war, hatte eine Studie der British Medical Association ergeben, dass satte 44 Prozent der Ärzte unter Depressionen, Angststörungen oder Burnout leiden. Über 70 Prozent der Pflegekräfte beklagten den negativen Effekt von Covid-19 auf ihre mentale und physische Gesundheit. Im Dezember fand eine Studie, dass das Gesundheitspersonal ein sieben Mal höheres Risiko trägt, eine schwere Covid-19-Erkrankung zu erleiden, als der Durchschnitt der Bevölkerung. Es ist klar, dass so etwas nicht lange gutgehen kann.

Der NHS wurde 1948, drei Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg, gegründet. Labour hatte in der anti-kapitalistisch geprägten Nachkriegszeit unter Clement Attlee einen Erdrutschsieg errungen und versprach weitgehende Sozialreformen und ein keynesianistisch geprägtes „gemischtes Wirtschaftssystem“. Der NHS war Teil dieses Zugeständnisses der britischen Bourgeoisie an die durchaus selbstbewusste britische Arbeiterklasse, die nach ihren Opfern im Zweiten Weltkrieg einen größeren Anteil vom Kuchen wollte. Der staatliche NHS versprach eine vom Kommerz unabhängige, humane Gesundheitsvorsorge und -versorgung, die sich von der privaten Profitmedizin US-amerikanischen und heute auch bundesdeutschen Zuschnitts kategorial unterscheiden sollte. Seither galt der NHS als eine Art unveräußerliches Erbe, das selbst Margaret Thatcher nicht anzutasten wagte.

Das bedeutete natürlich nicht, dass der NHS seine Ziele vollständig hätte durchsetzen und die neoliberale Offensive unbeschadet hätte überstehen können. Jedes öffentliche Gesundheitssystem ist so gut wie die materiellen und personellen Ressourcen, die ihm bewilligt werden. Und die sind in Zeiten der Austeritätsprogramme, der Privatisierungen und des „Privat vor Staat“ natürlich nicht so üppig. Unter Thatcher wurde die „gemischte Wirtschaft“ der 1950er/60er Jahre wieder privatisiert. Das britische Tafelsilber, rund 50 große Staatskonzerne, wurde für rund 25 Milliarden Pfund verramscht. Der NHS entging zwar Thatchers Resterampe, aber er wurde strukturell unterfinanziert, insbesondere seit der Krise 2007/8 stieg das Budget der NSH nicht einmal halb so schnell wie im ohnehin schon nicht üppigen Durchschnitt seit seiner Gründung. Die Austeritätspolitik wurde EU-weit, auch auf Betreiben Berlins, zur heiligen Kuh.

Heute ist der NHS unterausgestattet, unterfinanziert und unterbesetzt. Von den 299.000 Krankenhausbetten Ende der 1980er Jahre sind ganze 118.451 geblieben. Der größte Teil der ehemaligen Kapazitäten ist outgesourct und in private Alters-„Residenzen“ verlagert worden, die nun zusammen mit den Pflegeheimen in Corona-Zeiten zu Sterbehäusern geworden sind. England besitzt ganze 246 Krankenhausbetten pro 100.000 Einwohner. Deutschland 800. Ein Bett zu bekommen, ist zu einem Glücksfall geworden. Ewig lange Wartezeiten sind die Regel, auch für Schwerkranke.

Krankenhäuser, Krankenhausbetten, Gesundheitspersonal, Beatmungsgeräte und Schutzkleidung kosten Geld. Die neoliberale Doktrin verlangt, dass nur so viel angeschafft, eingestellt und bevorratet wird, wie operativ unbedingt benötigt wird. Und in der Regel nicht einmal das. Vorratshaltung, die Zeit für ein Gespräch, für Durchatmen ist nicht vorgesehen. Die neoliberale Wirklichkeit ist die des künstlich erzeugten Mangels, der Überlastung, des Durchwurschtelns, des Dauerstresses, der Unzufriedenheit, des Ausgebranntseins, der Depression und der Burnouts. Die Zahl der kranken oder in Selbstisolation befindlichen Mitarbeiter des Gesundheitswesens liegt bei 99.934.

Und auf diese Misere trifft nun die Zusatzanforderung durch das Coronavirus. Aktuell sind in England 28.246 Krankenhausbetten von Patienten belegt, die eine bestätigte Corona-Erkrankung haben. Von diesen Patienten werden 2.654 mit Respiratoren beatmet. Insgesamt vorhanden sind allerdings nur 4.751 Beatmungsgeräte. Wie leicht zu ersehen ist, wäre die Zahl an Zusatzpatienten durchaus zu bewältigen. Vor einem Jahr, vor Auftauchen des Virus, waren 111.324 Betten belegt, heute sind es 116.901. Das Problem ist nicht die „Corona-Pandemie“. Das Problem ist ein kaputtgespartes Gesundheitssystem, das nun mit einem Virusausbruch fertig werden soll. In den USA stehen fast 900 Krankenhäuser wegen Insolvenz vor der Schließung. Die neoliberalen Vorzeigestaaten haben ihre Gesundheitssysteme in eine Katastrophe geführt.

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"Unterausgestattet, unterfinanziert und unterbesetzt", UZ vom 29. Januar 2021



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