Israelische Kriegsflotte kapert Hilfsflottille vor Kreta – Schwester der irischen Präsidentin an Bord

Neuer Höhepunkt der Straflosigkeit

Die „Global Sumud Flotilla“, unterwegs nach Gaza, wurde in der Nacht zum Donnerstag vergangener Woche auf hoher See angegriffen – mehr als 1.000 Kilometer vor der israelischen Küste. 34 Aktivisten wurden verletzt, zwei Organisatoren verschleppt. Ein israelisches Gericht verlängerte am Sonntag ihre Haft bis mindestens 5. Mai. Beide berichten von schwerer Misshandlung. An Bord eines der Schiffe: die Ärztin Margaret Connolly, Schwester der Präsidentin von Irland. Der Vorfall ist kein Einzelfall, sondern Ausdruck wachsender Straflosigkeit, mit der sich Israel immer offener über internationales Recht hinwegsetzt.

Es geschah etwa 1.000 Kilometer vor der Küste des Gazastreifens, in internationalen Gewässern westlich von Kreta. Fernab israelischer Hoheitsgewalt. Gegen 22 Uhr am Mittwochabend verdichteten sich die Anzeichen: Drohnen kreisten, dann erschien ein Kriegsschiff am Horizont. „Es war, als würde Israel die Boote eins nach dem anderen abfangen“, schildert der Ire Jamie Goldrick. Der Funkverkehr brach zusammen, stattdessen wurden die Boote mit Popsongs beschallt – surreale akustische Kulisse für den folgenden Zugriff.

Dr. Margaret Connolly, 67, stand an Deck ihres Bootes, als sich das Kriegsschiff näherte: „Ich habe Medikamente und Pässe zusammengepackt.“ Ihr Boot entkam – die Besatzung flüchtete, als israelische Schnellboote ein Nachbarschiff enterten. 22 der 57 Schiffe wurden überfallen, 180 Menschen festgesetzt, darunter sieben irische Staatsbürger. An Bord des israelischen Kriegsschiffs kam es zu massiver Gewalt: Aktivisten wurden gefesselt, über den Boden geschleift, geschlagen, getreten und beschossen. 34 Teilnehmer mussten in Krankenhäusern in Kreta behandelt werden. Mehrere erlitten schwere Verletzungen.

Große Sorge gilt dem Schicksal des spanisch-schwedisch-palästinensischen Aktivisten Saif Abu Keshek und des Brasilianers Thiago Avila in israelischer Haft. Die israelische Menschenrechtsorganisation Adalah erhebt schwere Vorwürfe: Avila sei so schwer misshandelt worden, dass er mehrfach das Bewusstsein verlor, und werde seitdem isoliert, gefesselt und geknebelt. Abu Keshek berichtet, er sei stundenlang gefesselt und mit dem Gesicht nach unten fixiert worden. Adalah hat zudem die Rechtswidrigkeit des gesamten Verfahrens angefochten: Israel besitze keinerlei Gerichtsbarkeit über Handlungen ausländischer Staatsbürger in internationalen Gewässern. Spanien und Brasilien fordern die sofortige Freilassung ihrer Staatsbürger.

2008 begann die „Free Gaza Movement“. 2010 enterten israelische Soldaten die „Mavi Marmara“ in internationalen Gewässern – zehn türkische Aktivisten wurden getötet. Es kam zu keinen juristischen Konsequenzen. Auch darauffolgende Flottillen wurden angegriffen – ohne rechtliche Folgen. Im Oktober 2025 nahm Israel im Zuge der ersten „Global Sumud Flotilla“ über 450 Menschen fest, darunter Greta Thunberg. Irische Teilnehmer wie der Komiker Tadhg Hickey berichteten von „unmenschlicher“ Behandlung: Toilettenwasser als Trinkwasser, Verweigerung von Insulin für einen 75-Jährigen, nächtliche Einschüchterungen. Auch hier: keine Konsequenzen.

Der diesjährige Angriff ist eine neue Eskalation. Israel griff die Flottille bereits über 1.000 Kilometer von Gaza entfernt an. Dr. Connolly, die dem Zugriff entkam, appellierte an die irische Bevölkerung: „Stoppt die Nutzung unseres Flughafens Shannon durch das US-Militär … 95 Prozent der Militärhilfe kommen aus den USA und Deutschland. Unser Luftraum darf nicht einem Völkermord dienen.“

Die „Global Sumud Flotilla“ hat ihr Ziel – das friedliche Durchbrechen der Seeblockade nach Gaza, die Durchsetzung des internationalen Rechts auf humanitäre Hilfe – bislang nicht erreicht. Viele Boote wurden zerstört. Doch andere warten auf besseres Wetter in griechischen Territorialgewässern, bevor sie erneut Richtung Gaza in See stechen.

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"Neuer Höhepunkt der Straflosigkeit", UZ vom 8. Mai 2026



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