Mehr Widerspruch wagen

Das Anti und die Selbstachtung

Kolumne

In der „Berliner Zeitung“ las ich einen bemerkenswerten Essay von Florian Havemann. Er titelte mit „Anti“ und reizte durch die herausgestellte Sentenz: „Mir ist bisher niemand begegnet, der sich darin sicher war, dass die Vereinigten Staaten mit ihrem Machtverlust klarkommen werden.“ Dieser Beobachtung schleuderte der Autor noch sein brüskes Outing hinterher: „Ich bin antiamerikanisch eingestellt.“ Das schloss Verachtung für das Volk und seine zivilisatorischen Leistungen natürlich aus. Vielmehr resümierte es eine Kaskade von Verwerfungen, die die Welt als Folge der nach innen rassistischen und sozial repressiven, nach außen globalstrategisch aggressiven US-Politik zu ertragen hatte. Die Beispiele blieb Havemann nicht schuldig: Hiroshima und Nagasaki, im Feldversuch dem Erdboden gleichgemacht, um die Tauglichkeit von Atomwaffen im heraufziehenden Kalten Krieg zu testen. Der widerwärtige Rassismus und die Knebelung der Bürgerrechtsbewegung im eigenen Land. Der CIA-Putsch in Guatemala, um die Interessen der United Fruit Company zu schützen. Die Invasion in der Schweinebucht, um das revolutionäre Kuba in den US-kontrollierten Casino-Kapitalismus „heimzuholen“. Der aus erlogenem Anlass bestialisch geführte Vietnamkrieg. Der Coup d’État gegen den demokratisch gewählten Präsidenten Allende, weil er dem chilenischen Volk seine Reichtümer und seine Würde zurückgeben wollte …

Der Autor und ich sind in der DDR aufgewachsen. In unterschiedlichen Milieus und in politischen Meinungen wohl oft uneins. Aber wenn es um die Zurückweisung des amerikanischen Weltgendarmentums ging, lebten wir inmitten eines beträchtlichen ostdeutschen Konsenses. Im größer gewordenen Deutschland, wo die ehrenwerten Ressentiments der westdeutschen 68er institutionell weggeschliffen oder verblasst sind und wo mit dem Wegfall des realsozialistischen Korrektivs die transatlantischen Pauken sogleich wie Siegestrommeln geschlagen wurden, wollte und will man uns neue Mores lehren. Nur lässt sich bei aufrechter Gesinnung geschichtliche Erfahrung schwer zuschütten. Zum Glück, denn sie ist es, die uns heute in der Entscheidungsschlacht zwischen dem US-geführten „Wertewesten“ und einer sich multipolar ordnenden Welt vor desaströsen außenpolitischen Abenteuern aus transatlantischer Nibelungentreue warnt.

Hartmut Koenig - Das Anti und die Selbstachtung - Antiimperialismus, Bündnis für Frieden und soziale Gerechtigkeit, Selbstachtung, Wertewesten, Widerspruch der Zivilgesellschaft - Positionen

„Nicht in meinem Namen“ sollte der vernünftige Widerspruch der Zivilgesellschaft sein. Auch und gerade hier in Deutschland, wo bellizistischer Regierungseifer laufende Scharmützel aufmunitioniert, zu neuen Kriegen rüstet und zum Spott der halben Welt dafür nationale Entwicklungschancen preisgibt. Auch Staatsmänner wären Deutschland zu wünschen, die, das Wohl der Nation erwägend, gelegentlich den Mut zu souveränem Widerspruch aufbrächten. Und zwar nicht erst, wenn sie nicht mehr im Amt sind. Dass dies möglich ist und in der Gesellschaft goutiert wird, bewies Gerhard Schröder während seiner Kanzlerschaft, als er eine Beteiligung der BRD an George W. Bushs „Koalition der Willigen“ im ­Irak­krieg öffentlich ablehnte.

Oppositionsführerin Merkel dackelte sofort nach Washington, um zu versichern, dass sie als Kanzlerin eine willige Koalitionärin gewesen wäre. Und verlor die anstehende Wahl. Zur Schwindsucht heutiger sozialdemokratischer Geschichtserzählung gehört, dass Schröder diese Verweigerung nicht gedankt wird. Der SPD-Parteitag im Dezember zeigte, warum. In ihrer transatlantischen Verblendung, die auch alle Friedensaussichten für die Ukraine oder Gaza ideologisch verstellt, fächerte sich die in der Wählergunst dramatisch sinkende Scholz-Partei Mut zu und applaudierte Sozialversprechen, die in der Ampel nicht durchsetzbar sind. „Die Linke“ raunt leise Bedenken.

Ein Aufbruch in Deutschland begänne mit lautem Widerspruch unten. Mit einem friedensfördernden, nach sozialer Gerechtigkeit strebenden ANTI. Einer Verneinung zukunftsfressender Gesellschaftsentwicklungen, die die bürgerlichen Parteien nach der Logik des Kapitals betreiben. So kriegte die Losung ihren progressiven Sinn: Ein Ruck muss durch Deutschland gehen! Also: Aus Selbstachtung mehr Widerspruch wagen! Ein neues Jahr bricht an.

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"Das Anti und die Selbstachtung", UZ vom 5. Januar 2024



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