Tag der Pressefreiheit

Man könnte sich totlachen – wenn es nicht so todernst wäre. Die EU-Kommission rühmt sich ja mit allem Möglichen – für Frieden zu stehen zum Beispiel oder für Freiheit. Meistens schaffen es die Sprachrohre der EU auch, diese Behauptungen mit ernsten Gesichtern vorzutragen, egal, wie lachhaft das Narrativ des Tages auch ist. Zum Tag der Pressefreiheit muss jemandem, der bei der EU für Werbung zuständig ist, allerdings besonders der Schalk im Nacken gesessen haben. Statt still und leise den Tag einfach wegzuignorieren, wie man es schon mit den ermordeten Journalisten in Gaza geübt hatte, waren Social-Media-Kanäle, U-Bahnhöfe und Litfaßsäulen voll mit EU-Werbung: „Freie Presse. Schützen, was uns wichtig ist.“

Muss Ironie sein, das ist schließlich der Gegensatz zwischen wörtlicher und wirklicher Bedeutung. Denn die EU verletzt die Pressefreiheit in riesigem Ausmaß. Sie verhängt Sanktionen gegen Journalisten, entzieht ihnen und ihren Familien wie im Fall von Hüseyin Dogru damit die Lebensgrundlage – weil sie über den Völkermord an den Palästinensern schreiben oder über die Kriegsvorbereitung gegen Russland. Das bedeutet: kein Konto, keine Möglichkeit, Miete zu überweisen, keine Krankenversicherung – und kein Recht, sich zu wehren. Denn anders als in Rechtsstaaten üblich gibt es kein Verfahren bei der Verhängung von Sanktionen, keine Richter, keine Verteidigung. Die EU setzt dich auf eine Liste und dann stehst du da. Zu lachen gibt es dann nichts mehr. Immerhin hat Hüseyin Dogru trotz allem noch so viel Humor, sich mit dem Plakat ablichten zu lassen, das für eine Freiheit wirbt, die es schon lange nicht mehr gibt. Getroffen hat es in diesem Fall Hüseyin Dogru, doch gemeint sind wir alle.

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"Tag der Pressefreiheit", UZ vom 8. Mai 2026



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