Ken Mertens neuer Roman „Kleiner als drei“

Das Erzgebirge unter Kubas Sonne

Tom, ein befreundeter Bühnenbildner, erzählt immer gern eine Geschichte zu dem ersten Stück, bei dem er das Bild allein gestaltet hat. Aufgeregt saß er in der Premiere im Publikum. Wie wird das Stück ankommen? Wie sein Bühnenbild? Bringt der Abend einen frühen Durchbruch oder ein abruptes Karriereende? Fragen über Fragen. Der Vorhang geht auf, das Bühnenbild erblickt gleichermaßen das Licht der Welt und der Mann im Theatersessel neben Tom sagt: „Säulen. Schon scheiße.“ Autsch. Karriere hat Tom trotzdem gemacht.

Jetzt gibt es Formen, die einen mehr auf die Palme bringen können als Säulen. Romane in Briefform zum Beispiel. Die gibt es irgendwie schon immer, berühmtes frühes Beispiel ist der „Briefwechsel zwischen Abaelard und Heloise“ in Jean de Meungs „Roman de la Rose“ aus dem frühen 13. Jahrhundert, ein weiteres Aphra Behns „Love-Letters between a Noble-Man and his Sister“ aus den 1680er Jahren. Auf die Spitze getrieben wurde das Ganze dann von Goethe, der 1774 den armen Werther in Briefen so sehr leiden ließ, dass vor lauter Mitfiebern auch gleich der Suizid mitgemacht wurde, und das nicht nur in der Weimarer Ilm, sondern in ganz Europa. Das Mitfiebern hat nachgelassen, höchstens die eifrigen Deutschlehrer bringen einen in Gedanken noch in die Ilm. Bei mir hat diese Werther-besessene Art des Unterrichtens vor allem zu einer Haltung geführt: „Briefroman. Schon sch…“

Schade also, könnte man eigentlich meinen, dass Ken Merten ausgerechnet diese Form für seinen jüngsten Roman gewählt hat. Damit wird man aber „Kleiner als drei“ nicht gerecht. Noch nicht einmal ansatzweise.

Kira hat sich weggemacht aus dem abgehängten Erzgebirge unter die sozialistische Sonne Kubas. Zurückgelassen hat sie Ben, ihren zynischen Ex, der mit Hass Geld und Aufmerksamkeit im Netz zu erringen sucht, seinen Vater, einen selbstmordgefährdeten Räuchermännchenmacher, und ein ganzes Dorf, das sicherlich nicht zufällig so ähnlich heißt wie der Heimatort Mertens, und in dem die Tristesse mit Alkohol und rechten Parolen bekämpft wird. Kira sitzt also nun auf Kuba und schreibt Mails mit Ben, eher noch: Sie antwortet auf die Tiraden des Verlassenen, versucht ihr Handeln nachvollziehbar zu machen und Ben mitzuteilen, was in Kuba so geht und was sie bewegt. Denn sie will das erleben, was sie im Erzgebirge verpasste – „zu spät geboren – um die DDR zu erleben, muss man nach Kuba“.

Dreht sich am Anfang des Romans noch alles um Bens große Verletztheit durch Kiras Fehlstunden im Erzgebirge, wendet er sich bald dem Politischen zu, dem Grundsätzlichen. Denn Ben dreht Videos und lädt sie hoch, wird mit dem Hass immer populärer. Was er da verbricht, erfährt man nicht so genau, aber übel ist es, und das scheint selbst Ben ein klitzekleines bisschen bewusst zu sein. Und so entspannt sich in den Briefen (die heute natürlich elektronisch verschickt werden – von Kira, wenn denn Strom da ist) eine Debatte zwischen dem Fortschritt und der Rückwärtsgewandtheit, unterlegt von der Frage, was eine Freundschaft aushalten kann, wenn einer von zweien politisch ein Arschloch wird.

Merten, der, im Erzgebirge geboren, nicht nur die Gegend kennt, aus der Ben seinen Hass in die Welt sendet, sondern, in Havanna studiert, auch gut aus Kiras Augen auf die kubanischen Umstände schauen kann, gelingt es hervorragend, im persönlichen Austausch seiner Protagonisten die Zustandsbeschreibungen zweier Gesellschaften unterzubringen. Zudem reflektiert er, wie es denn dazu kam, dass die Zustände so sind, wie sie eben sind. „Statistisch ist Greiffen die Gemeinde mit dem niedrigsten Lohn bundesweit, ein Armenhaus wie vor 100 Jahren, das nur genau einmal kein armes war: als es in der DDR stand. Da stand es gut.“

Merten gelingt es, mit der Geschichte um Kiras Sozialismuserfahrungen und Bens Rumgenazi aus dem väterlichen Häuschen heraus in das weltweite Netz eine Leinwand zu grundieren, auf der sich die Debatte zwischen den Protagonisten abspielen kann. Dabei sitzt man mit Ben in Greiffener Spelunken und mit Kira auf der Isla de la Juventud, folgt Ben in die Räuchermännchenwerkstatt, in der er fast der Hasskarriere im Internet entkommen wäre, und Kira nach Havanna, wo die Feier zum Sturm auf die Moncada-Kaserne von einem echten Sturm getoppt wird. Man lernt die Greiffener kennen und die Mitreisenden auf Kuba. „Klassismus, Holodomor, friedliches Beisammensein, feministische Außenpolitik, offene wie geschlossene Diskursperformanz, soziale und ökologische Wende, Habermas – Britts Sprachschätzchen. Existierende Wörter lehnt sie dagegen als diskriminierend ab.“ Anstrengend sind sie, die Mitreisenden, genauso wie die Greiffener.

Am Schluss bleibt eine komplizierte Beziehung kompliziert und hat doch alle Chancen. Vielleicht löst sich Ben doch noch von seiner „Nationalsozialdemokratie“. Kira kommt zurück. Leserinnen und Leser haben ein Kuba in einer schwierigen, aber nicht aussichtslosen Situation kennengelernt, das trotz aller Blockade noch bunt durch die Seiten scheint. Und die abgehängteste Gegend des erst einverleibten und dann umgehend abgehängten Teils unseres Landes. Das Erzgebirge bleibt dabei fremder als Kuba.

Ken Merten
Kleiner als drei
XS Verlag, 264 Seiten, 26 Euro
Erhältlich im UZ-Shop

[author_box]

Dieser Artikel ist für Sie kostenlos. Kritischer Journalismus braucht allerdings Unterstützung, um dauerhaft existieren zu können. Daher freuen wir uns, wenn Sie sich für ein Abonnement der UZ (als gedruckte Wochenzeitung und/oder in digitaler Vollversion) entscheiden. Sie können die UZ vorher 6 Wochen lang kostenlos und unverbindlich testen.

✘ Leserbrief schreiben

An die UZ-Redaktion (leserbriefe (at) unsere-zeit.de)

"Das Erzgebirge unter Kubas Sonne", UZ vom 5. Juni 2026



    Bitte beweise, dass du kein Spambot bist und wähle das Symbol Haus.



    Spenden für DKP
    Unsere Zeit