Ein Gespräch mit Kai Degenhardt

Von Gegenwehr und großer Hoffnung

Der Liedermacher Kai Degenhardt hat gerade seine neue Platte vorgestellt. UZ sprach mit ihm nicht nur über das Album, sondern auch über politische Haltungen, die Militarisierung der Gesellschaft, die Klassenkämpfe unserer Zeit und die Aufgaben von Gegenkultur.

UZ: Kai, gerade ist dein 9. Album erschienen, „Zwischen Tellerrand und Horizont“. Was liegt denn zwischen den beiden?

Kai Degenhardt: Die beiden Begriffe sind als Metaphern zu verstehen, und die kommen in den Stücken des Albums an ein paar Stellen vor. Deshalb habe ich den Titel so ausgewählt. Dazwischen liegt alles Mögliche, von bornierter Innerlichkeit bis zum öden Eskapismus. Also das, was sich mit Realismus – als Methode, meine ich, nicht als Stilrichtung – künstlerisch bearbeiten lässt, um die gesellschaftlich wirkenden Herrschafts- und Unterdrückungsverhältnisse einzufangen. Und die darum geführten Kämpfe, die ja immer auch Klassenkämpfe sind. Dazu gehört für mich aber auch, was so alles – vielleicht sogar hinterm Horizont – an Möglichkeiten noch vorstellbar ist.

UZ: Siehst du dich als Chronist bundesdeutscher Verhältnisse? Oder eher als Kommentator von der Seitenlinie?

Kai Degenhardt: Eigentlich weder noch. An der Seitenlinie schon mal gar nicht. Ich bin doch selber Teil der Verhältnisse, mische mich ein und versuche, so gut ich kann, darin zu wirken. Also klar auf dem Spielfeld, um in dem Bild zu bleiben. Was ich mit meinen Liedern dann unterm Strich künstlerisch so hinbekomme, sollten besser andere beurteilen und einschätzen als ich selbst. Ich schreibe und singe einfach nur Songs. Natürlich nicht über alles, was mir vor die Flinte kommt, sondern schon, worüber es meiner Meinung nach lohnt, sich in Liedern zu beschäftigen. Ich habe dabei aber nicht den Anspruch, die Zeitläufte vollständig zu dokumentieren. Bin aber ein politisch denkender und natürlich auch fühlender Mensch. Also einer, der sich selbst immer in gesellschaftlichen Zusammenhängen sieht, empfindet und begreift, denen man zwar unterworfen ist, die man aber auch verändern kann.

UZ: Deine Texte sind ja hochpolitisch – und die Aussichten sind momentan schlecht, wenn man an Frieden, soziale Sicherheit und Freiheit denkt. Schimmert da auch irgendwo Hoffnung zwischen dem Tellerrand und dem Horizont?

2611 Cover - Von Gegenwehr und großer Hoffnung - DKP, Kai Degenhardt, UZ-Friedenstage 2026, Zwischen Tellerrand und Horizont - Kultur

Kai Degenhardt: Ja sicher. Ich besinge ja auch gleich in mehreren Stücken des Albums die Arbeitskämpfe und Streiks, die schon geführt werden, und die, die noch kommen müssen – von Abwehrkämpfen, um Tarifliches wie „Pausen und Prozente“ oder um politisch Weitergehendes wie das Blockieren der Seehäfen für Rüstungsgüter. So wie das vor ein paar Monaten die Kolleginnen und Kollegen in Genua und anderen Hafenstädten Italiens ja, für ein paar Tage jedenfalls, geschafft haben. Das macht mir schon Hoffnung. Auch die junge, antikapitalistisch politisierte und kluge Generation hier und heute, die sich zusammenschließt und organisiert. Die der Mobilmachung, Kriegskrediten und Kriegsertüchtigung den Krieg erklärt und „bereit zur Gegenwehr“ ist, wie ich in „Kein Friedenslied“ und dann auf „Tränen und mehr“ singe. Und dann ist da natürlich auch noch die große, sehnsuchtsvolle Hoffnung auf „unsere Kirschenzeit“ ganz zum Ende der Platte in „An alten Feuern“, die auf das alte, der Pariser Commune gewidmete Chanson von Jean-Baptiste Clément „Le temps de cerises“ verweist und damit natürlich nicht weniger meint als – die Revolution.

UZ: Dir gelingt in deinen Liedern die Balance zwischen dem Einzelnen, teilweise Privaten und dem großen Systemischen. Dabei kommen auch Protagonisten in deinen Songs vor, wie „Lizzy, der Vertrauensmann“, der sich „krumm organisiert für alle Leute am Kai“ – und am Schluss Waffenlieferungen verhindern kann. Wie wichtig sind solche Protagonisten für dich?

Kai Degenhardt: Och, eigentlich würde ich das nicht überbewerten. Sie dienen mehr als eine Art poetischer Trick, um politische Haltungen und Handlungen in einem, meistens ziemlich grob gezeichneten, kleinen Alltagshelden-Charakter zu verdichten und fassbar zu machen. Diese Figuren haben eine gewisse Tradition und auch ihre Vorbilder in meinem Genre, dem politischen Lied. Von John Henry über Tom Joad, Ewald der Vertrauensmann – bei Reinhold Andert – bis zum Baggerführer Willibald und Mutter Mathilde, um nur mal ein paar zu nennen. Mir haben die immer Spaß gemacht. Ihre kleinen, meist unspektakulären Geschichten haben mich oft berührt. Sie funktionieren also, glaube ich, ganz gut. Gerade in dieser kurzen Form, den Liedern mit wenigen Zeilen und Strophen zu ein paar Akkorden, in denen dennoch eine Menge an Konfliktstoff und Umgang damit erzählt und dargestellt wird.

UZ: Das Politische steckt ja in deinen Liedern nicht nur im Text, sondern auch in der Form. Du nimmst deine Alben komplett selbst auf, von Gitarre über Klavier bis Mundharmonika. Was bedeutet diese Arbeitsweise für dich?

Kai Degenhardt: Auch das würde ich nicht überbewerten. Es ist schon einfache Gebrauchsmusik. Jedenfalls nicht der Versuch, mit der musikalischen Formensprache als solcher, mich komplex zu artikulieren. Die Musik ist bei mir eher Transportmittel für die Texte. Ich komme aus der Tradition des Neuen politischen Liedes hier im Westen, also im weitesten Sinne der Burg-Waldeck-Linie der Liedermacherei. Das musikalische Material speist sich also aus Folk, Chanson, Kabarett und auch der Lagerfeuerklampfen-Musik der Deutschen Jugendbewegung. Meine eigene musikalische Prägung ist dagegen etwas jünger, jedenfalls im Vergleich dazu. Mit Anfang sechzig bin ich ja auch schon ein alter Mann. Da spielten Rock, Punk, Reggae und Artverwandtes eine wichtige Rolle. Ich könnte jetzt natürlich sagen, dass die spartanischen Arrangements auf dem Album, alles im Alleingang eingespielt und musikantisch sehr zurückgenommen, einen klaren politischen Gegenentwurf darstellen, gegen die vorformatiert-prunkvolle und nicht selten KI-generierte popmusikalische Klangästhetik des Mainstreams. Stimmt ja. Die Wahrheit ist aber auch, dass ich im allgemeinen bürgerlichen Musikbetrieb nur ein unbedeutender Kleinkunst-Fisch bin, der durch die Lande tingelt und mit seiner Musik von der Hand in den Mund lebt. Ich habe also keinerlei Produktions-Budget oder sowas. Das, was ich fürs Aufnehmen und Herstellen des Albums ausgebe, ist also, wie man so sagt, tatsächlich vom Munde abgespart. Session-Musiker, auch befreundete, würde ich aber schon, zumindest einigermaßen angemessen bezahlen wollen. Und die inzwischen äußerst erschwinglichen, virtuellen KI-Studiomusiker aus dem Netz, die dir glanzvoll, hoch virtuos und akkurat schicke Overdubs auf allen möglichen Instrumenten, „tight“ und punktgenau, einspielen können – also die sind ja mal komplett abgeschmackt. Das käme mir nicht auf die Platte.

Dazu kommt, dass das, was ich mache, nun mal auch Musik zum Zuhören ist, nicht zum Workout, Feiern oder Staubsaugen. Hinsetzen, zuhören – gerne Wein dazu trinken oder Joint rauchen. Das ist der Anspruch. Insofern ist und klingt das schon alles richtig so, denke ich – auch mit den vielleicht falschen von mir selbst eingespielten Noten. Ich bin zwar ganz gut auf der Gitarre, würde ich sagen, alle anderen Instrumente spiele ich aber nicht wirklich. Weiß nur ungefähr, wo die Töne liegen und wie man die herausbekommt.

UZ: Du verweigerst dich in deinen Liedern nicht nur der absurden Einordnung als „Autokraten-Troll“ „mit Befehl aus Moskau, Peking, Teheran“, der Friedensengagierte in diesem Land ausgesetzt sind, sondern begehst „ganz privat Landesverrat, versperr die Tür und lösch das Licht, geb mir die Kante – friedenstüchtig“. Ist die Zeit des gemeinsamen Kämpfens vorbei?

Kai Degenhardt: Nein, natürlich nicht. Die Stellen, die du zitierst, sind aus dem Lied „An den Überbau“. Das „Lyrische Ich“, wie es so schön hochtrabend heißt, wendet sich darin an die verschiedenen Instanzen und Hoheitsträgerinnen des Machtapparats mit ihren immer repressiver exekutierten Imperativen zur Ein- und Unterordnung ins System. Diesen will er sich verweigern, und schließlich sogar entfliehen. Womöglich aus Angst ums nackte Überleben. Das heißt ja aber nicht, dass das meine Message ist, die ich als Nutz- und Handlungsanweisung gegen den laufenden reaktionären Staatsumbau im Hier und Heute meinen Hörern mitgeben möchte. Ich denke, aus dem Kontext des Albums geht schon hervor, dass das, im Gegenteil, für mich eine kollektiv zu organisierende Aufgabe im Klassenkampf ist. Aber es ist auch noch ein bisschen vielschichtiger. Am Ende des Stücks steht ja der Satz: „An alle, die noch bei Verstand / Erkennt die Schrift dort an der Wand“. Ich meine, der aufkommende Faschismus, oder wie auch immer spätere Historikerinnen die staatsterroristisch-autoritäre Form bürgerlicher Herrschaft bezeichnen werden, die sich hier und anderswo gerade ankündigt, abzeichnet oder schon begonnen hat, der wird uns ja vermutlich nicht den Gefallen tun, herauszuposaunen, dass er genau das ist und vorhat. Bei den Massenverhaftungen 1933, im Morgengrauen direkt nach dem Reichstagsbrand, war es für viele Genossinnen und Genossen, die die Gefahr entweder nicht oder nicht rechtzeitig in ihrer Dimension eingeschätzt hatten, zu spät – Mühsam, Ossietzky, Kisch, nur um ein paar der Prominentesten zu nennen. Auch das möchte ich mit dem Lied – zumindest anreißen.

UZ: Erst haben mit Corona viele kleine Clubs zugemacht, jetzt wird der Korridor gerade für linke Künstlerinnen und Künstler immer kleiner, wollen sie sich nicht der Propaganda gegen Russland und der Staatsräson unterwerfen. Wie schätzt du die Situation der fortschrittlichen Kultur hierzulande ein?

Kai Degenhardt: Mit der Kategorie „fortschrittliche Kultur“ kann ich, ehrlich gesagt, nicht mehr viel anfangen. Ich fürchte, auch Campino, Niedecken oder Biermann würden sich noch dazu zählen.

Für alle, die wie ich den Anspruch haben, an einer Gegenkultur mitzustricken und darin zu wirken, die den Namen auch verdient, wird es natürlich immer schwerer. Die Räume, und zwar im übertragenen wie im buchstäblichen Sinn, werden immer weniger und kleiner oder bleiben für uns ganz verschlossen. Und das hat natürlich mit der neuerlichen, reaktionären Zeitenwende zu tun und der damit verbundenen ideologischen Frontstellung. Die Durchmilitarisierung der ganzen Gesellschaft, von Politik und Medien, der Hoch- bis zur Alltagskultur, lässt im Kulturbetrieb eigentlich kaum noch Spielräume für Nicht-Gleichgeschaltetes oder gar klassenbewusst Widerständiges. Es ist aber, denke ich, leider auch zu konstatieren, dass wir, die – ich sag mal ganz bewusst: klassenorientiert-revolutionäre Linke –, es in den letzten Jahrzehnten versäumt haben, eigene Räume, Formate und Einrichtungen zu halten oder auch neu zu etablieren, in der sowas hätte überleben und gedeihen können. Im Grunde gilt das spätestens seit der Konterrevolution 1989/1991. Das Mit-dem Rücken-zur-Wand-Stehen, dezimiert und beschäftigt in ständigen Abwehr- und Existenzkämpfen, und, wohl daraus resultierend, das Verfolgen und Beschwören der großen, weitreichenden Bündnisfähigkeit, das hat, meine ich, mit dazu geführt, dass auch bei uns eine, oft ziemlich beliebige, „fortschrittliche“ Ästhetik des reinen Gefallenwollens betrieben und gefeiert wurde. Zumindest, was das zeitgenössische Kunst- und Kulturschaffen angeht. Aber es gibt seit kurzer Zeit – das habe ich bei meiner Tingelei schon mitbekommen – an vielen Orten landauf, landab junge Künstlerinnen und Künstler oder sonstwie in der Kulturszene Tätige, oft aus dem Umfeld der antiimperialistischen, marxistischen und Palästina-solidarischen Szenen, die haben sich vorgenommen, genau das zu ändern. Sind dabei, sich zusammenzutun, überregional zu vernetzen, und beginnen, sich spartenübergreifend zu organisieren. In Gegenkultur-Kollektiven, bei Netzwerktreffen, mit Kulturstammtischen und dergleichen. Ich hoffe, das geht weiter und es gelingt, da wieder etwas aufzubauen an widerständiger Kultur-Szene. Eine, die nicht auf Versöhnung und Klassenkompromiss hinausläuft.

UZ: Du wirst Ende August auch bei den UZ-Friedenstagen auftreten. Wie kommt‘s?

Kai Degenhardt: Na, das ist doch das Fest der Zeitung der DKP – meiner Partei. Klar spiele ich. Aber ich verstehe schon, dass du fragst. Nach dem Beginn des Ukraine-Krieges 2022 habe ich ja eine Weile ausgesetzt. Das hatte damit zu tun, dass ich mit der Einschätzung und der Positionierung des Parteivorstandes dazu nicht einverstanden war. Auch nicht mit dem Großteil der Berichterstattung und Kommentierung in der UZ. Das ist mitunter auch immer noch so. Aber ich will und muss mich ja an der Diskussion beteiligen – gerade hier und jetzt und als Parteikommunist, finde ich. Außerdem hoffe ich, viele Weggefährtinnen, Freunde und Genossinnen wiederzutreffen, zu diskutieren, zu schnattern und zu feiern. Und ich freue mich dabei auch auf die guten Impulse von den jungen Genossinnen und Genossen aus der SDAJ und drumherum, die sich hoffentlich einfinden und einmischen. Klingt nach Spaß!

„Zwischen Tellerrand und Horizont“ und die anderen Alben von Kai Degenhardt sind erhältlich im UZ-Shop.

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"Von Gegenwehr und großer Hoffnung", UZ vom 26. Juni 2026



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