Kurz und knapp

Hanns-Werner Heister

Die Italienisch Sprechenden, wie überhaupt Menschen mit romanischen Sprachen, stehen bei den „germanischen“ im Verdacht, sich weitschweifig, rhetorisch statt sachlich auszudrücken. Das stimmmt vielleicht für bürgerliche Schichten, aber kaum für den Volksmund. „Piove. Governo ladro“ – „Es regnet. Die Regierung ist ein Dieb“ – ist an knapper und prägnanter Einsicht in Klassenherrschaft schwer zu übertreffen. Dass das metaphorisch vergleichend wie ein Natur­sachverhalt formuliert ist, schließt nicht aus, dass es gesellschaftlich geändert werden kann. Es waren vor allem italienische und griechische Hafenarbeiter, die Waffenlieferungen nach Westasien blockierten. Zeitloser und sprachenübergreifend ist das lateinische „Festina lente“. Der paradoxe Befehl „Eile langsam!“ ist im Deutschen zu dem hübschen reimenden „Eile mit Weile“ gemildert. Diesmal wird es im Italienischen etwas ausgeschmückt und gereimt: „Chi va piano, va sano e va lontano“, also „Wer sachte geht, geht gesund und weit“; knapper: „Wer langsam geht, kommt auch ans Ziel“. Das mag ein Rat und Trost für revolutionäre Umwälzungen sein, die oft genug Jahrhunderte dauern.

Giuseppe Ungaretti: Soldaten

Apropos und aktuell. Der Lyriker Giuseppe Ungaretti (1888 – 1970) nimmt in einem hier einschlägigen Gedicht, schon nach der Oktoberrevolution entstanden, deutlich Stellung gegen den Krieg: Soldati Bosco di Courton luglio 1918 / Si sta come / d’autunno / sugli alberi / le foglie – Soldaten Wald von Courton, Juli 1918. „Es ist wie / im Herbst / auf den Bäumen / die Blätter“. Das entscheidende Wort lässt Ungaretti aus. Was tun die Blätter im Herbst? „Sie fallen“, cadono, wie die Soldaten. Das ist eine in einer Zeit verstärkter Hochrüstung und Kriegsvorbereitung aktuelle Erinnerung an die Realität des Kriegs. Bei fallenden Soldaten gilt nun grade nicht das kurze deutsche Sprichwort „Ende gut, alles gut“. Ungaretti verwendet bei „Soldati“ die rhetorische Figur der Aposiopese, des „Verstummens“, die auch in der Musik vorkommt. In manchen Kontexten bedeutet eine Generalpause, wenn also kurze Zeit nichts erklingt, den Tod. So etwa in der Tenorarie des Judas Maccabäus in Händels gleichnamigem Oratorium aufs Stichwort, als dieser die beliebte Alternative „Sieg“ oder „Tod“ schmettert.

Diese Tradition greift der kommunistische Komponist Erwin Schulhoff (1894 – 1942) ironisch und kritisch auf. Das Werk „In futurum“ Nr. III der „Fünf Pittoresken“ für Klavier hat er 1919 geschrieben, gleich nach Weltkrieg und unvollendeter, niedergeschlagener Revolution. Der Titel spielt auf den Futurismus an und bedeutet, etwas zweideutig, „Für die Zukunft“ oder „in Zukunft“. Das Werk ist der Mittelteil einer kleinen Suite und besteht nur aus einem Notenblatt mit einer Seite mit mehreren Notenliniensystemen, auf denen sorgfältig verschiedene Pausenzeichen ohne Tonhöhenangaben geschrieben sind. Es ist also nichts zu hören, auch ein Verstummen. Mit der Beschränkung auf nur eine einzige Seite entspricht Schulhoff dem, was der große Theoretiker der literarischen Gattungen, Volker Klotz, als Ideal der Lyrik forderte: Ein Gedicht müsse auf eine Buchseite passen.

Daran ist einiges. Längere Gedichte erzählen meist etwas und sind damit, wie die Ballade, lyrisch-epische Mischgattungen, wie Bertolt Brechts hier passende „Legende vom toten Soldaten“ (1918, von Kurt Weill 1928 vertont). Schulhoff verstärkt in seinen Noten die „Generalpause“ satirisch zur „Marschallpause“ – ein deutlicher Einspruch gegen den Krieg, in dem Generäle wie Marschälle bedenkenlos die Soldaten opfern. „Die Dividenden steigen und die Proletarier fallen“, so Rosa Luxemburgs dazu passender Lakonismus in ihrer 1915 verfassten Junius-Broschüre.

Satirische Entlarvung des Mörderischen

Karl Kraus (1874 – 1936), dessen 90. Todestags zu gedenken ist, war ein österreichisch-jüdischer Schriftsteller, Sprach-, Medien- und Gesellschaftskritiker. Von seinen vielen Aphorismen, die nicht immer kurz sind, ist der folgende wohl der prägnanteste Lakonismus: „Mir fällt zu Hitler nichts ein.“ Das ist der erste Satz von „Die Dritte Walpurgisnacht“, mit knapp 400 Seiten gleich 1933 mit einer Fülle von Dokumenten aus dem „Dritten Reich“ geschrieben, aber nicht veröffentlicht, unter anderem, um NS-Gegner nicht zu gefährden. Der Titel verbindet das „Dritte Reich“ mit dem höllischen Spektakel der beiden Walpurgisnächte in Goethes „Faust“ I und II.

Kraus entlarvt das Mörderische auch satirisch. Die Werbeslogans der Nazis, „Deutschland erwache!“ und „Juda verrecke!“, ohne Komma, machen aus einem Imperativ einen Optativ, aus einem Befehl eine höfliche Wunschäußerung. Wie bei heutigen bürgerlichen Politikerinnen scheint durch das Gestammel als eine Art „Fehlleistung“ (Freud) etwas von der geleugneten Wirklichkeit und Wahrheit durch, so etwa wenn Göring die SA einleuchtend als die „getreuen Helfer zur Verteidigung von Unruhen und Auswüchsen“ bezeichnet. Und „nicht minder glaubhaft (sei) das von Goebbels abgelegte Bekenntnis, die nationale Revolution ziehe ihre Kräfte ‚aus dem fanatischen Gefängnis zum eigenen Volk‘.“ (1)

Seine umfangreiche, universelle Abrechnung mit Krieg und Kriegs(be)treibern hat den sprechenden Titel „Die letzten Tage der Menschheit“, eine „Tragödie in 5 Akten mit Vorspiel und Epilog“. Das vor allem Dokumente montierende Werk entstand in den Jahren 1915 bis 1922. „Vor dem Totenbett der Zeit stehe ich und zu meinen Seiten der Reporter und der Photograph. Ihre letzten Worte weiß jener, und dieser bewahrt ihr letztes Gesicht. (…) Mein Amt war nur ein Abklatsch eines Abklatsches. Ich habe Geräusche übernommen und sagte sie jenen, die nicht mehr hörten. Ich habe Gesichte empfangen und zeigte sie jenen, die nicht mehr sahen. Mein Amt war, die Zeit in Anführungszeichen zu setzen, in Druck und Klammern sich verzerren zu lassen, wissend, dass ihr Unsäglichstes nur von ihr selbst gesagt werden konnte. Nicht auszusprechen, nachzusprechen, was ist. Nachzumachen, was scheint. Zu zitieren und zu photographieren.“

Besonders empörte ihn das Foto eines lachenden Henkers.

Kraus kritisierte von einem konservativen, aber humanen Standpunkt aus nicht zuletzt den bürgerlichen Liberalismus, der ihm weder in der Politik noch in den Medien dem wirklichen Fortschritt zu dienen schien. „Der Parlamentarismus ist die Kasernierung der politischen Prostitution.“ (2)

Oft entlarvte er den Show-Charakter bürgerlicher und konservativer Politik. „Die Politik bietet die Spannungen eines Kriminalromans. Die Gestionen (Machenschaften) der Diplomatie bieten das Schauspiel, wie die Staaten von einer internationalen Verbrecherbande steckbrieflich verfolgt werden.“ In der Form konservativer Technikkritik deckt er Verkehrungsstrukturen aufgrund des Fetischcharakters des Kapitals auf – die selbergemachten Dinge beherrschen die Personen. Der Grund für die mangelnde Selbstbestimmung ist nicht die Technik als solche, sondern ihre Verwendung innerhalb der „marktwirtschaftlichen“ Produktionsverhältnisse. „Wir waren kompliziert genug, die Maschine zu bauen, und wir sind zu primitiv, uns von ihr bedienen zu lassen. Wir treiben einen Weltverkehr auf schmalspurigen Gehirnbahnen.“

„Blitzkrieg“

Wenig hilfreich ist ein besonders bekannter Lakonismus bei der Kriegsvorbereitung, weil er Illusionen nährt, das „Veni, vidi, vici“ („Ich kam, ich sah, ich siegte“). Der Spruch ist Caesar zugeschrieben nach seinem Sieg über Pharnakes II., von 63 bis 47 vor unserer Zeitrechnung König des kleinasiatischen Bosporanischen Reiches. Bei der entscheidenden Schlacht von Zela in Kleinasien am 21. Mai 47 waren die schlechter ausgebildeten bosporianischen Soldaten Caesars in vielen Kriegen geschulten römischen Legionären weit unterlegen. Die Schlacht dauerte nach dem fünf Tage langen Feldzug gegen Pharnakes nur vier Stunden. (3)

Ein echter „Blitzkrieg“ also, Traum der Ostlandkrieger noch heute,und auch der damaligen US-Außenministerin Hillary Clinton. Sie variierte Caesars Spruch als „We came, we saw, he died“ („Wir kamen, wir sahen, er starb“) und kommentierte damit cool 2011 die US-gesponserte Ermordung des libyschen Staatschefs Muammar al-Gaddafi. Krieg und Sieg waren da noch nicht einmal selbstgemacht, sondern der Westen ließ diese „Drecksarbeit“ von anderen erledigen. Der Krieg begann am 17. Februar 2011 als Teil des „Arabischen Frühlings“, der hier gegen eine progressive Regierung ging. Am 20. Oktober wurde Gaddafi von aufständischen Milizen gefangengenommen, bestialisch gefoltert und getötet, am 23. Oktober war dieser (erste) Libyenkrieg zu Ende und der nächste konnte bald beginnen. (4)

Seit dem Sieg über Polen 1939, das unter der Diktatur Marschall Pilsudskis (bis 1935) und danach jede Verständigung mit der UdSSR ablehnte, und 1940 dem Sieg über Frankreich, dessen Großbourgeoisie mit NS-Deutschland sympathisierte und keine ernsthafte Gegenwehr organisierte, war der heimtückische, brutale, völkerrechtswidrige Überfall der sogenannten USA auf den karibischen Inselstaat Grenada wohl einer der letzten – hier selbstgemachten – „Blitzkriege“ des Westens. Er begann am 25. Oktober 1983 und endete vier Tage später. Reagan besiegt also Caesar 5:4. Grenadas Regierung war im März 1979 in einer „friedlichen“ wirklichen Revolution gestürzt worden. Die neue Regierung „enteignete einige Betriebe, setzte jedoch zunächst primär auf soziale Reformen wie die Einführung eines kostenlosen ‚Gesundheitssystems‘ den Bau neuer Schulen und Ähnliches.“ (5) Dergleichen war viel zu viel „Kommunismus“ für den damaligen Präsidenten Ronald Reagan, als mäßiger Schauspieler und Denunziant während der McCarthy-Kampagnen für das Amt hinreichend qualifiziert und ein würdiges Vorbild für den gegenwärtigen Präsidenten der USONAWC, der United States Of North America Without Canada, der „Vereinigten Staaten von Nordamerika ohne Canada“ (die einzige politisch korrekte Bezeichnung für „America“, das immer „greater“ wird). Da Grenada dem Rest des Britischen Empire, dem Commonwealth of Nations“ angehörte, war der Überfall ein Völkerrechtsbruch auch nach exklusiven westlichen Maßstäben und Reagans Busenfreundin Thatcher protestierte. Vergeblich. Jedenfalls war der Blitzkrieg eines Landes mit etwa 300 Millionen Einwohnern gegen eines mit etwa 100.000 ein glorioser, „big beautiful“ Sieg.

Lakonien

Zum Gebiet von Sparta gehörte auf der Peloponnes neben Messenien auch Lakonien. „Lakonisch“ heißt also etwa „spartanisch“. Sparta war eine Polis, die besonders autoritär militarisiert war, um Sklaven, Halbbürger und Hörige niederzuhalten. Das reichte bis in Pädagogik und Alltagsleben hinein – nicht nur beim Essen, sondern auch mit Worten wurde geknausert. Zu Beginn des Zweiten Perserkrieges im Spätsommer 480 vor unserer Zeitrechnung sperrten der Spartanerkönig Leonidas und seine Truppen den Zugang bei den Thermopylen, dem nur etwa 15 Meter breiten Engpass zwischen dem Kallidromo-Gebirge und dem Golf von Malia. Der Perserkönig Xerxes schickte an Leonidas die Aufforderung, seine Waffen auszuhändigen. Leonidas antwortete: „Komm und hol sie“. Die Spartaner und ihre Verbündeten erlagen nach vier Tagen freilich der persischen Übermacht, die die Verteidiger umging.

Als Philipp II. von Makedonien bei der Eroberung und Annexion Griechenlands „mit seinem Heer herannahte, sandte er der Legende nach folgende Drohung an die lakonische Hauptstadt Sparta: ‚Wenn ich euch besiegt habe, werden eure Häuser brennen, eure Städte in Flammen stehen und eure Frauen zu Witwen werden.‘ Darauf antworteten die Spartaner: ‚Wenn.‘ Nach dem entscheidenden Sieg in der Schlacht von Chaironeia 338 vor unserer Zeitrechnung erlangten allerdings die makedonischen Invasoren die Hegemonie über Griechenland.“ Sie marschierten zwar in die spartanische Region Lakonien ein, ließen jedoch, fast als ob das Sprichwort gelten würde „Frechheit siegt“, die Stadt selbst unberührt. Sparta musste territoriale Verluste hinnehmen, behielt aber seine Autonomie und wurde nicht Teil Makedoniens. (6)

„Behalt das Ende im Blick“

Im Hinblick auf die Vorbereitung gegenwärtiger und künftiger Kriege gibt ein ebenfalls dreiteiliges lateinisches Sprichwort klügere Ratschläge als das triumphalistische „Veni, vidi, vici“: „Quidquid agis, prudenter agas et respice finem“ – „Was immer du tust, handle bedacht, vorausschauend, klug und bedenke das Ende“. Diese Sentenz folgt griechischen Vorbildern, etwa bei dem Historiker Herodot. Sie stammt aus den bis in den Spätabsolutismus hinein weitverbreiteten „Gesta Romanorum“ („Taten der Römer“), einer Sammlung von Sprüchen und Exempeln, die 1486 erstmals veröffentlicht wurde. Würden die Herrschenden und Regierenden des Westens das erwartbare Ende des von ihnen vorbereiteten Kriegs gegen den „Osten“ bedenken, würden sie ihn vielleicht erst gar nicht anfangen.

Anmerkungen

(1) Text ist hier herunterladbar.
(2) Zitat wie die folgenden aus Sprüche und Widersprüche, München 1909, herunterladbar auf Deutsch
(3) Daten nach: Schlacht bei Zela
(4) Bürgerkrieg in Libyen 2011
(5) Daten nach: US-Invasion in Grenada
(6) Informationen nach: Lakonisch

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"Kurz und knapp", UZ vom 10. Juli 2026



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