Am 22. Juli wird die große Brecht-Interpretin Gina Pietsch 80 Jahre alt. Eine Verneigung

Eine Unverwertliche

Am 11. Juni stellte die Sängerin und Schauspielerin Gina Pietsch in der Berliner Maigalerie der „jungen Welt“ ihr neues (ihr sechunddreißigstes!) Brecht-Programm vor. Es trägt den Titel „Von den Leben die hellen, von den Toden die schnellen“. Der Vers ist der letzte im Gedicht „Orges Wunschliste“, in dem sich der Dichter 1956 illusionslos, also ironisch, mit menschlichem Leben und Tod befasste. Die Liste enthält die Verse: „Von den Künsten, die unverwertlichen. Von den Lehrern, die beerdlichen.“ Gemeint war offenbar: Kein schweres Gepäck aufladen, vielmehr Sinnlichkeit und Heiterkeit des Daseins auskosten, soweit möglich, aber nicht verantwortungslos. „Unverwertliche Künste“, sei hier interpretiert, entziehen sich allem möglichen Zugriff – dem der Ökonomie zuerst, aber auch Kunstverwertern politischer oder sonstiger Art. Die folgenden Verse besagen aber: Es geht nicht um L’art pour l’art, vielmehr um eine ziemlich materialistische Ästhetik: „Von den Genüssen, die aussprechlichen. Von den Zielen, die nebensächlichen. / Von den Feinden, die empfindlichen. Von den Freunden, die kindlichen. / Von den Farben, die rote. Von den Botschaften, der Bote.“

Gina Pietsch gehört zu den „unverwertlichen“ Künstlerinnen unserer Zeit. Der Kapitalismus, der 1990 über die DDR und sie kam, ist erstens kunstfeindlich und kann zweitens mit einer starken künstlerischen Stimme gegen Krieg und Ausbeutung schon gar nichts anfangen. Dass im Sozialismus gar nicht selten Kunstbanausen das Sagen haben und vermeintliche Kunstfreunde nicht kindlich, sondern kindisch sein können, hat die Sängerin mit der dunklen, starken Stimme erfahren. In ihrer Autobiographie von 2017 „Mein Dörfchen Welt“ – betitelt nach „Mein Dörfchen DDR“ von Peter Hacks – wehrt sie sich mehrfach gegen die Vermutung, deswegen im „Widerstand“ gewesen zu sein.

Umgekehrt: Ohne die DDR, in der sie 1982 mit ihrem ersten Brecht-Programm die Karriere als Solosängerin begann – die staatliche Urkunde und Lizenz dafür hatte sie bereits zehn Jahre vorher erhalten –, ist ihr Weg zur bedeutendsten Brecht-Interpretin der Gegenwart nicht vorstellbar. Nur dort, im „Dörfchen“, konnte sie auf Lehrer wie Gisela May und – am wichtigsten – Ekkehard Schall treffen, nur dort war es selbstverständlich, mit Brechts Werken aufzuwachsen. Gina Pietsch hat das 2018 beschrieben: „Für mich, die ich in der DDR aufgewachsen bin, war Brecht immer Zeitgenosse. Kennengelernt hab ich ihn in der Grundschule, als erstes das Gedicht ‚Die Vögel warten im Winter vor dem Fenster‘ mit der wunderschönen Zeile ‚Sperling komm nach vorn, Sperling, hier ist dein Korn. Und besten Dank für die Arbeit‘. Das ‚Einheitsfrontlied‘, ‚Solidaritätslied‘, ‚Bitten der Kinder‘, ‚Aufbaulied der FDJ‘ und die ‚Kinderhymne‘ waren für uns Schullehrstoff.
(…) Brecht ist für mich der Dichter geblieben und hat meine gesamte Bühnenarbeit geprägt, seit meinem ersten Brecht-Abend 1982. Plätze, Brecht zu zeigen, gibt es immer noch, jedenfalls, wenn man nicht reich werden will. Er ist ja aktueller denn je und von der Zeit eingeholt worden, sicher zu seinem und gewiss meinem Leidwesen.“

Gina Pietsch wurde 1946 in eine Familie hineingeboren, in der künstlerische Aktivität Alltag war. Ihr Vater leitete ab 1953 das neuerbaute große Kulturhaus des Chemiefaserkombinats „Wilhelm Pieck“ – ein Betrieb mit rund 6.000 Beschäftigten – im thüringischen Schwarza. Die Treuhand verscherbelte das Werk nach 1990 für eine D-Mark an indische „Erwerber“ und überwies bis zu dessen Schließung 1993 fast eine halbe Milliarde D-Mark an sie oder andere Ganoven, das Kulturhaus wurde 2014 abgerissen. In dessen großem Saal stand Gina schon als Kind auf der Bühne, hüpfte im Ballett, erhielt Klavierunterricht, sang wie die ganze Familie im Chor. Nach dem Abitur bewarb sie sich folgerichtig an der Leipziger Schauspielschule, wurde aber trotz Anerkennung ihres Talents abgewiesen – sie litt unter einer Schilddrüsenvergrößerung und bekannte das offen. Also absolvierte sie in Leipzig an der Karl-Marx-Universität ein Germanistik- und Musikstudium, arbeitete danach kurzzeitig im DDR-Kulturministerium in Berlin, begann, im Oktoberklub zu singen, wurde 1972 wie erwähnt als Berufskünstlerin anerkannt und war von 1973 bis 1980 Mitglied der Gruppe „Jahrgang 49“. Das Schauspieldiplom holte sie nach und war selbst als Dozentin tätig. Mit „Jahrgang 49“ bereiste sie in den 1970ern so ziemlich alle europäischen Länder in West und Ost zu Gastspielen, meist auf Einladung kommunistischer Parteien, war öfter auch auf den Pressefesten der UZ (wo sie mit Franz Josef Degenhardt Freundschaft schloss) und trat auch in Vietnam sowie in lateinamerikanischen Ländern auf. Zugleich war sie am „Festival des politischen Liedes“ von der Gründung 1970 bis zu seinem Ende 1990 beteiligt. Es zog jedes Jahr im Februar Gruppen aus aller Welt in die DDR-Hauptstadt.

Sie selbst schreibt zusammenfassend in ihrer Autobiographie: „Ich bin einer Zeit großer progressiver Weltbewegungen zugehörig gewesen, die nicht unbedingt in der DDR entstanden waren, aber doch über Fernsehen und Radio merkbar zu uns rüberschwappten – Friedensbewegung, Frauenbewegung, Schwulenbewegung – also etwas auf Veränderung der Gesellschaft Hinzielendes, was Brecht gern die ‚dritte Sache‘ nannte.“ Diese Bewegungen hätten große kulturelle Leistungen hervorgebracht, was „nicht völlig verschwunden, aber sehr verkleinert“ sei. Und weiter: „Darüber kann man traurig sein oder verzweifelt, das hilft aber nichts und macht einen eher lächerlich. Das sage ich, die ich, wie sicher aus dem Buch hervorgeht, eine eingefleischte DDR-Bürgerin war. Keine ‚richtige‘ freilich, denn ich durfte arbeitsmäßig in den Westen reisen, also Welt erleben und viele großartige, kluge, meist natürlich linksorientierte Menschen kennenlernen, logisch, zumindest für mich, dass man nicht abhaut.“ Sie habe es nach 1990 „irgendwie geschafft, ohne große Wende“ durch die Jahrzehnte zu kommen – mit 65 selbst produzierten Solo-Abenden, fast alle ohne staatliche Förderung. Dabei nehme die Zahl der Veranstalter ab. Ihr Resümee „Also man sieht, es hat sich, jedenfalls für mich, gar nicht so viel gewandelt. Ich bin in den letzten Jahren der DDR, nachdem ich 1980 aus dem ‚Jahrgang 49‘ ausgetreten bin, mit keinem meiner Soloprojekte ins Fernsehen gekommen und so auch für die Medien nach dem Fall der Mauer nicht interessant gewesen.“ Der Grund: Ihr Genre gebe es nach Gründung des Privatfernsehens nicht mehr. „Der Spaß am Denken hat das Stigma des Unmodernen, abgedrängt in den Hintergrund, verdrängt durch anderes Spaßiges, die Droge, die Dummheit, aber auch durch Schönes, den Sex, das Kochen, das Reisen, in jedem Falle das ‚Ich‘.“ In den kleiner werdenden Sälen, in denen sie auftrete, treffe sie aber immer wieder auf Leute, „die sich nicht verblöden lassen wollen“. Sie setze auf Frieden, den Sieg der Vernunft, und „dass uns ein neuer Faschismus erspart bleibt“.

Als die DKP 2021 auf kaltem Wege beseitigt werden sollte, schrieb Gina Pietsch an die UZ: „Dieses Land beruft sich von früh bis spät als Demokratie. Ich komme aus der DDR, gehöre also zu den Menschen, die laut Marco Wanderwitz, dem ‚Beauftragten der Bundesregierung für die neuen Länder‘, ‚teilweise in einer Form diktatursozialisiert sind, dass sie auch noch nach dreißig Jahren nicht in der Demokratie angekommen sind‘. Der Herr mit dem bezeichnenden Namen Wanderwitz möge bitte zur Kenntnis nehmen, dass ich in einer Demokratie, die demokratische Parteien verbietet, gar nicht ankommen will. M e i n Land hat keine Partei verboten, sicher aber hätte sie es im Falle der NSDAP getan, wären ihr gleich nach dem Krieg die Alliierten nicht zuvorgekommenen.“

Eine Woche nach der Aufführung des neuen Brecht-Programms sang Gina Pietsch in einer Veranstaltung zum 85. Jahrestag des faschistischen Überfalls auf die So­wjet­union erneut in der „junge Welt“-Galerie. Am 25. Juli kommt sie mit ihrer Hommage an Esther Bejarano ins Ferienheim Heideruh in Buchholz, am 14. August liest sie im „Zielona Góra“ in Berlin zum 100. Geburtstag von Fidel Castro, am 29. August ist sie auf den UZ-Friedenstagen in Berlin mit dem Brecht-Programm, am 30. August moderiert sie dort die Matinee „Deutsche Wege“.

Das alles ist einmalig, nicht zuletzt weil es „unverwertlich“ bleibt. Vielen Dank und herzlichen Glückwunsch, liebe Gina!

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"Eine Unverwertliche", UZ vom 10. Juli 2026



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