Gedanken zum 100. Geburtstag des Schriftstellers

Hermann Kant „regierbar“?

Eine Aussage seiner Mutter Luise ließ den Atem des Schriftstellers stocken. Hatte sie doch im Fernsehen kundgetan, er sei ihr „regierbarstes Kind“ gewesen. Mit dieser Aussage beginnt Hermann Kant seine 1991 erschienenen Erinnerungen, die er „Abspann“ nennt. Solches Urteil, meint er, stünde zwar „bei der Regentin“, aber er selbst dürfe sich schon fragen, ob er sich auch so sehe. Und so lässt er den „Abspann“ durch die Jahrzehnte surren, gibt in großer Offenheit Auskunft über Ebenheiten und Risse seines Weges zum und im sozialistischen Ostland DDR.

Seine Leser blicken auch durch sie auf seine Literatur. Natürlich weiß Hermann Kant, dass Regierbarkeit, in die Lebenszeit ausgeleuchtet, eine provokante Metapher ist. Kann sie doch Fremdheit oder feindseliger Häme die Frage eingeben, wie viel von dem kindlichen Zug sich in dem zum Literaten mit Millionenauflage, Abgeordneten der Volkskammer, ZK-Mitglied und Verbandspräsidenten aufgestiegenen Manne verfestigt hätte. Fritz Rudolf Fries jedenfalls, als er Hermann Kant im ND 2001 mit augenzwinkerndem Respekt zum 75. Geburtstag gratuliert, macht bei „Hyänen der Wende“ (Fries) diese vergiftete Frage aus. Sie wurde vor deren Tribunalen verhandelt und nach massenmedialer „Aufarbeitung“ mit der Einflüsterung beantwortet, der Erfolgsautor sollte aus dem geistigen Inventar der gen Osten gestreckten BRD gestrichen werden. Wie Stephan Hermlin und anderen Intellektuellen der DDR die Verbundenheit zu ihrem Land vorgerieben wurde, obwohl sie es doch in dessen Erfolg und Fehl reflektiert hatten, traf Kant der Vorwurf devoter Staatsnähe mit besonderer Schärfe. Er kränkte den Autor wie seine Leser, blieb aber nicht unwidersprochen und fällt zu Zeiten souveräner gewordener Rückblicke auf das untergegangene Land und seine eben nicht untergegangene, weil das Land erklärende Kunst eher auf die Denunzianten zurück. Hermann Kant hat sich in „Abspann“ und später auch in dem von Irmtraud Gutschke herausgegebenen Interviewband „Die Sache und die Sachen“ auf eine Weise erklärt, die ihn von selbstgerecht auftrumpfender Dissidenz scheidet und dennoch den zuweilen quälenden Umgang mit gesellschaftlichen Konflikten in der DDR nicht verschweigt. Der ist ohne Wahrheitsverzicht aus Kants Biografie nicht zu radieren. Wer ahnte, was da auszuhalten war und ehrenrühriges Buhlen um Ämter bei Kant zu Recht ausschloss, der musste schlussfolgern, dass solche Bürde aus Gewissensgründen nicht abgeworfen wurde. Aus Motiven, die nur unzureichend mit Parteidiszi­plin beschrieben sind. Im offenen Wider­streit oder bei brückenbauender Moderation waren sie auf eine Optimierung der gesellschaftlichen Verhältnisse aus.

Geschichte in Geschichten

Generationen von DDR-Lesern wurden mit Hermann Kants Literatur vertraut. Meine wuchs mit ihr auf. Auch wer von außen diese ostdeutsche Entität DDR begreifen wollte, tat gut daran, die Kant-Lektüre nicht auszulassen. Wer es heute will, desgleichen. Sechs Romane und fünf Erzählbände stehen neben „Abspann“ zu Buche. Zu DDR-Zeiten gaben vor allem seine ersten drei Romane „Die Aula“ (1965) „Das Impressum“ (1972) und „Der Aufenthalt“ (1977) in ihrer Widerspruchs- und Konflikttiefe, aber auch in neuer Erzählweise Auskunft über Aufbrüche in dieses ostdeutsche Wagnis. Vielfacher autobiografischer Bezug verleiht dem Erzählten einen Reiz von Authentizität. In Geschichten erklärt sich Geschichte.

Frank Niebuhrs „Aufenthalt“ in polnischer Gefangenschaft lässt den jungen Wehrmachtssoldaten über eine kollektive Mitschuld an Hitlers mörderischen Raubzügen nachdenken. (Kant über sich: „Ich trug diese Uniform und sah den Mördern zum Verwechseln ähnlich. Dabei muss ich bleiben.“) Die polnischen Organe ermitteln, dass Kants Alter Ego an Vernichtungsexzessen nicht beteiligt war. Aber mit ihm sind Schlächter interniert, menschlich verroht und zu keiner Reue bereit. Niebuhr erkennt, in welche Verstrickung er hätte geraten können, und er geht mit dieser bohrenden Lektion seine künftigen Wege. Der Roman, den Gerhard Zwerenz ein „Jahrhundertbuch“ nannte, plädiert für einen Antifaschismus, der auch um Verständnis dafür wirbt, dass die Dämpfung polnischen Hasses auf deutsche Aggressoren Zeit und Klarsicht über Hierarchien des Verbrechens brauchte. Hermann Kant freut sich im Gespräch mit seiner Interviewerin Gutschke, dass „Der Aufenthalt“ wohl wegen des brisanten Themas in Polen zum meist rezensierten Roman seit 1945 wurde. Aber er konnte 1983 nicht verhindern, dass der von Frank Beyer gedrehte Film auf Grund eines Einspruchs der Volksrepublik Polen nicht auf der „Berlinale“ in Westberlin gezeigt wurde. Der Romanautor spricht von einer „Selbstverletzung“ und meint damit vor allem die willfährige DDR. Aber verletzt sind auch er und die Filmmacher, darunter der großartige Hauptdarsteller Sylvester Groth, dem ein Silberner Bär als bester Darsteller fast sicher war und der der DDR später den Rücken kehrte.

Auf seinen Wegen in der östlichen Nachkriegswelt könnte Frank Niebuhr einer jungen Generation von Lernenden begegnet sein, die in Kants Debütroman „Die Aula“ agiert. Der Vorabdruck in der FDJ-Zeitschrift „Forum“ hatte eine große Leseerwartung und Lust auf Diskussion über die ausgesandten Zeitzeichen geschürt. Das war beabsichtigt, nicht umsonst hatte Kant dem Roman das Heine-Wort vorangestellt: „Der heutige Tag ist ein Resultat des gestrigen. Was dieser gewollt hat, müssen wir erforschen, wenn wir zu wissen wünschen, was jener will.“ Da soll also dieser Robert Iswall, Journalist und ehemaliger Elektriker, eine feierliche Rede anlässlich der Schließung der Arbeiter-und-Bauern-Fakultät halten, die er einst besuchte. Um das bürgerliche Bildungsprivileg zu brechen und die Herausbildung einer sich sozial neuformierenden Intelligenz zu fördern, hatte die Institution ABF Kindern aus der Arbeiter- und der Bauernklasse die Möglichkeit geboten, das Abitur abzulegen und zu studieren. Iswalls Gedanken bewegen sich nun in zwei Zeitebenen, dem Start und der Schlussphase dieses Bildungsweges. Einstige Kommilitonen, Freunde wie Jacob Filter, Gerd Trullesand oder der ominöse „Quasi“ Riek werden in Erinnerung gerufen und ein Jahrzehnt später, der Nachfragen wegen, an ihren aktuellen Wohnorten besucht. Bis nach Hamburg hin, wo „Quasi“ aus Gründen, die ein Markus Wolf kennen musste, Iswalls Visite schnell beenden will. Kants Figuren sind keine Menschen ohne Fehl und Tadel. Und gerade Iswall bezieht viel Sympathie, weil er eben nicht als der bruchlos positive Held vorgeführt wird. Nachdem auch Lotte Ulbricht ausgerufen hatte „Wie der Kollege Kant muss man schreiben!“, konnte in der nun unangefochtenen „Aula“ ein passables Stück DDR-Geschichte gelesen werden. Nämlich wie eine Generation junger Akademiker in den Systemkämpfen der Zeit heranwuchs und ihr Wissen zumeist in Leistung für den Sozialismus ummünzte. Die vielschichtige, witzig-freche, teils anekdotische, oft sprachakrobatische Erzählweise gibt dem Roman eine „Heiterkeit, die von Überlegenheit zeugt“, wie ein früher Kritiker meinte. Von der in 22 Sprachen übersetzten „Aula“, wurden allein im deutschsprachigen Raum bis 1992 rund 1,5 Millionen Exemplare verkauft.

David Groth, die Hauptfigur in Kants Roman „Das Impressum“, gehört zu den im Sozialismus angekommenen und geprägten Intellektuellen. Als Chefredakteur der „Neuen Berliner Rundschau“ sieht er sich auf dem richtigen Platz. Seit er 1948 bei dem Blatt als Bote anfing, hat er in den Jahrzehnten manche Namen im Impressum wechseln sehen, was mit sich wandelnden Zeiten und Kaderkonstellationen zusammenhing. Er hat auf der Linie Balance gehalten und sich an die Spitze der Redaktion gearbeitet. „Ein Bild von einem Kader“, so meint man oben und will ihn zum Minister machen. Aber er will das nicht, und seine Obrigkeit ist baff. Es ist dieselbe Obrigkeit, die baff ist über Kant, dass er solchen Eklat so ungeniert aufschreibt: „Ich will aber nicht Minister werden!“ Dem Genossen Autor müsste doch klar sein, dass solche Verweigerung zu Zeiten der „Planer und Leiter“ (Kant) die führende Rolle der Partei in Frage stellt, also mit dem Ethos eines sozialistischen Leiters unvereinbar ist. Groth indes durchsiebt die Bilanz seines bisherigen Lebens, die kaum Gründe für sein Zögern herzugeben scheint.

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Zum Tag der Befreiung 1985 gab es großen Ansturm auf Hermann Kant, der auf dem „Buch-Bild-Notenbasar“ für Gespräche und Autogramme zur Verfügung stand. (Foto: Bundesarchiv, Bild 183-1985-0508-017 / Mittelstädt, Rainer / CC-BY-SA 3.0)

Das Buch sollte 1969 in die Buchhandlungen kommen, aber die fertigen Druckbögen hockten bis 1972 im Keller. Kant kann nicht fassen, was ihm der fürs Verlagswesen zuständige stellvertretende Kulturminister als Begründung auszurichten hat: Das Buch sei antisemitisch, philosemitisch und pornografisch. Weil das Verdikt so absurd ist, erklärt sich der Autor die scharfe Replik auf Groths Unwillen und auf manche Aspekte seiner Eigensicht aus Verunsicherungen an den Steuerrädern der Macht. Die hatten sich gerade beim Truppeneinmarsch von Warschauer-Vertrags-Staaten in der CSSR gezeigt, obwohl die DDR absent bleiben durfte. Womöglich steckten ihr auch Walter Ulbrichts interessante NÖS-Versuche oder das Jugendkommuniqué von 1963 in den Knochen, die nach Moskauer Signalen als ausufernde intellektuelle Spielwiesen weggebürstet wurden. So mit dem kulturfeindlichen 11. Plenum 1965. In den scharfen Systemauseinandersetzungen der Zeit ruft die Partei nach unbedingter Disziplin, die die Sache vor persönliche Sachen stellt.

Der Sache wegen Sachen durchsetzen

Kant, der Sache verpflichtet, übt sich in der Disziplin, Sachen durchzusetzen, die ihm der Sache wegen dringlich erscheinen. Das birgt Konfliktpotential, welches im „Impressum“ aufbricht. Aber alle amtlichen Zeigefinger festigen nur des Autors Vorsatz, sich weiter einzumischen. An der Biermann-Affäre betrübt ihn, dass sein „Nicht-Freund“ B. von Honecker nicht ausgehalten wurde. Er ahnt die Kahlstellen, die die Ausbürgerung in der DDR-Kulturlandschaft hinterlassen wird, und kann die Vorwürfe schwer verwinden, die ihm wegen seiner qua Amt eingenommenen Stellung in der Sache gemacht werden. Andererseits weiß, wer politisch aufpasste, von Kants geharnischten inhaltlichen Widerreden und wohlüberlegten Fürsprachen, die durchaus mit tagespolitisch Gängigem haderten. Als Kulturminister Hoffmann in der turnusmäßigen ZK-Sitzung im Dezember 1988 wegen seines hellen, aber aufreizenden Interviews für die westdeutsche Zeitung „Theater heute“ („Das Sicherste ist die Veränderung“) kritisiert wurde und seine Ablösung bevorzustehen schien, war Kant unter den ZK-Mitgliedern des Kunstsektors, die Honecker mit Erfolg zum Einlenken aufforderten. Und als der „Bücherminister“ Höpcke wegen seiner Unterschrift unter eine PEN-Forderung, den inhaftierten tschechischen Schriftsteller Václav Havel freizulassen, seines Amtes enthoben werden sollte, half ein Brief Hermann Kants an den Staatsratsvorsitzenden, dass die Entscheidung zurückgenommen wurde. Kant hatte geschrieben: „Wäre ich … dabei gewesen, trüge das Dokument jetzt auch meine Unterschrift.“ Der Umgang mit Peter Weiss‘ „Ästhetik des Widerstands“ in der DDR grämte Hermann Kant gewaltig. Statt vorzuschlagen, auf die Moskauer Bedenken – unter anderem die Behandlung der Stalinschen Prozesse betreffend – einfach zu pfeifen, schrieb er Kurt Hager eher schelmisch: „Wer solche Bücher liest, weiß alles über die Moskauer Prozesse, und wer nichts über die Moskauer Prozesse weiß, liest auch nicht solche Bücher.“ Oder: Als ich in der Kulturkommission des Politbüros die inhaltliche Linie der Leipziger FDJ-Kulturkonferenz von 1982 darlegte, warf er dem Jugendverband kulturpolitische Verengungen vor. Er hatte recht und wurde von Hager gerügt.

Als die alteingeübten präsidialen Feierbilder zum 40. Jahrestag der DDR nicht mehr tragen wollten und die „junge Welt“ deshalb auf deren Abdruck verzichtete, veröffentlichte sie dafür einen Offenen Brief von Hermann Kant. Darin erklärte er, das Schlechteste an der DDR sei ihr derzeitiger Zustand. Seine Trauer benutzte die Vokabel „derzeitig“. Die ganze Erinnerung nämlich fällt anders aus. In „Die Sache und die Sachen“ benennt Hermann Kant auf die Frage, was ihm die DDR gegeben habe, die Hauptsache so: „Immer hatte man das Gefühl, man wird benötigt. Und es war nicht gleichgültig, ob man sich verhielt oder nicht verhielt. Ob das im Einzelnen unangenehm oder angenehm war, die Tatsache selbst ist etwas für das Menschsein Grundsätzliches: Dass man gebraucht wird, dass man nicht denkt, dass alles sinnlos ist.“ Diese Haltung ging in Kants Literatur ein, machte sie wichtig für Menschen seiner Zeit und empfiehlt sich immer wieder jedem vernünftigen Zukunftsdenken.

Dieser Text erschien zuerst in den „Mitteilungen“ der Kommunistischen Plattform der Partei „Die Linke“

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"Hermann Kant „regierbar“?", UZ vom 12. Juni 2026



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