Der Film „Johnny & Me“ über John Heartfields Leben und Werk überzeugt trotz guter Trickfilmsequenzen filmisch nicht. Stattdessen schürt er lieber Vorurteile gegen die DDR

Das fiese Lachen der DDR-Bürokratie

Mit „Johnny & Me – eine Zeitreise mit John Heartfield“ hat die Regisseurin Katrin Rothe einen Film über das Leben und Werk des Künstlers vorgelegt. Die Rahmenhandlung ist schnell erzählt: Die Grafikerin Stephanie besucht in einer Schaffenskrise eine Ausstellung an der Berliner Akademie der Künste über John Heartfield. Begeistert von seinem Werk, setzt sie sich mit Schere und Papier hin und bastelt eine Heartfield-Figur. Johnny erwacht als Trickfigur zum Leben und die beiden tauschen sich in seinem Atelier aus, in dem Stephanie mysteriöserweise gelandet ist. In Zeitsprüngen zwischen der Zeit vor und nach 1945 wird seine Biographie erzählt und filmisch als animierter Legetrickfilm dargestellt – die Aktivität in der Dada-Bewegung und als Kommunist, das Exil in Prag und London, die Rückkehr nach Deutschland, in die DDR. Das bringt Stephanie dazu, sich ihrem Chef bei künstlerischen Entscheidungen gegenüber selbstbewusster zu geben, am Ende will sie gar den Job wechseln.

Man sollte sich ja freuen, dass in Zeiten des reaktionär-militaristischen Staatsumbaus ein Film über einen kommunistischen, antifaschistischen, antimilitaristischen Künstler in die Kinos kommt. Doch die Freude weicht schnell der Ernüchterung über die etwas dümmliche Figur der Grafikerin. Zu Heartfields Akte in der DDR stellt sie betrübt fest: „So eine Akte bin ich nicht wert.“ Viel Haltung, die zu aktenrelevantem politischem Handeln führen könnte, legt sie tatsächlich nicht an den Tag. Sie will einfach irgendwas bewegen. Bisher begrenzt sich ihre Unzufriedenheit darauf, den Vorgaben des Chefs und der Marketing-Abteilung folgen zu müssen. Um Heartfield ihren Chef vorzustellen, ruft sie den einfach mal an, nach einem wirren Gespräch werden die einzig folgerichtigen Fragen gestellt: „Stephanie, bist du betrunken? Brauchst du Hilfe?“ Die Oberflächlichkeit der Figur verwundert umso mehr, als es der Regisseurin Katrin Rothe laut Interview mit dem österreichischen Filminstitut wichtig ist, „eine weibliche Sicht auf einen männlichen Künstler“ zu reflektieren. Hoffentlich nicht so. Auch die Chance, die Dialoge ohne menschliches Gegenüber durch schauspielerische Präsenz lebendig zu machen, verpasst die Darstellerin Stephanie Stremler. Selbst die schön gestalteten Trickfilmsequenzen der Heartfield-Figur retten da leider nichts mehr.

Die verbliebene Hoffnung, dass der Film wenigstens inhaltlich-politisch was hergibt, verschwindet noch nicht sofort, als die Genossen Geffel und Jobst von der Zentralen Parteikontrollkommission (ZPKK) auftreten, aber ab da dauert es nicht mehr lange. Hängen bleibt: Die Bürokraten bei der ZPKK können richtig fies lachen. Den Schwerpunkt legt der Film darauf, wie schwer es Heartfield in der DDR gemacht wurde. Das Dokument, das ihm eine Professur verschafft hätte, verschwindet, er steht als Rückkehrer aus dem Exil unter Generalverdacht. Durch einen Trick fliegt er aus dem Verzeichnis der Partei. Die Bürokraten bei der ZPKK handeln willkürlich und eigenmächtig, hinterfragen sich aber nicht, denn „wenn das beschlossen ist von der Partei, dann hast du das zu denken“, und sowieso machen sie nur, was man ihnen aufträgt. Stattdessen verbieten sie heitere Fotomontagen als „formalistisch“. Angesichts dessen, dass Heartfield seine wichtigsten Werke in scharfer Opposition zum aufkommenden Faschismus schuf, ist allein dieser Schwerpunkt eigenwillig. Die Darstellung wirft Fragen auf: Warum bleibt Heartfield denn in der DDR und wird schließlich rehabilitiert? Sogar Stephanie wundert sich, wie ein Verfahren bei der ZPKK mit einer Ehrenrente zusammenpasst, und findet die DDR dafür ein bisschen komisch.

Über den Umgang mit Rückkehrern, die Formalismus-Debatte und deren kulturpolitische Folgen ließe sich trefflich diskutieren, vieles schreiben und sicher auch ein Film machen. Dafür müsste man sich mit den historischen Bedingungen auseinandersetzen und die Kontroversen inhaltlich durchdringen, eine eigene Haltung dazu entwickeln – umso wichtiger als es dem Film vorgeblich um Haltungen geht. Er äfft aber nur das nach, was man alle Nase lang im bürgerlichen Feuilleton vorgesetzt kriegt: Die DDR war schlecht, totalitär und eigentlich noch schlimmer als die Nazis. Selbst die Antwort auf die ungläubige Frage Stephanies danach, wie Heartfield in den 50er Jahren Stalinist gewesen sein könne, nämlich die, dass man den Sowjets für die Befreiung vom Faschismus dankbar sein müsse, lässt man Johnny nur ironisch, mit halb auseinandergenommenem Gesicht sagen. Es gibt mehr als genug Momente, die den Impuls auslösen, aufzustehen und das Kino zu verlassen, aber das geht natürlich nicht, wenn man den Film noch besprechen soll.

Der Film fällt inhaltlich weit hinter die Ausstellung zurück, von der er seinen Ausgangspunkt nimmt. Diese sei denen, die sich mit Heartfield beschäftigen wollen, anstelle des Films ans Herz gelegt, denn man kann sie immer noch anschauen: Der Ausstellungsbeginn musste wegen der Pandemie verschoben werden, so dass es stattdessen eine liebevoll gestaltete Online-Variante gab, die die Präsenzausstellung noch übertraf. Die Seite ist immer noch verfügbar, man kann sich dort durch Biographisches, Grafiken und Tondokumente klicken. Verlinkt ist dort auch die Seite „Heartfield Online“, auf der sein Nachlass digitalisiert ist.

Hier geht es zur Online-Ausstellung.


Johnny & Me – eine Zeitreise mit John Heartfield
Regie: Katrin Rothe
Im Kino


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"Das fiese Lachen der DDR-Bürokratie", UZ vom 9. Februar 2024



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