SDAJ will Schülerinnen und Schüler zum Schulstart auf die Straße bringen

Den Herbst heiß machen

In 13 der 16 Bundesländer hat die Schule nach den Sommerferien wieder begonnen. Das neue Schuljahr wird von Preissteigerungen und von einer desolaten Corona-Politik überschattet. UZ sprach darüber mit Andrea Hornung, Bundesvorsitzende der SDAJ, in Berlin auf dem 21. UZ-Pressefest.

UZ: Die Masken- und Testpflicht in Schulen ist weitgehend entfallen. Vielerorts wurde die Klassenstärke wegen Lehrermangels durch Corona erhöht. Gleichzeitig lobt die Vorsitzende der Kultusministerkonferenz, Karin Prien (CDU), die Corona-Politik der Bundesregierung. Wie kann das zusammenpassen?

350702 hornung - Den Herbst heiß machen - Corona-Pandemie, Energiepreise, Jugend, Lehrermangel, Schulen, Soziale Kämpfe - Politik
Andrea Hornung auf der Hauptbühne des 21. UZ-Pressefestes (Foto: Shari Deymann)

Andrea Hornung: Nicht besonders gut. Es droht, dass wir im Herbst wieder in den Lockdown gehen. Es wird wieder diskutiert, es Schulschließungen geben könnte. Die Schülerinnen und Schüler leiden immer noch unter dem Umgang mit Corona aus den letzten Jahren. Fast zwei Jahre hat kein Schulunterricht richtig stattgefunden und es wird erwartet, dass wir so wie gehabt weitermachen, wie vorher. Aber wer sich keine Hausaufgabenhilfe oder Nachhilfe leisten konnte, der war allein damit und kommt jetzt nicht mehr mit in der Schule. Was wir jetzt stattdessen bekommen, ist, dass der Leistungsdruck direkt nach Schulstart enorm hoch ist und extrem viele Prüfungen abverlangt werden.

UZ: Die Bundesregierung schließt aktuell Schulschließungen aus, aber wir gehen auf einen Herbst zu, der dank der getroffenen Maßnahmen, nur schwer andere Lösungen erlauben wird. Was müsste jetzt passieren, damit die Schulen im Herbst offen bleiben können?

Andrea Hornung: Was wir brauchen, sind bessere Räumlichkeiten, Luftfilter und kleinere Klassen. Das brauchen wir seit Beginn von Corona und eigentlich schon davor. Das wäre schon am Anfang der Pandemie problemlos möglich gewesen, zu organisieren. Es haben zum Beispiel viele Jugendzentren angeboten, dass man in ihren Räumlichkeiten unterrichten kann. Nach zwei Jahren Pandemie könnte man nicht nur Räumlichkeiten organisieren, sondern auch den Lehrermangel bekämpfen. Es gibt genug Lehrerinnen und Lehrer, die darauf warten, verbeamtet zu werden und es gibt Leute, die darauf warten, eine Anstellung zu bekommen. Man könnte es also politisch lösen, aber man macht es bewusst nicht, weil man nicht mehr Geld ausgeben möchte, sondern es lieber in die Rüstung steckt. Diesen Widerspruch zeigen wir aktuell auch mit Aktionen an der Schule auf und zeigen damit, auf wessen Seite der Staat steht.

UZ: Die SDAJ ist an vielen Schulen bundesweit aktiv. Was bekommt ihr mit, wie die Stimmung der Schülerinnen und Schüler gegenwärtig ist?

Andrea Hornung: Was wir merken, ist das eine ziemliche Wut da ist, weil viele Freizeitangebote, Kultur- und Sportveranstaltungen gestrichen werden. Aus diesem Grund haben wir schon in den Sommerferien in vielen Städten den „Roten Sommer“ als alternatives Freizeitangebot durchgeführt, für die Leute, die es sich einfach nicht mehr leisten können, in den Urlaub zu fahren und überhaupt etwas diesen Sommer zu machen. Alles wird teurer und vieles gibt es einfach nicht mehr.

Wir haben gemeinsam gefeiert, gemeinsam zum See gefahren, aber haben auch gemeinsam politisch diskutiert und uns auf den Schulstart vorbereitet. Zum Schulstart arbeiten wir viel zu den Preissteigerungen, weil Schülerinnen und Schüler auch stark davon betroffen sind. Es macht für uns einen Unterschied, wenn das 9-Euro-Ticket jetzt weg ist und die Lebensmittel teurer werden. So verschärft sich die Selektion nach dem Geldbeutel weiter, noch weniger Schüler können sich Nachhilfe leisten, die Kosten für Klassenfahrten und Schulmaterial sind kaum noch stemmbar. Deshalb haben wir an einigen Schulen, zum Beispiel in Leipzig, Aktionen vor der Schule gemacht, bei denen wir die Schülerinnen und Schüler fragen, wo sie das Geld, das in die Rüstung geht, stattdessen hingeben würden. Die Schülerinnen und Schüler können sich auch bei einer Fotoaktion gegen die Preissteigerungen und die Aufrüstung beteiligen.

UZ: Die Medien reden einen heißen Herbst her, der nach der herrschenden Meinung nur von Rechts kommen kann. Gibt es bei den Schülerinnen und Schülern Überlegungen, wie man einen linken heißen Herbst machen kann?

Andrea Hornung: Wir als SDAJ orientieren auf Demos gegen die Preissteigerungen, zum Beispiel am 5. September, und organisieren gemeinsam mit Bündnispartnern selbst Aktionen. Wir stellen gerade in vielen Städten offene Treffen gegen die Preissteigerungen auf die Beine und bringen Schülerinnen und Schüler mit Azubis und Studierenden zusammen, die von den gleichen Problemen betroffen sind. Auf den Treffen bereiten wir uns durch Transpi malen gemeinsam auf die Aktionen vor, diskutieren, was wir an Schule oder Betrieb konkret gegen die Preissteigerungen machen können und bilden uns gemeinsam zum Zusammenhang zwischen Preissteigerungen und dem kapitalistischen System.

Denn wir brauchen eine breite Bewegung von Links gegen sozialen Kahlschlag und Preissteigerungen. Wir brauchen einen Preisstopp für Energie und Lebensmittel auf Kosten der Konzerne statt einer Gasumlage und ein Ende der kriegstreiberischen Wirtschaftssanktionen, die die Preise noch weiter in die Höhe treiben. Wir brauchen Geld für Bildung, Gesundheit und Soziales statt für Aufrüstung. Wir planen für nächste Woche zum Beispiel in Hessen in drei Städten Demonstrationen. Wir rufen dazu auf, diesen Herbst wirklich zu einem heißen Herbst zu machen! Der gemeinsame Kampf für unsere Interessen und die Organisation ist unsere stärkste Waffe!

Über den Autor

Christoph Hentschel (Jahrgang 1980) ist Politikwissenschaftler und Redakteur für „Politik“. Er arbeitet seit 2017 bei der Zeitung der DKP.

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"Den Herbst heiß machen", UZ vom 2. September 2022



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