Thomas Metschers „Integrativer Marxismus“

Der doppelte Anspruch marxistischen Denkens

Von Rudolph Bauer

Thomas Metscher

Integrativer Marxismus

Dialektische Studien. Grundlegung

Kassel, Mangroven Verlag 2017

25 Euro

faschistischen Elternhaus aufgewachsen, studierte der Philosoph Thomas Metscher an der Freien Universität Berlin sowie in München, Bristol und Heidelberg. Seine Fächer waren Philosophie, Germanistik und Anglistik. Er promovierte 1966 über den irischen Dramatiker, Freiheitskämpfer und Sozialisten Sean O‘Casey.

Von 1961 an war er ein Jahrzehnt lang Dozent für neuere deutsche Literatur an der Queen’s University of Belfast. Anschließend lehrte und forschte er bis zu seiner 1999 erfolgten Emeritierung als Professor für Literaturwissenschaft und Ästhetik an der Universität Bremen. Seither hat er, wie auch schon zuvor, unzählige Aufsätze, Bücher und Zeitschriftenbeiträge veröffentlicht.

Als Anglist und Germanist hat sich Metscher ebenso unter den Shakespeare-Experten einen Namen gemacht wie unter den Kennern von Goethes „Faust“ („Welttheater und Geschichtsprozess“, 2004). Seine Forschungen zur Ästhetik betreffen nicht nur die Literatur, sondern ebenso die Musik („Sozialistische Avantgarde und Realismus. Zur musikalischen Ästhetik Dmitri Schostakowitschs“, 2008).

Sein thematisches Spektrum umfasst Fragen der Bildenden Kunst und Kunsttheorie („Kunst. Ein geschichtlicher Entwurf“, 2012), der Theorie des gesellschaftlichen Bewusstseins („Logos und Wirklichkeit“, 2010) sowie des Friedens in der Geschichte („Der Friedensgedanke in der europäischen Literatur“, 1984). Eines seiner aktuellen Hauptanliegen ist die Frage der „Zukunftsfähigkeit des Marxismus“ – keine belanglose Frage in einer Zeit wie der heutigen.

Die Gegenwart gilt als „postsozialistisch“ einerseits, nach wie vor aber auch als imperialistisch: eine Zeit der Kriege, von gescheiterten Hoffnungen, von Myriaden Toten, Geknechteten, Hungernden, Ausgebeuteten und Unterdrückten. Die Zerstörung des Planeten schreitet voran, Armut und Elend herrschen weltweit, Reichtum, Luxus, Machtfülle und die Arroganz ganz weniger ebenso.

Unter Zukunftsfähigkeit des Marxismus versteht Metscher eine Weltsicht des dialektischen Materialismus, der einem „doppelten Anspruch genügt, die Welt – die heutige wie die zukünftige Welt – zu ‚interpretieren’ wie auch sie zu ‚verändern’; denn Interpretation und Veränderung, Theorie und Praxis seien … als Einheit verstanden, wobei das Erste die Bedingung des Zweiten ist. … Zukunftsfähigkeit heißt aber auch: die Zukunft denkbar machen; dafür Sorge tragen, dass die Zukunft denkbar wird.“ (S. 28 f.)

Integrativer Marxismus meint daher eine „kritische, kohärente und umfassende, philosophisch begründete dialektische Theorie; eine Theorie, die sich in der Verarbeitung divergenter Momente des Bewusstseins und Wissens, der Wissenschaft und Kultur als philosophische erst konstituiert und entwickelt“ (S. 68) – also ein Gedankengebäude, das nicht fertig und abgeschlossen ist, sondern bereit und in der Lage, auf neue Entwicklungsprozesse zu reagieren und neue Impulse aufzunehmen, auch Neues aus den Geistes- und Naturwissenschaften, auch Impulse aus der Religion.

Der Marxismus sei nur unter bestimmten Bedingungen zukunftsfähig – also „nicht in jeder seiner historisch vorliegenden Gestalten“: weder „in der Form des Systems, das mit dem Anspruch einer geschlossenen Totalität der Erkenntnis auftritt, wie in der Form einer nur noch kritischen Theorie, die alles positive Wissen aufzehrt, noch in einer auf bestimmte kategoriale Dimensionen beschränkten Theorie von Teilbereichen“ (S. 29). Ein Marxismus, wie Metscher ihn verstanden haben möchte, besitze „ein Zukunftspotenzial, das ihn über jede andere mit ihm konkurrierende wissenschaftliche Weltanschauung hinaus hebt“ (S. 282).

Metscher beansprucht damit, die dialektische Theorie als eine wissenschaftliche Weltanschauung zu entwerfen, die zwar auf Marx und Hegel rekurriert, zugleich aber auch gegenwartsbezogen ist und perspektivisch eine Zukunft erschließt, die für viele mit dem Ende der UdSSR für immer untergegangen zu sein scheint.

Das Buch „Integrativer Marxismus“ verlangt den diszipliniert mitdenkenden, lernbereiten und lernfähigen Lesenden, den freien und den skeptischen Geist, den kritischen Kopf, bereit sich die Welt in ihrer ganzen Widersprüchlichkeit anzueignen.

Der Aufbau des Bandes umfasst einen großen Abschnitt der kategorialen Grundlegung. Der Autor beschreibt Problemlage, Aufgabenstellung und Zielsetzung des von Marx und Engels begründeten neuen Materialismus als eines „dynamisch-energetischen“ Movens der geschichtlichen Entwicklung. Er entfaltet die Kernkategorien dieses Materialismus: gegenständliche Tätigkeit, Arbeit; Geschichte, Gesellschaft, Politik; Kultur; Ästhetik.

Ferner werden theoretische Erweiterungsfelder abgesteckt: Ethik und Humanismus, nicht zuletzt Religion, der Marxismus als Weltanschauungsform im Konnex von Wissenschaft, Kunst und Philosophie. Zwei weitere große Kapitel bearbeiten die Dialektik und den Komplex Ideologie. Eingebunden sind weitere Kapitel „Über Kultur der Kritik und den Mangel daran“ (eine gerade unter Linken höchst lesenswerte Kritik der Kritik) sowie – sehr gut geeignet, am Anfang als Einführung in die Metschersche Gedankenwelt zu lesen – der in der Form eines Interviews geführte Epilog „Marxismus im Gespräch“.

Auf die Fülle der Themen kann hier nur hingewiesen werden, ohne die durch Metscher grandios erfolgte Bearbeitung annähernd würdigen zu können. Das Buch verdient lesende Menschen, die sich auf der Suche befinden nach einer zukunftsfähigen Theorie. Ihnen sei die Veröffentlichung mit Nachdruck empfohlen und ans Herz gelegt.

Das Erscheinen des Buches „Integrativer Marxismus“ steht für eine Sternstunde des marxistischen Denkens der Gegenwart. Dies gilt nicht minder auch deshalb, weil Thomas Metscher bereits drei weitere Bände angekündigt hat, in denen das Konzept des Integrativen Marxismus weiterentwickelt werden soll. Die Erkenntnisse dieser folgenden Bände steht noch aus. Mögen sie ebenso vital, innovativ, grundlegend und weiterführend den Weg des integrativen Marxismus weisen, wie es der erste Band tut.

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"Der doppelte Anspruch marxistischen Denkens", UZ vom 23. März 2018



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