Elke Erb erhält den Georg-Büchner-Preis 2020

Dichtung als Arbeit

Elke Erb bei einer Lesung

Elke Erb (geboren 1938) hat den Georg-Büchner-Preis des Jahres 2020 zugesprochen bekommen, die bedeutendste literarische Auszeichnung in Deutschland. Die Schriftstellerin Annett Gröschner („Walpurgistag“, 2011) sah Elke Erb 2017 seit Jahrzehnten als erste Anwärterin: „Gebt Elke Erb endlich den Georg-Büchner-Preis!“ Nun bekommt eine Schriftstellerin ihn, die eine Ausnahmeautorin ist: Im Zentrum erregter Auseinandersetzungen stand sie selten; ihre Bücher wurden keine Bestseller. Die Berichterstattung über die Zuerkennung des Preises ist gewaltig. Fragt man nach der Leserschaft der Dichterin, bleibt diese überschaubar, obwohl sie der „Sächsischen Dichterschule“ zugerechnet wird. Urteile sind gespalten: zu schwierig. Frühzeitig meinten Kritiker, dass sie zu den Dichtern gehöre, „die lieber wenigen vieles bringen als umgekehrt“ (Tilo Köhler 1989).

Ihre Lyrik ist keine gefällige Reimdichtung. Zwar beherrscht sie die lyrischen Formen – Endreim und Binnenreim, Assonanzen und Alliteration – nutzt sie jedoch selten. Ihre Bildwelt, sofern sich davon sprechen lässt, ist spröde, oft lakonisch auf den ersten Blick, faszinierend und erschreckend auf den zweiten, manchmal macht sie sprachlos. Selbstverständliches wird staunend unverständlich und muss neu verständlich werden: „So heranwachsend fragte ich (neu): Wo sind die Menschen? (Als ob sich das fragen ließe. Fragen lässt es sich so: im Text.“ („Kastanienallee“) Macht der Sprache schlägt in Ohnmacht um, das verlangt nach Orientierung und Besinnung, Unaussprechbares soll aussprechbar werden. Mildere Töne finden sich später im Band „Unschuld, du Licht meiner Augen“ (1994), im Titel klingt ein weicherer Ton und in den Texten klingen Märchen an.

Sie bekommt den Georg-Büchner-Preis, bei dem der Name ein Programm vermittelt? Die Antwort darauf gibt ihr poetisches Programm. Als sie 1988 vom Land Baden-Württemberg und dem Südwestfunk den Peter-Huchel-Preis erhielt, beschrieb sie dieses Programm in ihrer Dankesrede, die in der DDR sofort veröffentlicht wurde als eine Reaktion auf die historische Situation: Dichter wie Huchel, dem sie sich wesensverwandt fühlte, würden „in unserem von Vernichtung geprägten und mit Vernichtung drohenden europäischen Jahrhundert“ mit ihren Gedichten „ein ergreifendes Zeugnis für die Treue zu diesem Gesetz“ bieten. Das Gesetz aber sei, wenn die Seele „in der Innen- und Außenwelt zu bilden beginnt“ und dabei für beide reife. Das ist für Elke Erbs Vermögen schlicht formuliert. Noch einfacher: Dichtung soll durch das Wort die Welt und Wirklichkeit bewahren, damit der Vernichtung begegnen und das eigene Menschsein sensibilisieren: „Von innen her reden wir von dem Außen. Klagen wir es an? Nein, wir berufen uns auf es.“(Huchel-Preisrede 1988) Man kann das auch als praktizierte sprachliche Dialektik bezeichnen. Es führte sie in die Nähe der konkreten Poesie und Ernst Jandls, auch zu anderen experimentellen Unternehmungen. Sie sah Kultur und Kunst als Existenzformen des Menschen und warf der Bundesrepublik, besonders nach 1989, Kulturlosigkeit vor, die den Umgang mit der DDR prägte, die sie kritisch sah, aber als ihr Land betrachtete.

Sucht man nach geistiger Nähe, fände man sie beispielsweise bei Else Lasker-Schüler – ohne deren orientalische Verkleidung –, Friederike Mayröcker und Inge Müller. Als einen Urzustand des Menschseins begreift die Dichterin die Kindheit, die es als Maßstab und Beispiel zu erinnern gilt. Sie wirkt auf Nachkommende ein, zuerst auf die Avantgarde des Prenzlauer Berges in den achtziger Jahren. Dann auf den Schriftsteller Lutz Seiler: Er bezieht sich in seinem Roman „Stern 111“ (2020, Preis der Leipziger Buchmesse) leitmotivartig auf Elke Erbs außergewöhnliche „Kastanienallee. Texte und Kommentare“ (1987), ein literarisches Experiment und von Seiler als vorbildhaft zitiert und genutzt. Im Band „Winkelzüge“ (1991) beschäftigte sie sich bevorzugt mit der Methode des Schreibens zu diesem poetischen Programm, das Schreiben als ein mehrfach gebrochener Schreib- und Denkprozess. Die Konzentration auf das poetische Programm bedeutete in Erbs Texten keinen Verzicht auf historische Vorgänge: Historische Etappen wurden in der DDR-Literatur in mythischen Gestalten konzentriert, die von der Heimkehr nach dem Zweiten Weltkrieg, im Bild des Odysseus, über die prometheische Erwartung und andere bis zu den Schwierigkeiten des Sisyphos reichten. Elke Erb dachte anlässlich von Karl Mickels „Nausikaa“ über Odysseus in „Kürze als Forderung des Tages“ (1968), in ihrem Band „Der Faden der Geduld“ (1978) nach und formulierte: „Da es sich nicht um Knochenarbeit handelt, sondern der Verstand jetzt wie in der Odysseus-Fabel die Herkulesarbeiten fortsetzt, sehen wir die Arbeit in ständiger Potenzierung.“ Sie weiß, dass die Entwicklung der Menschheit von befreiter, sich ständig qualifizierender Arbeit abhängt, zu der sie Dichtung zählte.

Elke Erb ist eine anerkannte Übersetzerin – wen wundert es bei diesem Anspruch – und sie schreibt eine fabel-hafte Prosa. Übersetzt hat sie neben anderen die Lyrikerin Marina Zwetajewa, aber auch Romane aus dem Russischen (Gogol, Block), Dichtungen aus dem Georgischen, Englischen und so weiter.

Ihr Vater Ewald Erb war ein bekannter Literaturwissenschaftler, der die ersten Bände der 12-bändigen „Geschichte der deutschen Literatur“ allein geschrieben hat. Sie folgte 1949 aus der Bundesrepublik ihrem Vater in die DDR, studierte in Halle und arbeitete zeitweise als Lektorin am Mitteldeutschen Verlag. In Halle gehörte sie zum Kreis von Dichtern und Germanisten, unter ihnen Sarah und Rainer Kirsch, und war in ihrer zurückhaltenden Art „besonders“, aber anerkannt. 1975 erschien ihr erster Band „Gutachten“. In ihm legte die Dichterin den Grundstein für das spätere Werk. Keine Gattung herrschte vor; es waren Gedichte und Miniaturen, Prosa und Aufsätze, auch Nachdichtungen. Augenblickseindrücke konzentrierten sich auf einen Vorgang, der im Wort möglichst genau gefasst wurde, um dann das Wort abzuklopfen auf seine Tragfähigkeit für Inhalt und Eindruck. Die Kritik machte auf den Zusammenhang von „Intuition und Analyse“ (Jan Albrecht) aufmerksam. In „Kastanienallee“ ergänzte sie das Verfahren durch Kommentare, die den Texten nachgestellt wurden.

Wer einen schönen und informativen Überblick über Elke Erbs Dichtungen bekommen will, greife zu dem 2012 von Richard Pietraß herausgegebenen „Poesiealbum 301“. Elke Erb mit 55 Gedichten aus 12 Bänden, in dem sich auch frühe wie „Das Flachland vor Leipzig“ finden. Mit Karl Mickel befreundet, mit Adolf Endler von 1967 bis 1978 verheiratet, für deren berühmte Anthologie „In diesem besseren Land“ (1966) schrieb sie eine Rezension, die nachhaltige Diskussionen zur Lyrik auslöste.

Ein Gespräch Christa Wolfs mit Elke Erb („Der Faden der Geduld“, 1977) ist bis heute ein Schlüssel zu den Dichtungen Elke Erbs; Christa Wolf gab zu, dieser Dichtung teils hilflos, „unzuständig“ gegenüberzustehen. Elke Erb erklärte, dass „der Mut zum ungenauen Wort (ihr) als eine fast unerreichbare Perfektion moralischer Art“ erscheine und benannte Sinn und Auftrag ihres Dichtens, immer auf der Suche nach dem und Verständigung über das „Gemeinwesen“. Damit befindet sie sich in der Nähe des Denkens von Georg Büchner. Wenn die Preisträgerin im Oktober ihre Büchner-Preis-Rede halten wird, wird die Öffentlichkeit sehen, wie sie sich damit auseinandersetzt. Sie sagte auch: „Ich nehme eine Stelle ein, wo verantwortlich gearbeitet wird, wo eine Aussage gemacht wird, wo Zeugnis abgelegt wird.“

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Über den Autor

Rüdiger Bernhardt (Jahrgang 1940). Nach dem Studium der Germanistik, Kunstgeschichte, Skandinavistik und Theaterwissenschaft (Prof. Dr. sc. phil.) tätig an Universitäten des In- und Auslandes und in Kulturbereichen, so als Vorsitzender der ZAG schreibender Arbeiter in der DDR, als Vorsitzender der Gerhart-Hauptmann-Stiftung (1994-2008) und in Vorständen literarischer Gesellschaften. Verfasser von mehr als 100 Büchern, Mitglied der Leibniz-Sozietät, Vogtländischer Literaturpreis 2018.

Er schreibt für die UZ und die Marxistischen Blätter Literaturkritiken, Essays und Feuilletons zur Literatur.

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"Dichtung als Arbeit", UZ vom 24. Juli 2020



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