Studie zeigt: Ausländerfeindlichkeit nimmt weiter zu

Die Hälfte fühlt sich fremd

Von Nina Hager

Etwa jeder dritte Bundesbürger vertritt ausländerfeindliche Positionen, mehr als die Hälfte der Befragten sagen, sie fühlen sich „wie ein Fremder im eigenen Land“ – das ist das Ergebnis einer Studie, die das „Kompetenzzentrum für Rechtsextremismus- und Demokratieforschung“ der Universität Leipzig in der vorigen Woche vorgestellt hat. Die Untersuchung bestätigt bisherige Einschätzungen und erregte kurz vor dem 9. November, dem 80. Jahrestag der Reichspogromnacht, und angesichts jüngster Ereignisse, so in Chemnitz und Köthen, einiges Aufsehen. Sie trägt den Titel „Flucht ins Autoritäre. Rechtsextreme Dynamiken in der Mitte der Gesellschaft“, herausgegeben wurde sie von den Wissenschaftlern Dr. Oliver Decker und Prof. Dr. Elmar Brähler.

Für die 328 Seiten lange Studie wurden zwischen Mai und Juli dieses Jahres insgesamt 2 416 Menschen (im Westen Deutschlands 1 918, im Osten 498) zu ihren Einstellungen interviewt. Fragen gab es zu den Themen „Befürwortung einer rechtsautoritären Diktatur“, „Ausländerfeindlichkeit“, „Antisemitismus“, „Sozialdarwinismus“, „Chauvinismus“ und „Verharmlosung des Nationalsozialismus“. In diesem Jahr wurden zudem „autoritäre Persönlichkeitsmerkmale“ erfasst. Insgesamt stimmen nach der Studie 36 Prozent der Deutschen der Aussage zu, dass Ausländer nur hierherkommen, um den Sozialstaat auszunutzen (Ost: 47,1 Prozent, West: 32,7 Prozent). Über ein Viertel würde Ausländer wieder in ihre Heimat zurückschicken, wenn hier die Arbeitsplätze knapp werden (Ost: 32,4, West: 25). Rund 36 Prozent halten die Bundesrepublik durch Ausländer in einem gefährlichen Maß überfremdet (Ost: 44,6, West: 33,3). Mehr als zehn Prozent waren auch der Meinung, dass „der Einfluss der Juden zu groß“ sei. Erschreckend ist die Zunahme der Muslimfeindlichkeit im Land: Bundesweit stimmten 56 Prozent der Aussage zu, sie fühlten sich „wegen der vielen Muslime hier wie ein Fremder im eigenen Land“. 2010 waren es noch 33 Prozent.

Antiziganismus ist hierzulande ebenso stark ausgeprägt. Der Studie zufolge stimmten 60 Prozent der Befragten der Aussage zu, dass Sinti und Roma zur Kriminalität neigten. 49,2 Prozent wollten Angehörige der Minderheit aus den Innenstädten verbannen.

Im Vergleich zur Erhebung im Jahr 2016 ist, so die Forscher, die geschlossene manifeste Ausländerfeindlichkeit bundesweit um knapp vier auf 24,1 Prozent gestiegen. In Ostdeutschland stieg der Anteil von 22,7 auf knapp 31 Prozent. Gesucht wird nach Ursachen und diese werden nicht nur auf Abstiegsängste beziehungsweise soziale Fragen reduziert.

Den Wunsch, Andersdenkende auszugrenzen, teilen der Studie zufolge etwa zwei Drittel der Befragten, im Osten sind es auch hier etwas mehr. Auch die Bereitschaft, sich Autoritäten unterzuordnen, sei im Osten größer.

Übrigens: 55 Prozent der Menschen, die angaben, sie würden die AfD wählen, äußerten sich ausländerfeindlich. Unter denjenigen, die CDU, CSU und SPD wählen würden, waren es 22 Prozent. Ausländerfeindlichkeit gibt es aber auch unter FDP- (18 Prozent), Linkspartei- (15) und Grünen-Wählerinnen und -Wählern (11).

Brähler, der Professor für Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie an der Universität Leipzig war, ist auch Mitglied des Willi-Brandt-Kreises. Oliver Decker, Direktor des Kompetenzzentrums für Rechtsextremismus- und Demokratieforschung an der Universität Leipzig und Leiter des Forschungsbereichs an der dortigen Abteilung für Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie, betreut unter anderem ein Graduiertenkolleg der Rosa-Luxemburg-Stiftung an der Universität Leipzig und an der Universität zu Köln zum Thema „Rechtpopulismus“.

Die aktuelle Studie entstand in Zusammenarbeit mit der Heinrich-Böll- und der Otto-Brenner-Stiftung. Alle Ergebnisse wurden im Buch „Flucht ins Autoritäre“ (siehe auch http://uni-l.de/autoritarismus) veröffentlicht.

Untersuchungen zu autoritären und rechtsextremen Einstellungen in Deutschland werden an der Universität in Leipzig seit dem Jahr 2002 durchgeführt. Ausgangspunkt waren damals die politisch motivierten Morde der 1990er Jahre wie in Solingen, rechte Übergriffe wie in Rostock-Lichtenhagen. Brandanschläge, Terror, Morde sind auch heute – 25 Jahre nach dem „Asylkompromiss“, der faktischen Abschaffung des Grundrechts auf Asyl in der Bundesrepublik durch den Bundestag im Jahr 1993, – unverändert Teil der bundesdeutschen Realität. Der NSU ist dabei nur das bekannteste Beispiel. Darauf verweist Oliver Decker in seinem eigenen einleitenden Beitrag „Flucht ins Autoritäre“.

Über die Autorin

Nina Hager (Jahrgang 1950), Prof. Dr., ist Wissenschaftsphilosophin und Journalistin

Hager studierte von 1969 bis 1973 Physik an der Humboldt-Universität in Berlin. Nach dem Abschluss als Diplom-Physikerin wechselte sie in das Zentralinstitut für Philosophie der Akademie der Wissenschaften der DDR und arbeite bis zur Schließung des Institutes Ende 1991 im Bereich philosophische Fragen der Wissenschaftsentwicklung. Sie promovierte 1976 und verteidigte ihre Habilitationsschrift im Jahr 1987. 1989 wurde sie zur Professorin ernannt. Von 1996 bis 2006 arbeitete sie in der Erwachsenenbildung, von 2006 bis 2016 im Parteivorstand der DKP sowie für die UZ, deren Chefredakteurin Hager von 2012 bis 2016 war.

Nina Hager trat 1968 in die SED, 1992 in die DKP ein, war seit 1996 Mitglied des Parteivorstandes und von 2000 bis 2015 stellvertretende Vorsitzende der DKP.

Hager ist Mitherausgeberin, Redaktionsmitglied und Autorin der Marxistischen Blätter, Mitglied der Marx-Engels-Stiftung und Mitglied der Leibniz-Sozietät der Wissenschaften zu Berlin.

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"Die Hälfte fühlt sich fremd", UZ vom 16. November 2018



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