Weltweite Stimmen aus der Wissenschaft und technischen Intelligenz zum Ukrainekrieg

„Die westlichen Medien sind in dieser Frage heuchlerisch“

Manfred Groll

Seit Ende Februar ist von der EU das inzwischen sechste Sanktionspaket gegen die Russische Föderation beschlossen worden. Dass Sanktionen, die von Staaten oder Staatengruppen verhängt werden, völkerrechtswidrig sind, erfährt man nicht in den Qualitätsmedien. Vielmehr wird dafür getrommelt, möglichst umfassend gegen alles Russische vorzugehen. So sind neben Sportlern aus Russland und Belarus auch Kultur und Wissenschaft betroffen. Russische Künstler erhalten – vollziehen sie nicht den obligatorischen Kotau vor der Herrschaftsmeinung der „westlichen Wertegemeinschaft“ – keine Auftrittsmöglichkeiten im „Wertewesten“. Wer „Putins völkerrechtswidrigen, durch nichts zu rechtfertigenden barbarischen Angriffskrieg“ nicht verurteilen möchte, wird fristlos gekündigt. Auch wissenschaftliche Beziehungen wurden abgebrochen: DAAD (Deutscher Akademischer Austauschdienst), DFG (Deutsche Forschungsgemeinschaft), Forschungsinstitute und Universitäten brachen Kontakte mit Russland ab und legten Kooperationen auf Eis.

Seit meinem Ruhestand als Professor für Energiesysteme an der Universität Stuttgart bin ich noch aktiv in der internationalen Community meines Fachgebiets – etwa als ehrenamtlicher Vorsitzender einer traditionsreichen Fachkonferenz auf dem Gebiet der Wärmeübertragung. Der seit dem offenen Ausbruch des Stellvertreterkrieges von USA und NATO in der Ukraine immer unerträglicher werdende Russenhass hat mich veranlasst, im Kreis meiner internationalen Kollegen auf den Grundkonflikt zwischen dem imperialistischen „Wertewesten“ und dem „Rest“ der Welt – dem weitaus größeren Teil – aufmerksam zu machen und zu Stellungnahmen anzuregen. Als Anlass diente mir ein Gedicht von Professor Rajani Kanth von der Harvard University – Politologe, Ökonom, Friedensaktivist, in Indien geboren (siehe Kasten). Ich verschickte es mit folgendem Begleittext an die Mitglieder des Internationalen Komitees der oben genannten Konferenz sowie an weitere chinesische und indische Kollegen. Die Kollegen sind Ingenieure aus verschiedenen Fachrichtungen und die meisten von ihnen als Professoren an Universitäten und Forschungsinstituten, einige im technischen Management von Industriebetrieben (Raumfahrt, Kerntechnik, Automobilherstellung) tätig.

Ich schrieb: „Gedicht in schlechten Zeiten. Liebe Freunde und Kollegen, in diesen schlechten Zeiten, in denen ‚wir‘ in der ‚westlichen demokratischen Welt‘ praktisch in einer Flut von Desinformationen über die Geopolitik im Allgemeinen und den Ukrainekrieg im Besonderen ertränkt werden, in Zeiten, in denen ‚wir‘ von Kriegshysterie und wahnsinniger Russophobie, auch Sinophobie, umgeben sind, in denen ‚unsere‘ politische Klasse und die gleichgeschalteten Medien einen Zusammenprall von Demokratie und Autoritarismus halluzinieren, finde ich es beruhigend, das nachdenkliche, wenn auch analytisch scharfe Gedicht eines Kollegen von der Harvard University zu lesen (leider, aber nicht überraschend, nicht von der Ingenieursfakultät), das ich mit Ihnen teilen möchte.“

Die Reaktionen waren sehr unterschiedlich: Der belarussische Kollege schrieb: „Ich stimme mit Ihrer Meinung zu diesem Thema absolut überein. Es ist eine echte Katastrophe für uns alle. Ich hoffe, dass diese schlimme Zeit bald vorbei sein wird.“ Ein chinesischer Kollege antwortete: „Daumen hoch dafür, dass S ie mir das Gedicht geschickt haben.“ Ähnlich der Kollege aus Australien (iranischer Herkunft): „Ich habe Ihre E-Mail ein paarmal gelesen. Es war gut gesagt.“ Die Antwort des italienischen Kollegen aus Britannien drückte die Mehrheitsmeinung der deutschen/europäischen Friedensbewegten aus: „(W)ir waren schon immer gegen alle Kriege, Krieg löst niemals Probleme. (…) In die Vergangenheit zu schauen ist falsch, da niemand saubere Hände hat. (…) In diesem Fall gibt es klar einen Angreifer und Angegriffene, unabhängig von Gründen und früherem Geschehen. (…) Ich glaube, keiner meiner Freunde in der Ukraine und Russland unterstützt diesen Krieg, es ist der Krieg von Putin, nicht der Mehrheit der Russen. (…) Kriege sind immer die Folge von Egos weniger Politiker und Diktatoren.“ Kurz gesagt: Eine ahistorische, realitätsignorierende Meinung, die von unserer Politik und unseren Medien so lange toleriert wird, wie sie nicht Widerspruch gegen massive Hochrüstung und militärische Unterstützung der Ukraine einlegt.

Die sehr ausführliche Stellungnahme von zwei russischen Kollegen, geschrieben vor dem Fall des Asowstal-Stahlwerkkomplexes, gibt einen Überblick über die bei uns beschwiegene Vorgeschichte des Ukrainekonflikts, den achtjährigen Krieg des Kiewer Regimes gegen die Donbass-Republiken und die Unvermeidlichkeit der russischen Sonderoperation. Die russische Bevölkerung stimme der Putinschen Politik mit überwältigender Mehrheit zu. (Siehe Kasten)

Die indischen Kollegen äußerten sich zurückhaltend. Ein Kollege schrieb: „Danke, dass Sie das Gedicht geteilt haben. Es ist einfach, aber eindringlich. Die westlichen Medien, auch wenn sie ansonsten professionell arbeiten, sind dafür bekannt, dass sie in dieser Frage heuchlerisch sind. Die indischen Medien scheinen in dieser Frage ausgewogen zu sein, aber sie sind auch ziemlich voreingenommen, wenn es um die indische Politik geht.“ Ein anderer vereinbarte mit mir ein WhatsApp-Gespräch. Wir sprachen vor allem über die Auswirkungen des Ukrainekrieges auf die Dritte Welt. So hat zum Beispiel Indien Probleme mit der Getreide- und Sonnenblumenöl-Versorgung bei erheblich gestiegenen Preisen.

Beeindruckend fand ich die Antwort eines weiteren Kollegen aus China. Er war langjähriger Professor an der Shanghai Jiao Tong University, danach technischer Manager in einem chinesisch-deutschen Joint Venture im Automobilsektor. Nach Diskussionen mit Kollegen und Freunden fasste er die Lage in zwei Sätzen zusammen: 1. Es handelt sich um einen Stellvertreterkrieg von USA und NATO gegen Russland; Russland soll mit allen Mitteln unterdrückt werden. 2. Die EU ist kraft- und führungslos; sie sollte sich von den USA unabhängig machen. Er fügte hinzu: „Jedenfalls hoffen wir, dass der Krieg bald zu Ende ist und die Menschen zu einem normalen Leben zurückkehren können.“

Dieses (sehr eng umgrenzte) Meinungsbild aus Kreisen der „technischen Intelligenz“ zeigt, dass die Desinformationsmaschinerie der westlichen Medien und Politik außerhalb von deren unmittelbarem Einflussbereich nicht wirkt. Dies gibt Anlass zur Hoffnung. Eine große Katastrophe außer Acht gelassen, könnte am Ende dieser Krise ein beschleunigter Niedergang des US-Imperialismus inklusive der NATO und sonstigem Anhang stehen und sich eine neue multipolare Weltordnung mit China und einem konsolidierten Russland als wesentlichen Zentren etablieren.


Die russischen Kollegen verweisen zur Vorgeschichte des Kriegs in der Ukraine auf die NATO-Osterweiterung und die US-Zusage, die NATO „nicht einen Zoll“ nach Russlands Grenze zu erweitern. Sie fahren fort: „Seit 1994 nahm der Nationalismus in der Ukraine zu. Ökonomische, kulturelle und wissenschaftliche Verbindungen mit Russland wurden abgebrochen. US-Organisationen wie die Soros Foundation, schürten nationalistische Ideen. 2013 und 2014 wurde die Ukraine von einer politischen Krise erfasst, die zu einem bewaffneten Coup d’État führte. (…) Dieser Putsch war von den USA orchestriert und brachte Nationalisten und Neonazis an die Macht. Deren Hauptziele waren: Beitritt der Ukraine zu EU und NATO, Entkommunisierung und Geschichtsrevision, Verweigerung einer Zusammenarbeit mit Russland und Verbot der russischen Sprache.“

Am Ende schreiben sie zuversichtlich: „Russland ist ein friedliches Land, aber es wird nie wieder zulassen, zerrissen zu werden. Die Geschehnisse von 1991 sind genug für Russland! (…) Russland hat seine Staatlichkeit wieder hergestellt und eine mächtige, kampfbereite Armee geschaffen, die hauptsächlich aus Berufssoldaten besteht. Neue Waffentypen wurden entwickelt. (…) Es ist heute unmöglich, Russland zu besiegen. Dies würde die Welt insgesamt gefährden. Es gibt nur einen vernünftigen Weg aus dieser Situation – und das ist Frieden! Wir glauben, dass die USA und Europa schließlich wahre Informationen über die Geschehnisse in der Ukraine erhalten und dass es genügend vernünftige Leute gibt, um aggressive Politiker von jenseits des Ozeans zu stoppen. Unsere Beziehungen mit Kollegen aus Europa und den USA bleiben freundschaftlich. Wir anerkennen diese Beziehungen und würden gerne weiterhin zusammenarbeiten.“


Perspective(s)

They kill
Palestinians,
Do they not?

but –
so what?

Do we
know
Our History

Or have we
clean
forgot?

They killed
Native Africans,
Native Asians,
Too

Native Americans,
in thousands,
Native Australians,
not a few

They killed
them all
blithely

Once
upon a
time:

All the way
from Mandalay
to Timbuktu

They slew
them
back then –

And they
do so
still

Their Preachers
Still
Preaching:

Thou Shall not Kill
„Liberté, égalité!
And Justice
for All!“

Slogans, inspiring:

How they keep us
in thrall!

Yes, they help
kill Yemenis –
it is sad to say:

O, and
hundreds
of Others

Every
blessed day –

But with
Ukrainians
who daily die:

They are much
moved:

shall
we question why?

We can only
wonder,
Long as we live

At the Great
Enigma
At the Great
Anomaly
At the Great
Mystery
At the Great
Travesty –

At the
sad Oxymoron:
Of Western Civ

© Rajani Kanth 2022

Perspektive(n)

Sie töten
Palästinenser,
Oder nicht?

aber –
was solls?

Kennen wir
Unsere Geschichte

Oder haben wir sie
glatt
vergessen?

Sie töteten
Afrikanische Ureinwohner,
Asiatische Ureinwohner,
Ebenfalls

Amerikanische Ureinwohner,
zu Tausenden,
Australische Ureinwohner,
nicht wenige

Sie töteten
sie alle
munter

Es war einmal:

Den ganzen Weg
von Mandalay
bis Timbuktu

Sie erschlugen
sie
damals –

Und sie
tun dies
nach wie vor

Ihre Prediger
Predigen
Immer noch:

Du Sollst nicht Töten
„Freiheit, Gleichheit!
Und Gerechtigkeit
für Alle!“

Slogans, die inspirieren:
Wie halten sie uns
in Bann!

Ja, sie helfen
Jemeniten zu töten –
es ist traurig dies zu sagen:

Oh, und
Hunderte
Andere

Jeden
gesegneten Tag –

Aber wenn
Ukrainer
täglich sterben:

Bewegt
sie das sehr:

sollen
wir fragen, warum?

Wir können uns nur
wundern,
Solange wir leben

Über das Große
Rätsel
Über die Große
Absonderlichkeit
Über das Große
Geheimnis
Über das Große
Zerrbild –

Über den
traurigen Widerspruch:
Der Westlichen Zivilisation

Übersetzung: UZ

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"„Die westlichen Medien sind in dieser Frage heuchlerisch“", UZ vom 10. Juni 2022



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