Warum Streiks für uns so wichtig sind

Ohnmacht und Macht

Kolumne

Gleich zwei meiner Kolleginnen sind kürzlich wegen Überlastung im Klinikalltag auf Station im Dienst zusammengebrochen. Eine kam bereits aschfahl im Gesicht und mit tiefen Augenringen zum Frühdienst. Als ihr bei Dienstbeginn klar wurde, dass nun noch ein Dienst in Unterbesetzung vor ihr lag, brach sie in Tränen aus. Bei der anderen Kollegin machte mitten im Dienst der Kreislauf schlapp. Sie wurde mit Kurzatmigkeit, ausstrahlenden Schmerzen und Kaltschweißigkeit selbst zur Akutpatientin.

Aus solchen Horror-Arbeitsrealitäten heraus haben in der Vergangenheit tausende Kolleginnen und Kollegen in Krankenhäusern und Kliniken und den outgesourcten Service-Betrieben die Kraft gefunden, Widerstand zu leisten und zu streiken. Ganz besonders trifft das auf die Kolleginnen und Kollegen bei den Vivantes-Kliniken in Berlin und dem dortigen Service-Betrieb CFM zu.

Nur wer versteht, wie hart, heftig und diktatorisch unser Arbeitsalltag in den Kliniken bisweilen ist, kann ermessen, wie viel es bedeutet, zwischen Überlastung, struktureller Überforderung und billiger emotionaler Erpressung die Kraft aufzubringen, sich dagegen zur Wehr zu setzen. Das ist es, was Streiks zu solch wichtigen, prägenden Erfahrungen macht. Das Gefühl, endlich diesem ganzen Alltagsterror nicht mehr ohnmächtig ausgeliefert zu sein.

Und genau das ist es, weshalb Streiks zunehmend mit allen nur denkbaren Mitteln bekämpft werden. Momente, in denen aus unserer Ohnmacht Streikmacht wird, sind für Chefs, Konzernleitungen und Klinikvorstände brandgefährlich. Umso härter werden deshalb Streiks gerade in Bereichen bekämpft, die im Alltag darauf ausgelegt sind, dass die Beschäftigten funktionieren, sich kaputtmachen lassen und klaglos verschlissen und ersetzt werden können. Hatte die Pflege zumindest postpandemisch den Bonus öffentlicher Sympathien, besteht der Alltag unserer Servicekolleginnen viel zu oft darin, überlastet, unsichtbar und unterbezahlt zu sein, ohne dass darüber gesellschaftliche Debatten und Talkshows stattfinden. Im Gegenteil müssen sie sich wie bei CFM/Vivantes gegen Shitstorms und Pressekampagnen der Klinikleitungen behaupten.

Viel zu oft geht es in solchen Betrieben nicht (nur) darum, dass ein Klinikum auf Kosten seiner Beschäftigten wirtschaftlich gut dastehen will. Es geht ums Prinzip. Du bist Reinigungskraft, was fällt dir ein zu streiken? Lern erst mal richtig Deutsch und dann sei still und dankbar, dass wir dich arbeiten lassen. Und wehe, du verlangst mehr Geld oder einen Tarifvertrag des Öffentlichen Dienstes.

Dem erfolgreichen Kampf der Servicekolleginnen am Klinikum Nürnberg folgten monatelange Kämpfe über ihre korrekte Eingruppierung. Zwar konnte ihre Rückkehr in den TVÖD erstreikt werden. Aber der Stachel dieser Schmach saß bei Klinikleitung und SPD-Stadtkämmerer so tief, dass alles versucht wurde, die Kolleginnen anderweitig um ihre erkämpfte Lohnerhöhung zu bringen.

Umso wichtiger ist es, nicht aufzugeben. Eine der streikaktiven KNSG-Servicekolleginnen hat neulich ihre Kandidatur zum Personalrat am Klinikum Nürnberg erklärt. Nach einigem Zögern, denn sie ist jetzt Oma und hätte auch gerne einfach mal Zeit für ihre Familie. Aber es nützt ja nichts, waren wir uns einig, die Welt wird ja nicht von alleine besser. Ich konnte ihr mitten in unserem Stationstrubel vom erfolgreichen Kampf der Betriebsrätin Isa Paape gegen die Siemens Energy AG berichten. Das Urteil des Arbeitsgerichts folgte in allen Punkten der Klägerin. Isa kehrt in ihren Job und in ihre Betriebsratsarbeit zurück. Sie hat sich auch vom letzten Manöver der Gegenseite, nämlich dem Angebot, sie mit einer hohen Geldsumme zur Aufgabe ihrer Klage zu bewegen, nicht irritieren lassen und hat gewonnen. Noch im Gerichtssaal hat sie eine kämpferische und unbequeme Betriebsratsarbeit angekündigt. Gleiches trifft mit Sicherheit auch auf die streikerprobte Servicekollegin im Personalrat des Klinikums Nürnberg zu.

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"Ohnmacht und Macht", UZ vom 24. April 2026



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