Abschied von André Scheer in Berlin – André presente!

Dieser erstaunliche Mensch

Am 6. Juni hieß es Abschied nehmen von André Scheer – mit einer Feier, die keine Trauerfeier sein sollte und es auch nicht wurde. Der Journalist, Internationalist und Kommunist starb am 22. Januar mit 53 Jahren. An den verlässlichen und immer herzlichen Weggefährten erinnerten Melina Deymann für die UZ-Redaktion, Patrik Köbele für die DKP, Orhan Akman als ver.di-Kollege, und Arnold Schölzel für die Tageszeitung „junge Welt“. René Scheer überbrachte die Grüße seiner und Andrés Eltern, Angelika und Uwe, die aus gesundheitlichen Gründen nicht dabei sein konnten. Dass an diesem Abend nicht geweint werden sollte, ließ sich nicht durchhalten. Aber es überwog doch das Feiern, Austauschen und auch fröhliche Erinnern an gemeinsame Erlebnisse mit André. Zu einer Feier gehört Musik. Die gab es live vom Trio Palmera und dem chilenischen Sänger Nicolas Miquea – zu einigen Liedern wurden die Musiker in mehrfacher Hinsicht stark begleitet von Claudi, Andrés Partnerin. Ihr ist dieser schöne Abschied zu verdanken. Wir veröffentlichen im Folgenden die Erinnerung von Arnold Schölzel an André Scheer, der unter seiner Chefredaktion das Auslandsressort der „jW“ leitete:

Talent zum Schreiben haben nicht viele und ob was draus wird, hängt von sehr viel ab. Erste Hindernisse sind stets Eltern und Lehrer. André, dieser erstaunliche Mensch, hat schon früh als Schüler was aus seinem Talent gemacht und offensichtlich haben die kommunistischen Eltern daran einen großen Anteil. Das gehört bei Kommunisten nach meiner Vorstellung dazu, dass sie schon Kinder als Gebildete in den Klassenkampf schicken. Kommt auch noch Fremdsprachenbegabung wie bei André dazu, ist es ein Glücksfall.

Ohne Wissen wird aus Talent nichts. Aber woher hatte André – Claudi hat ihn „Andrépedia” genannt – seine enzyklopädischen Kenntnisse? Ich weiß es nicht, habe aber ja nicht als einziger den Verdacht, dass er selten geschlafen hat, und wenn, warum?

Mit beidem – der Fähigkeit, klare, kurze, füllwortfreie Sätze marxistischer Herkunft ohne zeitgeistigen Schnickschnack und merkwürdige Fremdwörter in kürzester Zeit in Tastaturen zu tippen, und dem jederzeit abrufbaren Vorrat an Wissen aus der Geschichte der Arbeiterbewegung, den Kämpfen Lateinamerikas, ach, der ganzen Welt – war André das gefundene Ideal des jW-Redakteurs und ich nehme an, auch des Redakteurs der UZ: Das nach allen Naturgesetzen unmögliche Schreib-Perpetuum mobile, um nicht zu sagen: Das gefundene Fressen. Ja, wir haben ihn nach Strich und Faden ausgenutzt und ausgeplündert. Das ist leider in konterrevolutionären Zeiten so und wenn es darum geht, dem sich ausbreitenden Kriegswahn wenigstens ein wenig aufgeklärt Schriftliches entgegenzusetzen, in revolutionären Redaktionen so. Kein Geld, keine Leute, keine Revolution. Gefragt ist der alleswissende, unfallfreier Sätze mächtige und nebenbei einen Sack Flöhe zur Räson bringende geniale Autor. Das Unmöglich, das der Realist bewältigt, das heißt besser: der Materialist, der sich die Wirklichkeit im Sinne von Friedrich Engels rücksichtslos anschaut und vor allem marxistisch verarbeitet. Ohne Übertreibung: André schaffte das in jedem Sinne des Wortes mit links. Und zog nebenbei noch seine eigene Rundfunkstation auf, schrieb Bücher und durchquerte mit Claudi den halben Kontinent Südamerika. Welche Talente er als Außenpolitikchef der „jungen Welt“ erkannte, förderte und dabei an Qualität der Texte keine Abstriche machte, steht auf einem Extrablatt.

Wie machte André das und warum wollte jeder, der mit ihm arbeitete, gern mit ihm mal ein Bier trinken? Zunächst, glaube ich, weil Freundlichkeit eine Grundeigenschaft Andrés war – im Sinne Brechts: Andere zu Produktivität anstiften. Freundlichkeit ist ja nicht polierte Höflichkeit, sondern eine politische Haltung, die Härte nicht ausschließt, aber Humor stets einschließt. Und ein Lächeln. Ich kann mich nicht an einen André ohne freundliches Gesicht erinnern.

Käme er jetzt dazu, wäre doch klar, was abgeht: Nach dem „Moin” eine Erörterung über Venezuela, Kuba, Nicaragua, Lateinamerika insgesamt – Bier oder Rum inklusive.

Gestern habe ich mir Andrés jW-Artikel zu dem Putschversuch in Venezuela im Frühjahr 2019 angesehen. Er wusste, was wirklich geschah, als wäre er dabei gewesen. Wir, die kleine Zeitung, hatten gegenüber allen anderen stumpfen Medien einen Informationsvorsprung, wussten, dass aus dem Staatsstreich nichts wird, erfuhren aber durch ihn auch, dass die Regierung durch Abkehr von den Sozialvorhaben, die Hugo Chávez eingeleitet hatte, den Boden für Unzufriedenheit bereitet hatte. Ich rate uns allen: Schlagt im jW- oder im UZ-Archiv seine Artikel nach. Wir können gerade jetzt täglich von André lernen.

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"Dieser erstaunliche Mensch", UZ vom 12. Juni 2026



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