Er prägte diese Zeitung fast zwei Jahrzehnte und war ihr Chefredakteur, als die UZ Tageszeitung war. Geboren 1929, trat Georg Polikeit direkt nach der Befreiung als 16-Jähriger in die KPD ein. Wenig später bildete ihn die kommunistische Tageszeitung „Unser Tag“ in Offenburg zum Journalisten aus. 1951 wurde er Chefredakteur der illegalen Zeitschrift „Junges Deutschland“ der in Westdeutschland verbotenen Freien Deutschen Jugend (FDJ). Sein Weg führte ihn zum Weltbund der Demokratischen Jugend (WBDJ) nach Budapest. Nach seiner Rückkehr in die BRD half er mit seiner journalistischen Tätigkeit, die Neukonstituierung der DKP vorzubereiten. Er wurde erster Pressesprecher der Partei, bevor er 1972 die Leitung der UZ übernahm. Solange es sein Gesundheitszustand zuließ, schrieb er Artikel und unterstützte die Marx-Engels-Stiftung. Am 9. Juni starb Georg Polikeit. Wir dokumentieren aus diesem Anlass einen Auszug aus einem Interview, das Lars Mörking und Christoph Hentschel im März 2019 mit ihm führten.
UZ: Welche Charakterzüge muss eine kommunistische Zeitung aufweisen?
Georg Polikeit: Sie muss natürlich von der kommunistischen Theorie und Weltanschauung geprägt sein. Aber zugleich will ich betonen: Eine kommunistische Zeitung muss immer nach Wirkung über die Reihen der Partei hinaus streben, sonst ist sie eigentlich nur ein internes Mitteilungsblatt. Wir waren vor 50 Jahren davon überzeugt, dass die neu konstituierte DKP eine eigene Zeitung braucht. Deshalb haben wir die Wochenzeitung im Frühjahr 1969 geschaffen. Am 15. März wurde die Nullnummer vorgelegt, am 3. April ging die Nummer 1 an die Empfänger.
1973 gab es dann die Meinung, jetzt ist der Zeitpunkt gekommen für den Übergang zur Tageszeitung. Und dann haben wir immerhin 16 Jahre lang die UZ als Tageszeitung herausgegeben.
Immer waren wir der Meinung, dass es eine Zeitung sein muss, die auch die Alltagsinteressen, die täglichen Interessen der Arbeiterklasse vertritt. Das muss der eigentliche Kern der Zeitung sein, neben der „großen Politik“ und dem sozialistischen Ziel. Sie sollte im Stil, im Inhalt, in der Themenwahl so abgefasst sein, dass nicht nur die Eingeweihten damit zurechtkommen. Man hat sich im Laufe der Jahre ja eine Sprache angewöhnt, die doch sehr intern sein kann. Das ist eine der wichtigsten Fragen, die sich die Redaktion einer kommunistischen Zeitung immer wieder stellen muss: Sind wir in der Lage, eine Zeitung in einer Sprache zu machen, die die Leute verstehen? Greifen wir die Themen auf und sprechen wir die Sprache, in der in der normalen Arbeiterfamilie am Abendbrottisch diskutiert wird?
UZ: Kannst du ein Beispiel nennen, wie ihr das damals gemacht habt, also die kleinen Alltagsgeschichten groß und verständlich zu machen?
Georg Polikeit: Als Tageszeitung waren wir zwangsläufig anders aufgestellt als eine Wochenzeitung. Weil du jeden Tag eine Zeitung rausbringst, musst du versuchen, so aktuell wie möglich zu sein und auch das zu behandeln, was die anderen Zeitungen bringen.

Wir haben versucht, die realen sozialen Auseinandersetzungen aufzugreifen und aktuelle Informationen dazu zu liefern. Ganz wichtig ist nämlich, Informationen zu liefern, nicht nur Standpunkt, nicht nur Meinung, nicht nur Kommentar, sondern erst mal die Leute zu informieren. Denn sie werden von der bürgerlichen Presse in vielen Punkten falsch informiert und deswegen muss unsere Information eben ein Gegenprogramm zur bürgerlichen Meinungsmanipulation sein. Das ist eine der wichtigsten Aufgaben.
Unmittelbar nach der Gründung der Tageszeitung gab es in der damaligen BRD eine Belebung der gewerkschaftlichen Arbeiterkämpfe – Stahlarbeiter, Bergarbeiter. Das haben wir nicht nur jeden Tag drin gehabt, sondern wir haben auch versucht, hinzugehen zu den Leuten, sie zu fragen, ihre Meinung wiederzugeben, auch die der nicht kommunistischen Gewerkschafter. Später, als monatelang gegen die Schließung des Stahlwerks Rheinhausen gekämpft wurde, waren wir auch dort vor Ort, haben Reportagen gemacht.
Oder auch über die Mieterbewegungen, überhaupt soziale Bewegungen im breitesten Maße, neben den großen Themen der Friedensbewegung, wo wir natürlich auch drin waren. Damals stand noch die große Frage des Verhältnisses von BRD und DDR und überhaupt der Entspannung zwischen Ost und West. 1969 war ja die Bundestagswahl, als die SPD zusammen mit der damaligen FDP dran kam und Willy Brandt Regierungschef wurde. Dann kamen die Auseinandersetzungen um die Ostverträge und um die Entspannungspolitik überhaupt, das war ein zentrales Thema in der Zeitung.
UZ: Gerd Deumlich war der erste Chefredakteur und hat in der Nullnummer sinngemäß geschrieben: Wir arbeiten daran, dass die Leser irgendwann mal sagen, diese Zeitung ist meine Zeitung. Wie habt ihr diese Bindung an den Leser, an Parteimitglieder hinbekommen?
Georg Polikeit: Wir haben Wert darauf gelegt, dass in der Zeitung nicht nur die Redakteure, sondern eben auch die Leute zu Wort kommen, die draußen in den Bewegungen oder auch kommunal eine Rolle spielten, dass die auch interviewt wurden oder Beiträge schrieben, die namentlich gekennzeichnet waren.

Aber unsere Inhalte waren natürlich auch eng verbunden mit der damaligen weltweiten Auseinandersetzung Kapitalismus/Sozialismus. Damals gab es noch die sozialistische Staatengemeinschaft in Europa mit der Sowjetunion als Zentrum. Und die kommunistische Weltbewegung hatte in verschiedenen Beratungen eingeschätzt, dass der Sozialismus unumkehrbar sei – was sich leider als Irrtum erwiesen hat. Es war die feste Meinung, dass nicht nur der bestehende Sozialismus unumkehrbar ist, sondern es gebe auch den Trend zur sozialistischen Weltrevolution. Und in diesem Sinne haben wir gesagt, diese Zeit ist unsere Zeit, denn es kommt die Zeit des Sozialismus in der Welt. Das war eine Erklärung für den Titel der Zeitung. Aus heutiger Sicht war das ziemlich abgehoben von den realen Verhältnissen, vor allem von den realen Kräfteverhältnissen und Entwicklungstendenzen. Immer noch bin ich überzeugt, dass der Sozialismus die Zukunft sein wird. Aber es ist sehr viel schwieriger, ihn zu erreichen, als es damals schien.
UZ: Wie seid ihr mit dem Antikommunismus in der Bundesrepublik und der Berichterstattung über die sozialistischen Staaten umgegangen? Du sagtest, die Entspannungspolitik war zu deiner Zeit ein großes Thema.
Georg Polikeit: Die Sozialismuspropaganda war ein regelmäßiger Bestandteil unserer Arbeit. Vielleicht nicht in jeder Ausgabe, aber doch in der Regel. Natürlich mussten wir über die sozialistischen Staaten dem Antikommunismus entgegengesetzt berichten. Die bürgerliche Presse machte täglich ihren Antikommunismus anhand der Darstellung von DDR-Vorgängen oder sowjetischen oder polnischen oder ungarischen. Wir hatten auf den außenpolitischen Seiten regelmäßig Berichte über den „realen Sozialismus“. Wir hatten auch UZ-Korrespondenten in Berlin/DDR und in Moskau.
UZ: Die nur für die UZ da waren?
Georg Polikeit: Das waren von unserer Redaktion dorthin geschickte DKP-Genossen. Es war die solidarische Hilfe der Bruderparteien, die das ermöglichte. Sie haben den Aufenthalt bezahlt und auch die Kosten für den Unterhalt getragen, das brauchten wir nicht aufzubringen. Das war sehr wertvoll, sie konnten vor Ort recherchieren und dann die falschen Aussagen der bürgerlichen Medien richtigstellen. Aber sie haben auch jeden zweiten, dritten Tag einen Korrespondentenbericht geliefert, wie bürgerliche Korrespondenten auch, zu den aktuellen Entwicklungen dort und zu den außenpolitischen und internationalen Initiativen und Vorschlägen der sozialistischen Staaten für Entspannung und Friedenssicherung.
UZ: Wir können heute ins Internet schauen und bekommen da schnelle Informationen und haben zum Glück manchmal noch Autoren vor Ort. Wie habt ihr das damals gemacht? Hattet ihr ein Netzwerk?
Georg Polikeit: Wir hatten in der Hauptsache zwei Werkzeuge, die ihr heute nicht mehr habt. Das war die sowjetische Nachrichtenagentur TASS, die hatte einen deutschen Dienst, den es täglich gab, und ebenso die DDR-Nachrichtenagentur ADN. Du konntest da die Nachrichten aus dem Ticker nehmen und nachgucken, was die so bringen, und das war die Hauptquelle nicht nur für das, was in diesen Ländern vor sich ging, sondern auch für andere außenpolitische Vorgänge aus allen Teilen der Welt. Da konnten wir die außenpolitischen Seiten sehr stark mithilfe dieser beiden Nachrichtenagenturen bewältigen. Wir haben versucht, Kontakte zu Bruderparteien aufzubauen und die zu bitten, uns dieses oder jenes zu schicken; das hat aber in aller Regel nicht so gut geklappt.
UZ: Was ist das Resümee deiner Zeit als Chefredakteur?
Georg Polikeit: Ich musste dafür sorgen, dass die 40 Leute jeden Tag eine Zeitung zusammenbringen, und zwar eine Zeitung, die unseren Vorstellungen von Arbeiterzeitung, aber auch unseren Vorstellungen als Parteizeitung entsprach, und das war immer ein Spannungsfeld. Es gab immer die Kritik, dass wir die Partei zu sehr nach vorn stellen und viel zu wenig das aufgreifen, was die Leute wirklich im Kopf haben und denken. Es gab auch immer die Vorstellung, die UZ müsste eine linke „Bild“-Zeitung sein. Ich habe auf vielen Leserversammlungen gesagt, das ist eine Illusion. Eine linke „Bild“-Zeitung kann es unter unseren Verhältnissen gar nicht geben. Denn die „Bild“-Zeitung lebt davon, dass sie an den Vorurteilen ihrer Leser anknüpft und sie nach rechts manipuliert. Aber eine kommunistische Zeitung kann nicht an den vorgeprägten Meinungen anknüpfen, die die Leute schon im Kopf haben. Die wollen wir ja gerade verändern mit der Zeitung. Und deswegen, wenn du was verändern willst, kannst du manche Sachen nicht in drei Zeilen abhandeln. Du musst nicht nur sagen, so ist es, sondern musst beweisen, dass es so ist und dafür Fakten anführen und das braucht nun mal auch mehr Platz. Natürlich muss man trotzdem bestrebt sein, so kurz wie möglich zu schreiben und nicht dauernd ganze Seiten zu verfassen.









