Tagung der Marx-Engels-Stiftung beleuchtet verlorenen Kampf gegen die Remilitarisierung der jungen BRD

Die Nase voll von Krieg

1950 lehnten drei Viertel der Bevölkerung Westdeutschlands die Wiederbewaffnung ab. Das Adenauer-Regime drückte sie dennoch durch – begleitet von massiver Repression. Am 26. Juni 1951 verbot die Bundesregierung die Freie Deutsche Jugend (FDJ). Am 17. August 1956 wurde die Kommunistische Partei Deutschlands (KPD) verboten. Beide Organisationen hatten entschieden gegen die Remilitarisierung gekämpft. Eine Tagung der Marx-Engels-Stiftung am 8. und 9. August in Stuttgart untersucht, welche Erkenntnisse aus dieser Zeit im heutigen Kampf gegen die Kriegsvorbereitungen der Bundesregierung helfen. UZ sprach darüber mit Hermann Kopp, Vorsitzender der Marx-Engels-Stiftung a. D.

UZ: „Wirtschafts‚wunder‘, Militarisierung, Repression. Die BRD in den 1950er Jahren“ – das ist lange her. Wieso beschäftigt sich die Marx-Engels-Stiftung heute mit der Frühgeschichte der BRD?

Hermann Kopp: Das KPD-Verbot jährt sich im August zum 70. Mal. Peter Krämer und ich – wir organisieren die Tagung – sind beide Achtundsechziger. Die 1950er Jahre sind eine Zeit, die für junge Leute von heute länger zurückliegt als für uns damals der Erste Weltkrieg! Sie weist aber in mancher Hinsicht Ähnlichkeiten mit der heutigen auf. Viele junge Menschen wissen gar nichts von ihr.

UZ: Noch 1946 hatte Konrad Adenauer, später erster Bundeskanzler der BRD, zu Protokoll gegeben: „Wir sind einverstanden damit, dass wir völlig abgerüstet werden, dass unsere reine Kriegsindustrie zerstört wird.“ Spätestens ab 1950 hat er dennoch die Remilitarisierung der BRD betrieben.

Hermann Kopp: Ich gehe davon aus, dass diese Äußerung von Adenauer schon 1946 nicht ernst gemeint war, sondern eine Lüge zur Vorbereitung der Remilitarisierung Westdeutschlands. Die USA jedenfalls haben die ab 1946 betrieben, und mit den USA hatte Adenauer engen Kontakt.

UZ: Die KPD trat für die Einheit Deutschlands ein. Adenauer wollte lieber „das halbe Deutschland ganz“. Warum?

Hermann Kopp: Weil er ein Deutschland wollte, das eng an der Seite des US-Imperialismus steht. Ein antisowjetisches Deutschland, das auch kein antifaschistisches Land sein sollte. Das war seine Vorstellung von Anfang an. Adenauer war zwar kein Nazi, hat aber nur die Interessen des deutschen Großkapitals vertreten.

UZ: Drei Viertel der Bevölkerung Westdeutschlands waren damals gegen die Wiederbewaffnung. Wie haben sich die Kriegsunwilligen gewehrt?

Hermann Kopp: Zunächst mit einer Volksbefragung, die rasch verboten wurde, weil die Herrschenden wussten, dass die Leute die Nase voll hatten vom Krieg – auch wenn sie keineswegs alle Linke waren. Aber der Krieg und die Nachkriegszeit, die für die Masse der deutschen Bevölkerung oft schlimmer war als der Krieg selbst, das sollte sich auf keinen Fall wiederholen.

UZ: Daher die massive Repression, mit der der Staat vorgegangen ist gegen diejenigen, die Unterschriften gegen die Remilitarisierung gesammelt haben.

Hermann Kopp: Genau. Deshalb die Repression gegen die KPD, die nicht die einzige, aber die entschiedenste Kraft war, die sich gegen die Wiederbewaffnung einsetzte. Deshalb wurde sie verboten – wie zuvor schon im Faschismus. Die FDJ konnte die Bundesregierung verbieten, ohne das Verfassungsgericht einzuschalten. Das Verbot der KPD war eine ganz schwierige Sache, weil natürlich bekannt war, in der deutschen Bevölkerung wie im Ausland, dass die Kommunisten die wichtigste Kraft im inländischen Widerstand gegen die Nazis gewesen waren. Die KPD war die erste Partei, die nach dem Krieg zugelassen wurde – auch im Westen, nicht nur im Osten! Eben weil bekannt war, dass die Kommunisten die entschiedensten Gegner des deutschen Faschismus waren.

Ausgangspunkt für die Organisation dieser Tagung war für uns: Wenn der historische Kontext und die Vorgeschichte des KPD-Verbots nicht beleuchtet werden, kann man kaum nachvollziehen, warum die KPD verboten wurde. Die BRD war das einzige Land des Westens – abgesehen von faschistischen Regimes wie in Spanien und Portugal –, das seine Kommunistische Partei verboten hat.

UZ: Die KPD ist seit 70 Jahren verboten, die FDJ seit 75. Können wir da nicht einfach sagen: Lange her, Schwamm drüber?

Hermann Kopp: Nein. Wir haben heute wieder verstärkt mit Repression zu tun. Zwar nicht in erster Linie gegen die klein gewordene Kommunistische Partei, aber eben gegen alle Kräfte, die sich gegen die neue Militarisierung, gegen die Aufrüstung stellen. Es ist ja bekannt, wie der Staat mit Menschen wie Jacques Baud oder Hüseyin Doğru umgeht, oder die Staatsräson durchprügelt gegen Menschen, die sich solidarisch mit Palästina zeigen. Mit der Tagung wollen wir den sich entwickelnden Widerstand gegen den Sozialabbau unterstützen. Der hängt engstens zusammen mit der heutigen Remilitarisierung, der massiven Hochrüstung. Dagegen anzugehen, ist für uns notwendiger als damals. Ein wesentlicher Unterschied zu früher: Damals gab es eine wirtschaftliche Entwicklung, die die Masse der Bevölkerung positiv gesehen hat. Heute basiert die Militarisierung auf massivem Sozialabbau, den es damals nicht gab. Adenauers Losung „Jedem Deutschen sein Huhn im Topf“, möglichst in der Eigentumswohnung, war jedem Deutschen im Ohr. Diese Linie führte dazu, dass der Widerstand gegen die Remilitarisierung ab 1951 schwächer wurde.

UZ: Welche Erfahrungen aus dem letztlich verlorenen Kampf gegen die Remilitarisierung können wir heute nutzen im Kampf gegen Sozialabbau und Kriegsvorbereitungen?

Hermann Kopp: Die wichtigste Erfahrung ist natürlich: Wer sich nicht wehrt, lebt verkehrt. Solange es keinen Widerstand gibt, lassen sich alle repressiven Maßnahmen, lässt sich jeglicher Sozialabbau durchsetzen. Das ist die wichtigste Lehre aus dieser Phase der Geschichte.

Die deutsche Bevölkerung war gegen den Krieg, aber der Russenhass hatte Wurzeln, die tiefer gingen als die Nazizeit. Er wurde nicht beseitigt, jedenfalls nicht in Westdeutschland. Dort knüpfte man einfach wieder daran an. In unserem Flyer zur Tagung haben wir ein Plakat der CDU abgebildet: „Alle Wege des Marxismus führen nach Moskau“. Darauf ist ein stilisierter Rotarmist mit asiatischen Zügen abgebildet. Ein CDU-Plakat also, mit dem die Partei Angst vor Russen verbreitete – vor dem Hintergrund, dass man wusste, was man in der Sowjetunion angerichtet hatte. Die Russophobie blieb trotz Ablehnung des Krieges und Ablehnung neuer Hochrüstung.

UZ: Gibt es noch freie Plätze? Was muss ich machen, wenn ich teilnehmen möchte?

Hermann Kopp: Ja. Die nötige Anmeldung läuft über die Website der Marx-Engels-Stiftung. Wir legen besonderen Wert darauf, die Jugend zu fördern. Für Mitglieder der SDAJ, die sich anmelden, übernimmt die Marx-Engels-Stiftung die Kosten für die Unterbringung in der Jugendherberge in Stuttgart.

„Wirtschafts‚wunder‘ – Militarisierung – Repression: Die BRD in den 1950er Jahren“
Tagung der Marx-Engels-Stiftung am 8. und 9. August 2026 im Clara-Zetkin-Haus in Stuttgart
Mit Kurt Baumann (Historiker), Christoph Boekel (Filmemacher), Heinz Hummler (Vorsitzender des Betriebsrats der Trafo-Union a. D.), Kai Köhler (Literaturwissenschaftler), Hermann Kopp (Vorsitzender der Marx-Engels-Stiftung a. D., Historiker), Beate Landefeld (ehem. Vorsitzende MSB Spartakus), Jörg Lang (Rechtsanwalt), Anton Latzo (Historiker), Hans-Dieter Wohlfarth (Rechtsanwalt), Hans Joachim Wunderlich (Prof. em., Universität Stuttgart)
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