Schreiben als Arbeit und dessen Wertschätzung – ein Essay

„Don‘t cry – work“

Iuditha Balint (Hg.):
Arbeit am Text, Verbrecher Verlag, Berlin 2020, 144 S., 18 Euro

Sie hat den Menschen selbst geschaffen“, sagt einer, der in diesem November 200 wird, über das Ding Arbeit. Laut Friedrich Engels hat das Arbeitenkönnen den Menschen erst zum Menschen gemacht, indem er bewusst und zweckmäßig in seine Umwelt eingreift. Wie der Eingriff ausschaut, ist erst mal zweitrangig, nur, Wert für die Gesellschaft sollte rauskommen. Es ist ziemlich klar, dass eine gebackene Semmel Wert für eine Gesellschaft hat. Eine schöne Literatur hat es da schwerer, auf ihren Wert aufmerksam zu machen.

Von Buchverkäufen kann hierzulande kaum eine Autorin oder ein Autor leben. Hochdotierte Preise gewinnt eben immer nur der Gewinner. Und in Pandemiezeiten krankt das deutsche Phänomen, dass Menschen bereit sind, für Lesungen zu bezahlen und dementsprechend der Verband deutscher Schriftstellerinnen und Schriftsteller bei ver.di realistisch ein Mindesthonorar von 300 Euro pro Lesung empfehlen kann.

„Das Geld, das die Gesellschaft an den Künstler verausgabt, ist für sie das einzige Mittel zu erfahren, welchen Rang er in ihr einnimmt“, schreibt Peter Hacks in seinen „Ästhetisch-ökonomischen Fragmenten“, 1988 in der DDR als „Schöne Wirtschaft“ erschienen. „Der Künstler weiß seinen Platz; die Gesellschaft muss ihn lernen; genau so viel aber, wie sie dem Künstler gibt, so viel gibt sie auf ihn.“

Anders als die Gesellschaft, in der Hacks‘ Buch erschien, gibt diese hier und nach jener Formel so wenig auf die Kunst, insbesondere die Literatur, dass selbst der Autor nicht mehr seinen Platz in ihr weiß. Neulich unterschrieb ich einen Vertrag, der einen mehrseitigen Beitrag in einer Anthologie – mit nicht gerade namenlosen Leuten wie dem Buchpreisträger Saša Stanišic – mit einem Geldwert vergütet, der äquivalent ist mit einem Niedersachsenticket und zwei belegten Brötchen bei Back Factory.

„Der Künstler […] behält die unerfreuliche Freiheit, sich die Arbeit leicht zu machen. Er kann der Schäbigkeit des Angebots mit der Schäbigkeit des Werks begegnen“, so Hacks. Jetzt ist aber Schäbigkeit Standard und nicht etwa Betrug. Für die meiste Kulturarbeit wird wenig bis nichts gezahlt und an den Ehrenamtler im Kulturschaffenden appelliert. So sehr das objektiv die Kunststandards einer Gesellschaft senkt, subjektiv wird sich die Mehrheit der Schreibenden, mich eingeschlossen, nicht dem wilden Streik anschließen und bewusst das eigene Werk dem Lohndruck nach unten von sich aus angleichen.

Einfach macht man sich diesen Selbstbetrug, indem man geradeheraus leugnet, dass das Arbeit ist, was man da tut. Hat Hacks noch festgestellt, Künstler „prahlen in Notwehr“ damit, dass ihre Arbeit eine schwere und komplexe, von außen aber als reiner Müßiggang wahrgenommene ist, hat sich jetzt eine neue Strategie dazugesellt. Auf die Frage: „Arbeitest du grade?“ ist nunmehr die Antwort gängig: „Nein, ich schreibe an meinen Sachen.“

Dass Menschen mit ihrem Tun ständig arbeiten, legt gerne durch diese Selbstverständlichkeit das Vergessen des so Eineindeutigen nahe: dass wir im Kapitalismus leben, ist schließlich auch so offensichtlich, dass es fast nicht mehr lohnt, erwähnt zu werden. Doch genau dadurch läuft man Gefahr, etwas bereits Verstandenes, Fundamentales für nichtig zu befinden.

David Foster Wallace wies 2005 in seiner Rede „Das hier ist Wasser“ vor College-Absolventen darauf hin, dass sich selbst die Fische ab und an zurückerinnern müssen, in welchem Element sie sich rumtummeln. Ohne die Gesellschaft der arbeitsteiligen Produktion und privaten Aneignung trocknen wir als Menschheit nicht aus. Ohne Bezos und Tönnies nicht. Ohne Arbeit schon.
Vor allem ohne Arbeit anderer. Kunstproduktion verlässt sich auf Arbeitsteilung. Ohne den Bäcker, der um vier aufsteht und den Semmelteig knetet, hat die langschläfrige Autorin nichts zum Essen. „Ein müder Arbeiter arbeitet vielleicht schlechter als ein ausgeschlafener. Ein müder Künstler arbeitet gar nicht“, schreibt Hacks.

Müdigkeit – so sehr vorhanden, wenn Schreiben nicht zum Leben reicht und zusätzlich feierabends geschieht – muss man sich aber nicht anmerken lassen.

In der jüngst erschienenen Poetikvorlesungssammlung „Arbeit am Text“ merkt Kathrin Passig zur Nichtvergütung an: „Vielleicht ist das Schwere das Bezahlte und das Leichte das Unbezahlte? Das Leichte ist jedenfalls oft un- oder so gut wie nicht bezahlt“.
Die Buchautorin Passig teilt sich die Arbeit selbst, also mit der Bloggerin Passig. Kann ja passieren, auch heute noch, dass Bücherschreiben genug abwirft. Kann auch sein, dass Bloggen lohnt, weil gelesen wird, was man schreibt. Beides sind ja auch zwei schöne Freiheiten: die Freiheit von dringender Not und die Freiheit, zu tun, also zu schreiben, was und woran man mag.
Eine kurzer Schwenk hin zur Rezension: im Band „Arbeit am Text“ sind drei Poetikvorlesungen und ein Interview gesammelt, die sich der im Vorwort gestellten Frage „Was ist also Arbeit bzw. was kann sie alles sein?“ in Bezug auf den schönen-Text-produzierenden Ökonomiesektor widmet. „Arbeit“, so die Vorwort-Autorinnen Iuditha Balint, Janina Henkes und Kristina Petzold, „ist ein Wort mit hoher Suggestions- und Assoziationskraft, ein changierender, ausgesprochen polysemischer Begriff.“ Schon die indogermanische Wortherkunft schlägt anders als Engels vor, womit sich im Folgenden nicht nur Kathrin Passig als Arbeit beschäftigt: als eine Mühe. Jonas Löscher geht in seiner Vorlesung anhand von Auszügen von Marie-Luise Scherer und Friederike Mayröcker auf Prokrastination und Disziplin, leichtes Von-der-Hand-Gehen und mühsames Abringen ein, und wie sich solche Arbeitsprozessphänomene (nicht) auf der Textoberfläche widerspiegeln.

Jörg Albrecht umgeht in seiner Vorlesung die Mühe, indem er sich selbst die Frage „Was ist die Aufgabe der Literatur?“ so beantwortet: „Gar keine. Sie hat keine Aufgabe, außer, nicht aufgeben.“ Also: Nichts nicht aufgeben. Romantik, hach!
„Arbeit im Text“ steht jetzt im Regal – und nur da – neben „Schöne Wirtschaft“. Rezension Ende.

Jetzt wieder Essay: Nicht alle, die schreiben, sind eine Kathrin Passig. Es schreiben viele und davon leben kann so gut wie keiner und keine. Denn auch wenn Hacks‘ Paradigma der Wertschätzung aus Offline-Zeiten stammt und zwischen „Schöne Wirtschaft“ und uns etwas liegt, von dem Ronald M. Schernikau mal sagte, dass ohne dieses Ereignis zu berücksichtigen nichts mehr geschrieben werden kann – ich rede vom Sieg der Konterrevolution in der DDR –, so sollte man doch mindestens fragen: Wenn die Gesellschaft der Literatur nicht durch Geld eine Wertschätzung ausdrückt, womit denn dann?

Mit der Förderung einer kundigen, ganzheitlich gebildeten Leserschaft? Wir sollten zum Ende dieses Textes nicht anfangen, albern zu werden.

Es gibt zwei Wege, sich als Autorin und Autor dem Zynismus zu entziehen: Wie die Hauptfigur in David Marksons surrealem Roman „Wittgensteins Mätresse“ kann man noch als letzter verbliebener Mensch in die Tasten hacken und sich selbst das Schreiben des Schreibens wegen inszenieren. Dann brauchts nur eine Wertschätzung: die des eigenen Selbst. Oder man erinnert Rainald Goetz‘ Roman „Irre“ und dessen Credo „Don‘t cry – work.“

Dort entscheidet sich die Hauptfigur gegen einen lästigen, aber einträglichen Job als Arzt in einer Psychiatrie und für das Hauptamt des „heftig denken Menschen“ Schriftsteller. Der ist dann aber wenigstens ordentlich lästig, wenn das Honorar für den Text nicht überwiesen ist, und stochert hinterher.

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Über den Autor

Ken Merten (Jahrgang 1990) stammt aus Sachsen und studiert im Master Literarisches Schreiben & Lektorieren in Hildesheim. Seine Themenschwerpunkte sind Fragen der Ästhetik und die Literatur der Jetztzeit.

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"„Don‘t cry – work“", UZ vom 18. September 2020



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