Zu Carsten Gansels „Ausradiert? Wie die Literatur der DDR verschwand“

Sicherung eines bedeutenden Erbes

In diesen entsetzlichen Zeiten von Krieg und staatlich erwünschter Kriegstüchtigkeit ist es ein Zeichen von Hoffnung, dass die Aufmerksamkeit für die DDR, ihre entschiedene Friedenspolitik, ihre Literatur und vieles mehr steigt. Das reicht vom Musical („Wir sind am Leben“, Theater des Westens in Berlin) über die ernsthaft-wissenschaftliche Beschäftigung mit der queeren Literatur in der DDR (Franziska Haug (Hg.): „bin weiblich, bin männlich, doppelt“) und vielem anderen bis zu dem aktuellen Höhepunkt: Das neue Buch von Carsten Gansel ist nicht nur eine grandiose wissenschaftliche Leistung, sondern eine literarische Sensation, zudem ein Zeichen des Mutes seines Verfassers und seines ausgeprägten Sinns für Wahrheit und Gerechtigkeit.

Gansel sieht einen wesentlichen Ansatz für seine Überlegungen, dass in der DDR im Gegensatz zum Westen die Exilliteratur „wertgeschätzt und favorisiert“ wurde. Das bedeutete eine umfangreiche Auseinandersetzung mit dem Krieg und eine fortwährend intensive Vorstellung des Friedens; besonders in der Nachkriegslyrik der Exilanten von Arendt über Fürnberg und Becher bis zu Brecht, die etwas zu kurz kommt. In der Prosa waren es vor allem Anna Seghers und Willi Bredel, die wieder und wieder den Frieden thematisierten.

Einer der Vorzüge des Buches ist, dass es nicht nur literaturtheoretisch und literaturwissenschaftlich argumentiert, sondern mit ökonomischen Angaben aufwartet: So startete der Kinderbuchverlag noch vor der Gründung der DDR mit Brechts Friedens- und Antikriegsgeschichte „Der verwundete Sokrates“; „die Auflage war astronomisch, nämlich 100 000 Exemplare“.

Gansel geht nicht nur den Anfängen dieser Literatur nach, sondern auch der beispiellosen Vernichtung in der Folge der politischen Veränderung seit 1989, „der Auslöschung und Delegitimierung des eigenen Daseins“, wovon die Bürger der DDR betroffen waren und nach wie vor sind, denn „die permanente Delegitimierung des Ostens“ gehört zum Alltag, ist politisches Programm. Das betraf nicht nur soziale und arbeitsrechtliche Fragen aus der DDR, sondern auch Bildung, Kunst und Literatur, die keine Chancen mehr haben sollten. Dieser Vorgang wurde intensiv betrieben, weil die Literatur in der DDR – „Stabilisator und Störfaktor“ und keineswegs „einzig affirmativ“ – eine völlig andere Funktion hatte und ein kritischer Faktor vor 1989 war und auch danach hätte werden können, aber als solch eine Stimme ausgelöscht werden sollte. Trotz aller bemühten Unternehmungen aus dem Westen ist das nicht gelungen. Namen wie Christoph Hein, Lukas Rietzschel und andere stehen für die Lebendigkeit dieser Literatur. Sie haben „gegenüber ihren Landsleuten in Westdeutschland einen Erfahrungsvorsprung … weil sie vergleichen können“.

Unterstützt werden die Aussagen Gansels durch zahlreiche Interviews, Gespräche, Dokumente aus vielen Begegnungen mit Autoren seit den 1980er Jahren. Die Begegnungen mit der DDR-Literatur wurden verbunden mit der Biografie des Autors und einem umfangreichen Material zum Thema, bei dessen Erstellung ihn zahlreiche, auch westdeutsche Kollegen und Autoren unterstützten, ein Lichtblick in der differenziert beschriebenen „Auslöschung“. Sie war von Anfang an das Prinzip der westdeutschen Politik, mit der DDR umzugehen: Als Thomas Mann für einen ostdeutschen Sender eine Lesung aus dem „Felix Krull“ veranstaltete, wurde er „wie für ein gemeines Verbrechen“, so Mann, beschimpft.

Literatur war in der DDR ein Seismograph der gesellschaftlichen Entwicklung und wurde vom Staat als solcher anerkannt und genutzt: Die Literatur war ein Spiegel der gesamtgesellschaftlichen Entwicklung. Analysen und Konferenzen begleiteten dies kontinuierlich und der Staat revanchierte sich mit umfangreichen Förder- und Unterstützungsmaßnahmen für Schriftsteller, wodurch die sich auch „gebraucht gefühlt hatten“. Das Gefühl schwand nach 1989 und zahlreiche Autoren sahen keinen Sinn mehr in ihrem Schreiben, viele auch nicht mehr in ihrem Leben.

Je mehr allerdings bei der partnerschaftlichen Beziehung Erwartungshaltung und Ergebnis auseinanderklafften, desto größer wurden zeitweise die Spannungen zwischen Politik und Literatur, wobei auch die Spannungen aufschlussreich für die Gesamtentwicklung waren. Entsprechend ernst wurde die Literatur genommen, aber ebenso umfassend aufgenommen, ausgewertet und – wenn die Ergebnisse nicht mit den Vorstellungen der Führung übereinstimmten – kritisiert. Das ging so weit, dass manche Texte „keine Veröffentlichungschance“ hatten. Doch zeigt gerade das Beispiel Wolf Biermanns, dass die von ihm behauptete sozialistische Verbundenheit sehr brüchig war, als er ausgebürgert wurde und der Westen ihn als Opfer annahm: Da war er schnell der sprachgewaltige Gegner jeder sozialistischem Idee. In anderen Fällen – Uwe Johnson spielt bei Gansel eine große Rolle – hielt die DDR-Führung nicht aus, dass der Widerspruch zwischen „Ideal und Wirklichkeit“ größer und von ihm wirksam in Romanen erzählt wurde.

Genannt werden bei Gansel auch mehrere Namen von Schriftstellern und Künstlern, die Selbstmord begingen, weil ihre oft bescheidene Existenz zerstört wurde. Das Schicksal des „Palastes der Republik“, der „als Symbol des ostdeutschen Staates abgerissen wurde“, kann stellvertretend gesehen werden für das Schicksal nicht nur, aber eben auch von Kunst und Literatur. Über die Vernichtung von Büchermassen findet Gansel klare Worte und auch dafür, dass zum Teil Bücher von Autoren wie Heinrich Mann betroffen waren, deren Werke schon einmal vernichtet worden waren.

Natürlich wären Anmerkungen, Entgegnungen und manche Korrekturen zu dem Buch anzubringen. Die wird die Zeit bringen. Der Anfang einer historischen Wertung ist gemacht, trotz der langen intensiven Versuche des Totschweigens dieser leistungsstarken und modernen Literatur. Ergänzungen ergeben sich zum Beispiel dadurch, dass der Autor auf Grund seines Lebens- und Bildungsweges Schriftsteller aus dem Norden der DDR bevorzugte. Der Süden ist weniger präsent oder fehlt ganz, wie Werner Steinberg, Heinz Czechowski, Friedrich Döppe, Edith Bergner und viele mehr.

Ausgehend von seinem Geburtsjahr 1955 spielt bei Gansel leider die unmittelbare Nachkriegsliteratur ebenso kaum eine Rolle wie die sowjetischen Kulturoffiziere.

Nur mit einer kurzen Bemerkung werden die literarischen Bemühungen in der DDR-Literatur um antike Mythen genannt. Das ist zu wenig. Die Literatur der DDR war die einzige Literatur, die ich kenne, welche einen so intensiven Umgang mit antiken Mythen pflegte. Auch das begann im großem Stil bereits unmittelbar nach dem Krieg. Nach der Emigration verglichen sich zahlreiche Schriftsteller mit Odysseus, den Umhergetriebenen. Einige Jahre später geriet Prometheus, der Schaffende und Menschenfreundliche, ins Zentrum vieler Dichtungen. Ihm folgte Herakles, der Tätige. Danach veränderte sich die Abfolge deutlich: Sisyphos und Ikarus traten auf den Plan oder besser, sie repräsentierten Sinnlosigkeit und Ausbruch. Die Abfolge der Gestalten steht für die Geschichte der DDR; beteiligt waren die namhaftesten Dichter von Erich Arendt über Fürnberg und Brecht bis zu Anna Seghers, von Franz Fühmann, Peter Hacks und Heiner Müller zu Volker Braun und vielen anderen. Die Geschichte der DDR ist in der Abfolge der mythischen Gestalten eindringlich abgebildet; Ende der siebziger Jahre ist ein deutlicher Bruch zu Sisyphos hin zu erkennen, der den Niedergang signalisierte. Beteiligt an dieser Thematik waren zahlreiche Autoren, die deutlich machten, wie sehr sie die Funktion der DDR-Literatur angenommen hatten.

Trotzdem kann für Gansels Buch und seine Anstöße und Anregungen nicht laut genug geworben werden.

Carsten Gansel
Ausradiert?
Wie die Literatur der DDR verschwand
Reclam, 383 Seiten, 28 Euro

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"Sicherung eines bedeutenden Erbes", UZ vom 17. April 2026



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