Besondere Filme auf der 21. „Nippon Connection“

Ein anderer Blick auf Japan

Tim Beyermann

Die 21. Ausgabe von „Nippon Connection“ – dem japanischen Filmfestival aus Frankfurt am Main – bietet ein breites Portfolio.Es locken über 80 Dramen und Komödien, Avantgarde-Kino, epische Erzählungen und einige gesellschaftskritische Filme. Drei davon sind besonders sehenswert.

Im neuen Film von Thomas Ash geht es um einen Abschiebeknast in der japanischen Stadt „Ushiku“ nahe Tokio. Trotz der internationalen Ächtung von Japans Abschiebepraxis werden dort Geflüchtete bis zum Beschluss über ihren Asylantrag eingesperrt. Bei nur 0.4 Prozent positiven Bescheiden ein kafkaeskes Unterfangen. Die Behandlung der Menschen vor Ort verstößt laut Amnesty International gegen die Menschenwürde. Nun verschärfte Japans Regierung in diesem Jahr ihre Abschiebepraxis erneut, indem sie ankündigte, Geflüchtete nach dem zweiten abgelehnten Asylantrag zu deportieren. Diese Gesetzesänderung rief einen UN-Sonderberichterstatter auf den Plan, der sie als im Zusammenspiel mit den genannten Faktoren „in mehrfacher Hinsicht nicht den internationalen Standards in Bezug auf den Schutz der Menschenrechte von Einwanderern entsprechend“ nannte.

„Ushiku“ beleuchtet zwar auch die juristische Seite dieser Menschenrechtsverletzungen durch den japanischen Staat, konzentriert sich aber eindrucksvoll auf die Opfer dieses Systems. Thomas Ash gibt ihnen und ihren Geschichten den Raum und die Zeit, die sie verdienen. Dabei kürzt er die Zeit, die den vor Gleichgültigkeit strotzenden japanischen Institutionen und ihrer Schergen bleibt, auf ein Minimum, das es braucht, um die Geschichte der Geflüchteten zu erzählen.

Dieser Film zeigt eine Seite Japans, die das Land in seiner Außendarstellung sonst zu verschweigen weiß, eine Seite, für die sich viele Japanerinnen und Japaner schämen und vor der viele Japanbegeisterte ihre Augen nur zu gerne verschließen.

„Along the Sea“ erzählt die Geschichte von drei vietnamesischen Migrantinnen und der schamlosen Ausbeutung im japanischen Hinterland. Die Versprechungen, mit denen sie in das Land der aufgehenden Sonne gelockt wurden, waren erlogen, die Pässe sind weg und die drei haben nur noch sich selbst. Eigentlich als Drama gedreht, erscheint „Along the Sea“ eher wie eine Dokumentation, deren Bilder in ihrer Rohheit entwaffnen. Damit bietet „Along the sea“ einen wertvollen Einblick in die Lebensrealität ausgebeuteter Einwanderinnen und Einwanderer, wie es sie in jeder Wirtschaftsnation gibt.

Fast komplett in Schwarz-Weiß gedreht und auf einfach gehaltene Filmsets begrenzt, zeichnet „Company Retreat“ die Probleme vieler Frauen nach, die in „traditionellen“ japanischen Betrieben arbeiten.

Traditionell meint nicht das Alter der Fabrik oder des Geschäftes, um das es geht, sondern die häufig in den 1950er Jahren hängen gebliebenen Rollenbilder. Basierend auf realen Ereignissen wird hier die Geschichte einer Hotelangestellten erzählt, die von ihrem Vorgesetzten sexuell missbraucht wurde. Ihrem Mut, den Vorfall anzuzeigen, wird mit den verschiedensten Reaktionen begegnet – leider sind die wenigsten davon positiv. Morddrohungen in den sozialen Medien, abwechselnd desinteressierte oder sogar vorwurfsvolle Kolleginnen und Kollegen und Selbstzweifel plagen sie. Das alles im Setting eines „Company Retreats“, also eines Firmenausflugs.


Nippon Connection

21. Japanisches Filmfestival vom 1. bis 6. Juni

Alle Filme sind im Veranstaltungszeitraum für jeweils 6,- Euro per Video on Demand abrufbar
Ein breites Kulturprogramm ist kostenfrei streambar unter nipponconnection.com


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"Ein anderer Blick auf Japan", UZ vom 28. Mai 2021



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