„Wasp Network“ erzählt die Geschichte der Cuban5. Eine Prise Antikommunismus reicht nicht zur Geschichtsverdrehung

Ein Auge zudrücken

Wasp Network: Nicht im Kino, nur auf Netflix. (Foto: Netflix)

Kuba lebt seit 1959 unter einem kommunistischen Regime.“ Na, das fängt ja gut an. Fast möchte man „Wasp Network“ nach der ersten Sekunde wieder ausmachen, mit tumbem Antikommunismus lässt sich ein verregneter Sonntagnachmittag ja auch nicht retten. Da liest man vielleicht doch besser ein Buch. Doch schon Sekunde zwei lässt einen dran bleiben, um dem Film noch eine Chance zu geben: „Es unterliegt einem brutalen Embargo durch die Vereinigten Staaten.“ Schon besser. „Daraus entstand große Not für die Bevölkerung.“ Richtig. „Viele Kubaner entflohen einem autoritären Staat.“ Na ja. „Die meisten ließen sich in Miami nieder.“ Arschlöcher. „Viele militante Gruppen kämpfen dort für die Befreiung Kubas.“ Eher für die erneute Versklavung der Insel.

Das ist der Vorspann des Films von Regisseur Olivier Assayas.

Beginnen tut die französisch-belgisch-spanisch-brasilianische Produktion, die auf Netflix zu sehen ist, mit einer Sportszene. Der Pilot René González (wunderbar gespielt von Édgar Ramírez) joggt durch Havanna, verabschiedet sich danach von Frau und Tochter, um zur Arbeit zu gehen, dort klaut er ein Flugzeug, um sich nach Miami abzusetzen. Zurück bleibt seine Ehefrau Olga (großartig: Penélope Cruz), die nicht fassen kann, dass ihr Mann ein Verräter sein soll.

Nach der Ankunft in Miami spricht González über den Mangel auf Kuba, dem er habe entfliehen wollen. Es gibt keinen Treibstoff, keine Kartoffeln, nicht mal Zucker auf der Insel, auf der lange nichts anderes wuchs. Schnell wird er aufgenommen in den Kreis der Exilkubaner, fängt an, für eine Organisation zu arbeiten, die der Küstenwache kubanische Bootsflüchtlinge meldet, aber auch mal Flugblätter über Havanna abwirft und Terroristen, die mit Schiffen Waffen nach Kuba bringen, um sie für künftige Angriffe dort zu deponieren, den Rücken frei hält.

Ekelhafter Typ, könnte man meinen, wäre da nicht der Name. Für UZ-Leserinnen und -Leser ist ein Spoileralarm an dieser Stelle unnötig. Spätestens ab dem Moment, in dem René González den US-Behörden seinen Namen nennt, ist klar, dass er kein Verräter ist. Er ist einer der Cuban5, einer der fünf Helden, die auszogen, Kuba vor dem Terror aus Miami zu bewahren, und die dafür lange von den USA eingesperrt wurden.

Der Film erzählt die Geschichte von René González, Gerardo Hernández (gespielt von keinem Geringeren als Gael García Bernal) und ihren Genossen in zwei Teilen. Höchstens politisch völlig unbedarfte Menschen können im ersten glauben, dass es sich wirklich um Männer handelt, die für Jeans und Burger ihre Heimat verraten haben. Der zweite Teil zeigt ihre Arbeit als „Wespennetzwerk“. Er zeigt den Terror, den sie auf Kuba nicht verhindern konnten, die Skrupellosigkeit, mit der die Großen in den Terrorbanden, die ihr Geld mit Drogenschmuggel verdienen, ihre Sprengstoff deponierenden Handlanger benutzen, und die Dreckigkeit des US-amerikanischen Staates, der, durch die kubanischen Agenten informiert, gezwungen ist, einen geplanten Mordanschlag auf Fidel Castro zu verhindern – und hinterher die Kubaner verhaftet und wegen Spionage, Verschwörung gegen die USA und Verschwörung zum Mord anklagt.

Die fünf, die sich weigerten zu kooperieren, wurden verurteilt: Gerardo Hernández zu zweimal lebenslänglich plus 15 Jahre, Antonio Guerrero zu lebenslänglich plus 10 Jahre, Ramón Labañino zu lebenslänglich plus 18 Jahre, Fernando González zu 19 Jahren, René González zu 15 Jahren. Internationale Solidaritätskampagnen und das Verhandlungsgeschick der Kubaner, die unter anderem einen Gefangenenaustausch anboten, haben dafür gesorgt, dass alle fünf heute zu Hause in Kuba sind.

Grundlage für die Mordanklage war der Abschuss zweier Flugzeuge der Terroristen durch die kubanische Luftwaffe nach dem Eindringen in kubanisches Hoheitsgebiet, alle vier Insassen waren dabei ums Leben gekommen. Diese Episode nutzt der Film für einen kleinen Einschub. Der Spielfilm wird verlassen, einige Straßenszenen von Protesten werden eingeblendet, danach Zeitungsausschnitte „Kuba schlägt Demokratiebewegung nieder!“. Danach geht der Film weiter. Man gewinnt den Eindruck, als habe der Verleih oder wer auch immer bei der Produktion genug zu sagen hat, um so etwas durchzusetzen, nach Sichtung der ersten Fassung des Films gemahnt: Na, ein bisschen Antikommunismus machen wir aber schon noch rein …

Schadet dem Film aber nicht. Er bleibt trotzdem sehenswert, nicht nur an verregneten Sonntagnachmittagen.

Wasp Network
Regie: Olivier Assayas
Abrufbar auf Netflix.

✘ Leserbrief schreiben

An die UZ-Redaktion (leserbriefe (at) unsere-zeit.de)

"Ein Auge zudrücken", UZ vom 17. Juli 2020



Bitte beweise, dass du kein Spambot bist und wähle das Symbol Schlüssel aus.

Vorherige

Bald.

Kriegsvorbereitung

Nächste

Das könnte sie auch interessieren