Veranstaltung der Marx-Engels-Stiftung zu Gisela Elsners Leben und Werk

Erkenntnis mit satirischen Mitteln

Von Eva Petermann

Hinweise zu weiteren Veranstaltungen unter www.giselaelsner.de

„Wegbereiterin einer weiblichen Tradition moderner Satire“ – so lautet das Fazit eines Features des Bayerischen Rundfunks am 29. April, also wenige Tage vor Gisela Elsners Geburtstag. Trotz einiger Brüche in ihrem Werk bestreitet heute, 25 Jahre nach ihrem ­Suizid, niemand mehr den hohen literarischen Rang dieser unbequem-schrägen Autorin aus Bayern.

Auf der Veranstaltung der Marx-Engels-Stiftung in Hof „Erinnerung an Gisela Elsner“, die von der DKP Hof unterstützt wurde, stellte der Berliner Literaturwissenschaftler Dr. Kai Köhler wichtige Stationen aus Leben und Werk der in Nürnberg geborenen Schriftstellerin vor. Eva Petermann, Vorstandsmitglied der MES, trug Auszüge aus Elsners stark autobiografisch geprägter Erzählung „Die Zerreißprobe“ sowie aus „Fliegeralarm“ vor.

Der kurz vor Kriegsende in den Ruinen Nürnbergs spielende Roman war für den Verlag damals ein totaler Flop. Ebenso wie in ihrem letzten Roman „Heiligblut“ beschreibt sie überaus drastisch darin die Verheerungen und Nachwirkungen des Faschismus. Die vorgetragenen Beispiele grotesk-satirischer Verfremdung lösten bei den Zuhörern zum Teil kopfschüttelndes Gelächter aus.

Kai Köhler, Mitglied der 2007 gegründeten Gisela-Elsner-Gesellschaft, wies darauf hin, dass die bekennende Kommunistin Elsner den Faschismus durchweg „in der Kontinuität bürgerlicher Herrschaft“ sehe, als „die Konsequenz des liberalen Konkurrenzprinzips“, so Köhler.

1983 konnte der nach einem katholischen Wallfahrtsort benannte Roman nur auf Russisch in Moskau erscheinen, mit beachtlichem Erfolg beim dortigen Publikum. Erst der neu gegründete Verbrecher-Verlag machte 2007 auch dieses Werk der deutschsprachigen Öffentlichkeit zugänglich.

Aber: Ist solcherart beißend-pessimistischer Lesestoff überhaupt zumutbar? Darauf gab es auf der Veranstaltung verschiedene Antworten. Generell hat es satirische Literatur ohnehin nicht leicht, sich auf dem Literaturmarkt zu behaupten. Dies gilt bekanntermaßen umso mehr, wenn sie provokativ die Deformierungen im Kapitalismus aufs Korn nimmt. Ein berühmtes Gegenbeispiel ist – etliche Jahre später! – die heute erfolgreiche Österreicherin Elfriede Jelinek, die mitunter als „Elsners jüngere Schwester“ bezeichnet wurde.

Zu ihrer Zeit indes stand Elsner, die „zu früh Gekommene“, mit ihren Texten eindeutig „in krassem Widerspruch zu Geschlechterbildern, die einer Frau diese Schärfe nicht zubilligen mochten“, stellte Kai Köhler fest.

Hinzu kam ihr „vertrackter“ Stil mit spezieller „Wiederholungstechnik“ und einem Satzbau, „der die Vertracktheit der Situationen andeutet“. Unbeschadet dessen sind viele ihrer Werke ausgesprochen unterhaltsam und spannend. Einerseits abstoßend, andererseits geradezu brüllend komisch wirken allzu-realistische Detail-Beobachtungen und skurrile Perspektiven. Das fängt an bei ihrem Debüt von 1964 mit „Die Riesenzwerge“ bis hin zu ihren Bestsellern „Abseits“, „Der Punktsieg“ oder auch dem später verfilmten Roman „Die Zähmung“.

Sicher, nicht alles erscheint gelungen und konsequent zu Ende geführt. Ihre großbürgerliche Herkunft schränkt ihren Horizont ein, subjektiven Bemühungen z. B. in der Dortmunder „Gruppe 61“ zum Trotz. Abgesehen davon ist den Texten ihrer letzten Jahre zumeist ein nachlässiges Lektorat anzumerken. Zumal sie selbst kaum dazu kam, an ihren Texten zu feilen.

Die Zeit saß ihr im Nacken. Sie wollte und musste liefern: Um die Miete zu bezahlen, um überhaupt als freischaffende Künstlerin überleben zu können. Verarmt, krank und isoliert, die Niederlage der sozialistischen Länder von 1989 vor Augen, stürzte sie sich 1992 aus dem Leben – einem Leben ohne Illusionen und ohne Kompromisse, bis an die eigenen Grenzen.

Wer Erbauung und „das Positive“ sucht, ist bei Gisela Elsner an der falschen Adresse. „Ihr Werk speist sich aus der Ablehnung des Bestehenden, das sie in ihrer Familie, dann im Kulturbetrieb und insgesamt mit einem wachen Blick auf die Logik ihrer und unserer Gesellschaftsordnung erfahren hat“, resümierte Kai Köhler. Sie hinterlässt uns Zeugnisse unbändiger, urkomischer Fabulierfreude wie auch intellektuell-sensibler Schärfe und nicht zuletzt eine Menge „Erkenntnis mit satirischen Mitteln“.

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"Erkenntnis mit satirischen Mitteln", UZ vom 12. Mai 2017



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