„Nicht zum Lyriker bestimmt“: Der Band „Diesem Vaterland nicht meine Knochen“ mit Gedichten von Peter Hacks

Gewagte Vorgriffe

In einem Brief an seinen Schriftstellerkollegen, Genossen und Freund André Müller sen. (1925 – 2021) schob Peter Hacks (1928 – 2003) mehr oder minder offensichtlich vor, der „selige Schernikau“ habe immer sehr darauf gepocht, dass es darum gehe, loben zu können. Zweifellos ist das einer, wenn nicht der Anspruch der Poetik Ronald M. Schernikaus (1960 – 1991), wie Misa Harz in ihrer Rezension von Lucas Mielkes „Schernikau und die Poetik der Affirmation“ aufzeigt (siehe UZ vom 22. November 2024). Das Lob als Vorschein einer möglichen, heißt: nach Möglichkeit besseren, Einrichtung der Gesellschaft ist jedoch für Hacks ebenso Geschäft der Kunst, wie er selbst schrieb: „Die Funktion der Kunst ist zu allen Zeiten und an allen Orten gleich. Sie untersucht mit ästhetischen Mitteln und zu ästhetischen Zwecken die jeweils statthabende Wirklichkeit auf die Möglichkeit hin, die dieselbe der Gattung Mensch bei ihrer Selbstherstellung bietet. Sie schlägt, von ihrer besonderen gesellschaftlichen Stelle her, den vollkommenen Menschen vor. Das tut sie, indem sie Hemmendes verwirft und Erstrebenswertes entwirft.“ Und auf seine konkrete Situation als Dichter im Sozialismus hin schreibt er: „Was die Mischung dieser Verfahren anlangt, liegt in der DDR der Ton auf dem Entwerfen, nicht dem Verwerfen.“

In „Diesem Vaterland nicht meine Knochen“ findet sich mit „Kleineres Übel“ eine lyrische Entsprechung: „Herzlich schätz ich mein Land, das mich, und von / Herzen, missbilligt. / Das ist fad. Und doch: fader wärs andersherum.“ Der vom kleinbürgerlichen Filz als zu zotig, von der einreißenden Hybris der Postmoderne als zu formkonservativ wahrgenommene, selbst für Teile des Staats als diesem zu sehr verbundene Hacks, der die Ausbürgerung Wolf Biermanns als Minderheit unter den Literatinnen und Literaten verteidigte, war nicht immer wohlgelitten in jener DDR, in die er 1955 aus dem Westen übergesiedelt war. Lästig, so seine Sicht auf seine Lage, aber nebenwidersprüchlich.

Das ändert sich mit der Konterrevolution, die ihm, der sich der fröhlichen Resignation verschrieben hatte, die Freude am Lob nahm, weil sie das Lobenswerte abschaffte. Im Gedichtband, den der Berliner Eulenspiegel-Verlag nun herausgegeben hat, findet sich direkt nach dem formal ungewöhnlich legeren, reimlosen „Kleineres Übel“, der Zweizeiler „Wahlsonntag“: „Ich gebe heut mein Ja dem Kapital / Wahlsonntag ist. Da bleibt mir keine Wahl.“

Das Büchlein, in dem sich außer einigen kleinen Annotationen des Autors leider keine Beitexte finden, die die Gedichtsammlung kontextualisieren und zeitlich verorten könnten, umfasst „eine Auswahl von Hacks’ unvermittelt politischer Lyrik“, wie es lediglich eingangs, wiederum vom Dichter selbst und in Bezug auf dessen Kompendium „Tamerlan in Berlin“, heißt.

Dreierlei lässt sich aus „Diesem Vaterland nicht meine Knochen“ entnehmen: Erstens, Hacks’ bereits angesprochener Eifer, Verdienste als solche hervorzuheben, auch wenn sie als solche nicht oder als Notwendigkeit nur zähneknirschend Anerkennung finden. Zweitens, Hacks’ Verriss der nur zu negierenden Verhältnisse, vor allem nach 1990, die derart fundamental sind, dass man darüber in Verwunderung gerät, es hier noch mit einem Hacks-Poem zu tun zu haben. Ein Bespiel dafür sind die „Couplets der verdammten Könige“, die mit dem Danteschen Vers „Drum lasset alle Hoffnung fahren“ und damit ungewöhnlich pessimistisch belastet schließen. Drittens aber findet sich der Umgang mit den Widersprüchen als aufrechte Haltung auf schiefem Grund, von dem schon der Bandtitel zeugt, der in Zeiten der Aufrüstung und Kriegsvorbereitung unvermittelt politisch dem deutschen Militarismus einen Korb gibt. „Diesem Vaterland nicht meine Knochen“ entstammt dem Gedicht „Scipio“, zu dem Hacks schreibt: „Publius Cornelius Scipio Africanus major. Er besiegte 202 a. Chr. n. Hannibal bei Zama und emigrierte anschließend.“ Der Kriegsheld von einst unterließ gegenüber der seinen Einfluss fürchtenden Aristokratie das Spuren – so wie Hacks sich nicht dafür zur Verfügung stellte, der Restauration der Diktatur der Bourgeoisie das Wort zu reden.

Auch dem, was enge Stirnen und billig zu habende Herzen von der Poesie als therapeutische Ersatzhandlung und Weltschmerzkino verlangen, diente Hacks sich nicht an. Entsprechend heißt es in „Bescheidung“: „Des Fortschritts krümmster Weg ist so verschieden / Nicht vom schnellstmöglichen. Er schleppt und klimmt / Hinan so wie er muss. Ich bins zufrieden / Und also nicht zum Lyriker bestimmt.“

„Diesem Vaterland nicht meine Knochen“ versammelt als schmales Taschenbuch mit „Gedenkstätte der Sozialisten“ oder „Der Geistergeburtstag“ bekannte neben weniger oft zitierten Gedichten, darunter „Der Eilbrief“. In dem heißt es: „Der Text der Welt wird stets zu spät gelesen. / Und nur im Vorgriff packt der Geist das Wesen.“ In den Gedichten von Peter Hacks stecken Vorgriffe, wie sie seitdem kaum mehr gewagt werden. Seine Traute ist zur Nachahmung empfohlen.

Peter Hacks
Diesem Vaterland nicht meine Knochen
Ausgewählte Gedichte
Eulenspiegel-Verlag, 96 Seiten, 14 Euro
Erhältlich unter uzshop.de

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"Gewagte Vorgriffe", UZ vom 24. Juli 2026



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