Die Eisenplastiken des Bildhauers Erik Seidel

Mich wundert, dass ich fröhlich bin

Andreas Wessel

In rostigem Gusseisen stellt uns der Künstler eine dystopische Welt vor die Augen. Im apokalyptischen Chaos trifft den Betrachter Vertrautes, alles jedoch ist Fragment, verdreht, zerborsten, uneinsichtig ineinandergeschoben, ineinandergewoben. Das gegossene Eisen starrt, tropft, fließt, sticht, reißt, kratzt, seufzt, wuchert, pflanzt sich fort ins Bildliche: Skelette, Totenschädel, Puppenköpfe, Gummi-Enten. Eine menschenleere Welt, definiert von unseren Überbleibseln und Artefakten, auf denen die Ratten „Fröhliche Begegnung“ (2025) feiern. Wobei die Ratten noch das Versöhnlichste in den Plastiken von Erik Seidel sind – und ziemlich nett wirken. Auf meine Nachfrage sagt Seidel dazu: „‚Aber keine Sorge, die Ratten bleiben übrig.‘ Das war so ein Satz von Tomi Ungerer und Anlass, mich mal mit Ratten näher zu beschäftigen.“ Wobei die These von Ungerer schon optimistisch ist, da einer globalen nuklearen Katastrophe nicht einmal die Ratten gewachsen wären: da sind es eher die Kakerlaken, die als letzte lachen. Man darf auch fragen, ob es die schlechteste aller Welten wäre, die wir menschenlos den Ratten überlassen; wenigstens hätten wir dann nicht alles Leben ausgerottet, und wer weiß, wer unser wahrscheinlichster Nachfolger wäre – Ratten sind ja ziemlich intelligent und anpassungsfähig.

Kritische Utopie, Konkrete Dystopie, düstere Zukunftsprognose, Warnung oder Abgesang – was ist es, das uns hier im Werk von Erik Seidel gegenübertritt? Eine persönliche Beobachtung: Natürlicherweise fordert das Betrachten einer plastischen Arbeit immer die Neugier nach dem „Was“ dahinter, was auf der anderen Seite ist, heraus. Wir wollen sie umgehen, umfassen, von allen Seiten betrachten, um letztlich zu erkennen, dass eine gute Plastik unendlich viele Ansichten bietet. Jedoch habe ich vorher noch nie Plastiken erlebt, bei denen ich einen gelegentlichen Schulterblick nach dem, was hinter mir lauert, kaum unterdrücken konnte, einen Blick nach der nahen Ferne oder fernen Nähe des Unheils, das diese Welt erschaffen hat. Es ist weder wohliges Gruseln noch lähmender Defätismus, es ist ein aufrüttelndes „Empört euch!“, was die Bildwerke mir zurufen. Ein Weckruf gegen die Vernutzung der natürlichen Ressourcen, deutlicher Protest gegen einen Adaptionismus, der die Verwüstung unseres Planeten als gegeben nimmt und unsere Zukunft in pragmatischer „Anpassung“ an das Unvermeidliche sieht. Ein Teufelskreis, denn auch der Adaptionismus glaubt, die Natur beherrschen zu können. Nur: wenn man der Natur Gewalt antut, schlägt sie gewaltig zurück. Oder eleganter mit Friedrich Engels: „Schmeicheln wir uns indes nicht zu sehr mit unsern menschlichen Siegen über die Natur. Für jeden solcher Siege rächt sie sich an uns.“ (aus „Dialektik der Natur“)

Die erste Reaktion auf Seidels Plastiken ist meist: Das ist ja ganz schön böse. Aber nein, Erik Seidel ist kein Atlas, der das Elend der Welt ständig als niederdrückendes Gewicht auf seinen Schultern trägt. Er ist ein überaus fröhlicher Mensch, seine Anklage ist getragen von Optimismus, ja, ist an sich schon Optimismus: wer anklagt, will wirken. Und entdecke ich da nicht auch hier und dort eine Prise Humor? „Humor? Ja, den entdecke ich auch in meinen Plastiken. Obwohl ich ernste Themen bearbeite, gelingt es mir dann doch – bewusst oder unbewusst –, die Sache nicht ins völlig Apokalyptische zu treiben. Es ist da immer auch noch ein Augenzwinkern.“

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„Elias“; Eisenguss 2022, Gießerei Grundhöfer, Unikat (Foto: erikseidel.de)

Erik Seidel schlägt mit seinen Plastiken einen Ton an, den man selten, wenn je so schon, vernommen hat, ein hoher Ton, ein metallisches Klirren, in dem Lachen und Schreien in eins fließen. Formal gesehen sind die Arbeiten ein Fest für die Augen: neben der großen Form ist viel im Detail zu entdecken. Doch der rein ästhetische Genuss wird immer wieder von der rationalen und ethischen Erschütterung durchbrochen. Denken und Fühlen bilden hier einen dialektischen Wirbel von Genießen und Erschauern. Und das ist es, was echte realistische Kunst – und nur diese – auslösen kann: sinnliche Erkenntnis.

Der Werdegang Erik Seidels zum realistischen Bildhauer führte über Nebenwege, bei denen das Ziel, – freie Kunst zu machen – implizit jedoch stets präsent war. Um es gleich zu sagen, Seidel schafft sich den Freiraum für seine kritische und damit per se schwer verkäufliche Kunst mit einem Zweitjob, oder ökonomisch gesehen mit einem Erstjob: er arbeitet als Kunstlehrer mit behinderten Kindern, Vollzeit. Neben finanzieller Sicherheit bringt das auch soziale Kontakte, aber um siebzehn Uhr beginnt dann werktäglich der zweite Vollzeitjob: dies 30 Jahre durchzuhalten braucht schon eine enorme Motivation und Begeisterung.

Erik Seidel wird 1966 im Vogtland in eine kunstferne Familie hineingeboren, wächst in Auerbach auf und absolviert dort von 1987 bis 1990 ein Grundschullehrerstudium für Kunsterziehung. Dann geht er zum weiterführenden Studium der Kunsterziehung und Förderschulpädagogik nach Magdeburg und lernt dort den Bildhauer Joachim Sendler kennen, in dessen Atelier er arbeiten darf und der ihn prägt.

„Der hat mir erst mal Steine hingestellt – und die körperliche Arbeit am Stein, das war ein großes Glücksgefühl. Bis dahin habe ich nur gemalt und diese Beschäftigung mit dem Stein hat mich dann so weit geprägt, dass ich nach meinem 2. Staatsexamen noch mal Steinmetz gelernt habe. Ich dachte, du kräftiger Kerl musst doch jetzt mal richtig arbeiten! Ich hab’ dann den Beruf erlernt, war einige Jahre in der Steinmetzfirma und bin dann erst zurück in den Lehrerberuf. Die Steinskulpturen, die ich für mich gemacht habe, waren natürlich an den Vorbildern orientiert, wegen denen ich Steinmetz werden wollte, Werner Stötzer, Wieland Förster und so weiter. Irgendwann habe ich aber gemerkt, diese Torsi, die sind schon schön, aber das geht jetzt ziemlich schnell, dass die fertig werden, und die Leute kaufen die trotzdem, und da dachte ich, das kann es nicht sein. Ein Galerist sagte dann mal: ‚Das ist Stötzer für Arme.‘ Das hat mir die Augen geöffnet und ich habe das von einem Tag auf den anderen beendet; habe mir quasi meinen Gelderwerb verboten und es musste was Neues ran. Das war ungefähr zu der Zeit, als ich wieder in die Schule ging, und dann arbeitete ich plastisch mit Ton weiter und dem anschließenden klassischen Guss in Bronze. Was da entstand, kann ich auch heute noch gelten lassen.“ Darunter ist auch die Plauener Denkmalsplastik „Vater und Sohn“ für den bekannten Zeichner Erich Ohser alias e. o. plauen. „Aber irgendwann kam dann das Eisen. Ich hab’ mich damals viel mit Dante beschäftigt, mit Faust, und da kamen dann auf einmal andere Plastiken raus. Ich war dann in der Gießerei Grundhöfer in Niedernberg, und dort standen auch Eisengüsse. Und der Gießer hat dann mal gesagt, dass meine Plastiken eigentlich in Eisen besser wären. Ich hatte da noch gar nicht drüber nachgedacht und mir gefiel dann dieses Spröde, dieses ‚Nicht-so-schöne‘, besonders mit der rostigen Patina. Es gab dann noch ein, zwei Bronzen, aber seither nur Eisen.“ Inzwischen sind es fast 70 Plastiken, die größte mehr als vier Meter hoch.

Die klassische Bildhauerei – also die Meister, die uns Figuren (selten etwas anderes oder nur als Accessoire) aus dem Holz oder Stein schlugen oder sie in Ton und Gips formten und dann in Metall gossen – arbeitet mit dem Volumen. Die Linie blieb der Zeichnung vorbehalten, bis sie als Drahtgeflecht auch in der modernen Kunst auftauchte. Erik Seidel geht ebenfalls vom Volumen aus, nutzt aber die Möglichkeiten des Eisengusses, um Teile der Plastiken bis zur Linie zu reduzieren. „In der Eisenplastik habe ich es dann geschafft, so richtig in den Raum zu gehen, und diese Kontraste zwischen dünnen Teilen und massiven Partien, das konnte ich im Eisen so richtig schön ausleben. Und das geht im Stein nicht wirklich, da habe ich seitdem auch nichts mehr gemacht.“ Seine eisernen Linien umfassen aber nicht Raum, um ihn in die Plastik einzubeziehen, ihn ihr einzuverleiben, sondern fungieren als Vektoren, als Kraftlinien, als Richtungsweiser, welche die Blicke in die Ferne ziehen. Seidels Plastiken sind offen, sie erweitern sich ins Unendliche; sie schlagen den Blick nicht in ihren Bann, sondern öffnen ihn fürs bisher nicht Gesehene.

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„Fröhliche Begegnung“; Eisenguss 2025, Gießerei Grundhöfer, Unikat (Foto: erikseidel.de)

Ein Wort zur Technik. Die Plastiken entstehen als Unikate im Wachs-ausschmelzverfahren, im Französischen poetisch Cire perdue, das Verlorene Wachs, genannt. Das Modell der Plastik wird von Seidel direkt aus Wachs zusammengebaut, und wenn nötig mit Holz – oder anderen Materialien, die aber brennbar sein müssen – verstärkt. Bezüglich Größe, Materialstärken, Formen geht alles, was nicht in sich zusammenfällt; auch Collagen von vorgefunden Teilen sind möglich, solange diese selbst brennbar sind oder in Wachs umgeformt werden können. Seidel erklärt: „Der Gießer baut dann an das Modell verschiedene Lüftungs- und Eingusskanäle ran, ebenfalls aus Wachs. Dann wird das Modell in eine flüssige Keramikmasse getaucht und diese getrocknet, bis zu sieben Mal; dann ist diese Schicht vielleicht ein bis anderthalb Zentimeter dick. Das Ganze kommt dann in einen Brennofen, das Wachs läuft raus, die Holzteile verbrennen mit – das kann mehrere Durchgänge benötigen. Wenn die Keramikform dann leer ist, wird in den Hohlraum flüssiges Eisen gegossen, und nach dem Erkalten die Keramikform abgeschlagen. Dann werden die Eingusskanäle abgeflext, der ganze Guss abgestrahlt. Bei großen oder komplizierten Plastiken muss die Form in Teile zerlegt werden und nach dem Guss müssen diese zusammengebaut werden. Keine einfache Arbeit, aber wunderschön – die Gießereitage sind die schönsten Tage im Jahr für mich.“ Das Ergebnis ist jeweils ein Unikat, da vorher keine Negativform des Modells abgenommen wird. „Deswegen muss es natürlich auch immer klappen beim Gießen.“

Wenn es gegossen ist, dann ist es auch fertig, dann ist nichts mehr zu ändern und es geht von vorne los: „Wenn eine Plastik fertig ist, dann leide ich eine Zeitlang, bis das Neue kommt, und wenn es wieder losgeht, ist das große Glücksgefühl in mir. Wichtig ist, dass man sich selbst immer wieder überrascht beim Arbeiten, dass man nicht so eine Routine entwickelt in der Form. Manchmal muss man auch zurück, das ist alles kein Selbstläufer, das ist immer wieder schwere Arbeit.“

Stichwort Motivation: Hat der Künstler Hoffnung für uns und unseren Planeten? „Das ist echt ’ne schwere Frage, also wenn ich ehrlich bin, sieht es, glaube ich, ziemlich düster aus. Aber ja, es gibt immer wieder Hoffnung; es gibt ja auch viele schlaue Menschen und es wird schon noch ein Stück weiter gehen, aber nicht von allein. Da muss jeder irgendwie mittun, und meine Aufgabe, der Sinn meines Lebens, ist eben, in der Kunst so zu provozieren oder zumindest meine Gedankenwelt so in Form zu bringen, dass die vielleicht einige erreicht; und mich vielleicht abends zufrieden stimmt und sagt, du hast es versucht.“ Wir müssen uns Erik Seidel als einen glücklichen Menschen vorstellen.

Die Ausstellung „Vertane Jahre – Eisenskulpturen von Erik Seidel“ ist bis zum 30. August (dem 60. Geburtstag des Künstlers) in der Galerie Gesellschaft, Auguststraße 83, in Berlin-Mitte zu sehen. Der Katalog mit einem Werkverzeichnis der Eisengussplastiken kostet 5 Euro, die Vorzugsausgabe mit einem Originallinolschnitt (mit Ratte!) von Erik Seidel 60 Euro.

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"Mich wundert, dass ich fröhlich bin", UZ vom 7. August 2026



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