Interview mit Marlon Grohn

„Es gibt keinen nicht-westlichen Imperialismus“

Tim Meier

Seit 2022 wird das Wort „Imperialismus“ inflationär benutzt. Auch Kommunisten kämpfen immer wieder um die richtige Definition. Marlon Grohn setzt sich am 30. August auf den UZ-Friedenstagen in Berlin mit dem aktuellen marxistischen Stand der Begriffsdiskussion auseinander.

UZ: Das Wort „Imperialismus“ ist in aller Munde. Wie nimmst du die aktuelle Diskussion wahr?

Marlon Grohn: Ob nun Grüne, BRD-Kanzler oder Trotzkisten, ob nun Russland, China oder Iran – ständig wird der Begriff zu eng oder zu weit gefasst. Die einen reduzieren seinen Charakter auf Krieg oder Machtausdehnung. Die anderen leiten aus Lenins „imperialistischem Weltsystem“ ab, dass alle Länder, die in irgendeiner Weise am Weltmarkt teilnehmen, in letzter Konsequenz imperialistisch sein müssten.

Dabei ist der Begriff bei den Klassikern ziemlich eindeutig: Der Imperialismus ist ein genuines Projekt des Westens, das nur auf Basis des Kolonialismus, also der Ausbeutung von Arbeitskraft in Übersee, möglich war.

UZ: Könnte man nicht jedem Land mit Finanzkapital eine Tendenz zum Imperialismus zuschreiben, wenn man sich Lenins fünf grundlegende Merkmale dazu anschaut?

Marlon Grohn: Nein. Bei Lenin ist das erste Merkmal die Monopol-Entstehung, das zweite die Finanzkapitalgenese. Leider reicht das vielen Linken (und Rechten sowieso) schon als Grund, nun auf alle Länder, in denen es Finanzkapital gibt, mit dem Finger zu zeigen und Imperialismus zu diagnostizieren.

Bei Lenins drittem Punkt – „Der Kapitalexport, zum Unterschied vom Warenexport, gewinnt besonders wichtige Bedeutung“ – wird kurz geschaut, ob aus dem betreffenden Land externe „Investitionen“ getätigt werden, um das abzuhaken. Die „internationalen monopolistischen Kapitalistenverbände“ des vierten Merkmals herauszuarbeiten – die Mühe machen sich wenige. Man weiß, dass sie in den „großen“ imperialistischen Länder bestehen, sie müssen also in den „kleinen“ Ländern auch vorhanden oder in Vorbereitung sein.

Zuletzt: Die beendete „territoriale Aufteilung der Erde“ unter den kapitalistischen Großmächten wird niemand anzweifeln, man wirft allerdings „aufstrebende“ Staaten in den Machtkampf als ebenbürtige Konkurrenten dazu. Ab dem dritten Punkt also zeigt sich die unzureichende Analyse.

UZ: Inwiefern?

Marlon Grohn: Lenin wählt seine Worte genau. Wenn er erkennt, dass im Imperialismus der Export von Kapital eine besonders wichtige Bedeutung gegenüber dem von Waren gewinnt, dann darf das nicht ignoriert werden. Es sollte beispielsweise untersucht werden, in welchem Verhältnis Import- zu Export-Volumen und zur Größe der Bevölkerung eines Landes steht.

UZ: Gibt es denn einen nicht-westlichen Imperialismus?

Marlon Grohn: Natürlich nehmen alle Länder am imperialistischen Weltsystem teil. Die Frage ist nur, ob als Herren oder als Knechte. Es muss sich noch nicht um Imperialismus handeln, wenn etwa Kapital exportiert wird. Die Frage ist doch nicht, ob ein Land das tut, sondern wie mächtig ein Land ist, ob es zum Beispiel eine Weltmacht wie die USA ist und andere Länder damit erpressen kann.

Letztlich landen die Profite dann in der Mehrheit in Europa, den USA und Japan, während die Chinesen in den Fabriken die Smartphones, E-Autos und Fahrräder für unsere Märkte produzieren – also klassische Ausbeutung von Arbeitskraft durch die ehemaligen Kolonialmächte.

UZ: Kannst du das mit Zahlen belegen?

Marlon Grohn: Auf China und Russland entfällt bei gemeinsam 18 Prozent der Weltlandfläche und 19 Prozent der Weltbevölkerung etwa 20 Prozent des Welt-Bruttoinlandsprodukts (BIP). Allein Deutschland hat dagegen mit einem Prozent der Weltbevölkerung und 3,2 Prozent des Welt-BIP proportional zur Bevölkerung mehr als das Dreifache davon. Die USA erlangen mit lediglich 4,2 Prozent der Weltbevölkerung 26 Prozent des Welt-BIP, also mehr als das fünffache Chinas und Russlands. Die USA und die EU stellen zusammen also nicht einmal zehn Prozent der Weltbevölkerung, kommen aber auf 45 Prozent des Welt-BIP. Bei Russland und China hingegen beträgt das Verhältnis von Bevölkerung und Anteil am Welt-BIP in etwa Eins zu Eins. Bei 19 Prozent Anteil an der Weltbevölkerung beträgt ihr Anteil am Welt-BIP circa 20 Prozent.

Da Imperialismus Kapitalinvestitionen, also: Arbeitskraftaneignung im Ausland heißt, zeigt sich daran ganz klar: Es gibt keinen nicht-westlichen Imperialismus.

UZ: Auf der Peter-Hacks-Tagung 2025 hast du zum Imperialismus referiert. Wie kommt Hacks mit dem Begriff zusammen?

Marlon Grohn: Als Marxist behandelt Hacks 1955 in dem „Columbus“-Stück, 1963 in „Polly“ den Fortschritt, den der frühe Kapitalismus der Menschheit brachte. Und wie Hegel bei Napoleons Herrschaft erkannte er, dass trotz unschöner Begleiterscheinungen das System mit der größtmöglichen Produktivkraft im historischen Recht vor dem in der Epoche vorherrschenden sei. Als das Fortschrittliche des Imperialismus in sein Gegenteil umschwang und dessen Ablösung notwendig machte, verteidigt Hacks dann den Sozialismus als unausweichliche nächste Stufe menschlicher Entwicklung.

Der Vortrag „Was ist Imperialismus heute?“ von Marlon Grohn auf den UZ-Friedenstagen in Berlin findet am 30. August um 11 Uhr im Literaturzelt statt.


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