Wie Kuba der US-Energieblockade trotzt

Solarenergie und „kreativer Widerstand“

Cuba heute

Im Stadtteil Alcides Pino in Holguín befindet sich auf dem Gelände einer ehemaligen Tankstelle seit Juni eine neuartige Einrichtung. Wo früher Benzin verkauft wurde, laden Anwohner heute ihre Elektro-Motorräder und Dreiräder auf – mit Solarstrom, vollständig unabhängig vom Stromnetz.

Zwei Stunden täglich können Besucher auch Mobiltelefone, Lampen und Ventilatoren aufladen, ohne einen Peso zu zahlen. „Die Besucherzahl steigt, wenn die Stromausfälle länger dauern“, bestätigte Schichtleiter Agustín Cecilio Parra gegenüber der kubanischen Gewerkschaftszeitung „Trabajadores“. In manchen Teilen des Landes dauern die Stromausfälle inzwischen über 20 Stunden täglich. Seit Anfang Juli ist das Stromnetz dreimal vollständig kollabiert.

Die Station El Girasol ist eine von 25 sogenannten Solineras, die in Kuba mittlerweile in Betrieb sind. Weitere 15 befinden sich in verschiedenen Bau- und Planungsphasen. Sie sind eine der sichtbarsten Antworten auf eine Energiekrise, die das Land seit Anfang 2026 in einem Ausmaß trifft wie nie zuvor.

Solineras: Mehr als Ladestationen

Seit US-Präsident Donald Trump Anfang Januar eine effektive Ölblockade gegen Kuba verhängt hat, die dem Land den Zugang zu venezolanischem Öl und Treibstoffimporten auf dem Weltmarkt abgeschnitten hat, gelten strenge Energierationierungen. Treibstoff wird praktisch nicht mehr verkauft. Ein Liter Superbenzin kostet auf dem Schwarzmarkt bis zu sechs Euro.

Inmitten dieser Lage wächst ein neues Netz kleiner Infrastrukturen, das die Kubaner selbst Solineras nennen: Solarstationen, die Elektrofahrzeuge, Telefone, Lampen und Kochgeräte mit Strom versorgen.

Das in Havanna ansässige Unternehmen Empresa de la Industria Electrónica (EIE) ist einer der größten Betreiber dieser Anlagen – und das nach eigenen Angaben erste kubanische Unternehmen, das seinen gesamten Eigenbedarf durch Photovoltaik deckt: 22 Solarfelder speisen täglich rund 3.000 Kilowattstunden in das Netz ein. Mehr als 15 Solineras betreibt die EIE allein in der Hauptstadt, darüber hinaus befinden sich weitere in Matanzas und Villa Clara. Ihre Gründung wird im Rahmen des laufenden 176-Punkte-Reformplans von der Regierung steuerlich gefördert.

Was diese Stationen von gewöhnlichen Ladepunkten unterscheidet, ist ihr sozialer Charakter. Im Viertel Virginia in Santa Clara etwa, wo im April eine Solinera mit 56 Solarpanelen, 50 Kilowatt Erzeugungsleistung und 30 Kilowatt Speicherkapazität eröffnet wurde, kommen die Nachbarn vor allem dann, wenn der Stromausfall mit der Mittagszeit zusammenfällt. „Der Kochservice ist kostenlos, und die Gemeinschaft ist dankbar, dass sie kommunizieren und ihre tragbaren Lampen aufladen kann“, erklärte Ivette Hernández, die Leiterin der Anlage. Das Projekt Gomate, das die Station betreibt, hat zudem Haushaltsgeräte und Lebensmittel an Kinderkrippen und Gesundheitseinrichtungen der Provinz gespendet.

In Havannas Stadtteil Vedado entsteht gerade eine Solinera der anderen Art. Sie gehört zum lokalen Entwicklungsprojekt Rampeando im Volksrat Rampa und ist ausschließlich dafür gedacht, elektrische Dreiräder für die Müllabfuhr aufzuladen – mit einer Kapazität von 40 Kilowatt, gespeist allein durch Solarenergie.

30 solcher Triciclos wurden vom Stadtbezirk gespendet, zehn sind bereits im Einsatz. „Es geht nicht nur um die Installation von Solarpaneelen, sondern um eine Strategie, die Solarenergie für soziale Zwecke nutzt. Die Bevölkerung unterstützt die Initiative, und wir sind sehr froh, weil wir einen Großteil des Mülls im Viertel beseitigt haben“, sagte der Präsident des lokalen Rats, Pedro Lizardo Garcés Escalona. Das Projekt beschäftigt auch Jugendliche und ehemals Straffällige, die zuvor keiner geregelten Arbeit nachgingen.

In Holguín wiederum ist die von einem Privatunternehmen betriebene Solinera El Girasol, die im Juni auf dem Gelände einer ehemaligen Tankstelle im Viertel Alcides Pino eröffnet wurde, schnell Anlaufstelle für Anwohner und Transporteure geworden. Mit 30 Solarpaneelen, 40 Kilowatt Erzeugungsleistung und 32 Kilowatt Speicherkapazität arbeitet sie vollständig unabhängig vom nationalen Stromnetz.

Zwei Stunden täglich ist das Laden von Mobiltelefonen, Lampen und Ventilatoren kostenlos – mit Identifikationsmarken und Nutzerregistrierung, um Ordnung zu gewährleisten. Darüber hinaus werden 50 Pesos (etwa 6 Cent) pro Stunde fällig. Das Laden eines Elektro-Dreirads kostet 300 Pesos (etwa 40 Cent) pro Stunde. Das Netz soll weiter wachsen: Eine neue Station ist für Kilometer 270 der Autopista Nacional geplant, um auch Reisenden auf der Fernstraße Strom anbieten zu können.

„Kreativer Widerstand“

Auch die „New York Times“ lieferte in einer jüngsten Reportage eindrucksvolle Beispiele für das, was Präsident Miguel Díaz-Canel als „kreativen Widerstand“ gegen die US-Energieblockade bezeichnete. Die Zeitung besuchte Kuba eine Woche lang und beschrieb eine Gesellschaft, die leidet – und sich dennoch behilft.

In Havanna und auf dem Land tauschten viele Kubaner ihre spritfressenden US-amerikanischen Oldtimer aus den 1950er Jahren gegen chinesische Elektro-Motorräder und dreirädrige Rikschas. Elektrische Rikschas bringen Menschen zur Arbeit, weil der öffentliche Busverkehr wegen Dieselmangels eingestellt wurde – eines der derzeit lukrativsten Geschäftsmodelle im Privatsektor. Wer es sich leisten kann – meist diejenigen mit Verwandten im Ausland – kauft chinesische Lithium-Akkus für rund 750 US-Dollar, um Fernseher, Ventilatoren oder Kühlschränke durch die Ausfallzeiten zu bringen. Dem größten Teil der Bevölkerung fehlen dafür allerdings die Mittel: Die bereits vor der Krise niedrige Kaufkraft der Löhne ist durch die anhaltende Inflation inzwischen auf Werte um die zehn Euro pro Monat gesunken.

Bars und Restaurants, die noch geöffnet haben, laufen teilweise auf Erdgasgeneratoren, die eigentlich für flüssige Brennstoffe gebaut wurden, aber von Kubanern umgerüstet wurden. Rund 280.000 Haushalte in Havanna haben Gasanschlüsse für Küche und Warmwasser. Da Kuba das Gas selbst produziert und entsprechend von der Blockade nicht betroffen ist, hat es sich zu einer der wenigen verlässlichen Energiequellen entwickelt. Ein Mann, den die „New York Times“ traf, betrieb seinen Generator damit nahezu rund um die Uhr – und zahlte am Monatsende dennoch nur 50 Pesos (etwa 6 Cent) für die Energierechnung.

Auf dem Land zeigt der Erfindungsreichtum noch extremere Züge. Humberto Palmero, ein 55-jähriger Bauer an der Küste, erfuhr auf YouTube, wie man aus Plastikabfall Benzin und Diesel destilliert. Inzwischen hat er in seinem Hinterhof eine kleine Eigenraffinerie gebaut, mit der er sein Motorrad betreibt und seinen Herd befeuert. „Wir suchen nach Lösungen“, sagte er der Zeitung. „Die wirtschaftlichen Einschränkungen töten uns langsam, aber wir kämpfen uns mit aller Kraft durch.“

Inzwischen decken die landesweit 54 großen Solarparks etwa 10 Prozent des kubanischen Strombedarfs, gegenüber 3 Prozent zu Beginn des Jahres 2025. Zur Mittagszeit liefern sie bis zu 20 Prozent – doch mangels großer Speicher (aktuell ist erst eines von vier geplanten Batteriespeichersystemen in Betrieb) ist nach Sonnenuntergang, wenn der Bedarf am höchsten ist, kaum noch etwas davon übrig. Die Ungleichheit ist dabei mit Händen zu greifen: Wer Paneels, Akkus und ein Elektrofahrzeug hat, kommt durch. Wer nicht, sitzt im Dunkeln.

Jorge Piñón, Energiespezialist an der University of Texas, sagte der „New York Times“, die kubanische Regierung betreibe ihre Kraftwerke auf Sparflamme, um sie nicht vollständig ausfallen zu lassen, zapfe jahrelang eingelagerte Ölrückstände ab und fördere mehr Erdgas. Er räumte zugleich ein, dass er und andere Analysten die Widerstandsfähigkeit der kubanischen Regierung unterschätzt hatten, als sie prognostizierten, die Treibstoffvorräte würden bis März erschöpft sein.

Kleine Mengen Treibstoff in Isotanks, die ausschließlich für den Privatsektor bestimmt sind, kommen über eine Ausnahmegenehmigung aus den USA ins Land. Möglicherweise hat Havanna weitere alternative Isotank-Kanäle aufgetan, bekannt ist dazu jedoch nichts. Darüber hinaus hat in diesem Jahr nur ein einziger Öltanker die Insel erreicht, dessen Lieferung ab Ende März wenige Wochen lang für spürbare Entspannung sorgte.

Die Unzufriedenheit in der Gesellschaft ist bei aller Resilienz groß – und richtet sich nicht nur gen Washington. Protest äußert sich meist in akut von Ausfällen oder Engpässen betroffenen Vierteln in Form von nächtlichem Topfschlagen. Bei offenen Straßenprotesten drohen Haftstrafen: „Ich kann meine Familie nicht in Gefahr bringen“, begründete ein Anwohner gegenüber der Zeitung das Ausbleiben größerer Proteste.

US-Außenminister Marco Rubio erklärte zum Jahrestag der Proteste vom 11. Juli 2021, die Trump-Regierung werde weiterhin „alle verfügbaren Mittel“ einsetzen, um ihr Ziel eines Sturzes der kubanischen Regierung zu erreichen. Kuba seinerseits sucht das Gespräch. „Kuba ist kein Feind der Vereinigten Staaten“, sagte Vizeaußenminister Carlos Fernández de Cossio der „New York Times“. „Was wir uns wünschen, ist eine konstruktive und respektvolle Beziehung.“

„Da sind wir aber immer noch“

Solineras in den Städten, Plastik-Destillerien auf dem Land, Solarpaneele auf Rikschas – all das zusammen ergibt kein Bild des Triumphs, aber auch keines des Zusammenbruchs. Es ist das Bild einer Gesellschaft, die in extremer Not nach Auswegen sucht und dabei auf Solidarität setzt, wo die Infrastruktur versagt.

In Havannas Fidel-Castro-Museum – wo zwar die Beleuchtung funktionierte, die Klimatisierung jedoch streikte – erklärte de Cossio der „New York Times“, dass die Stärke der kubanischen Gesellschaft der Hauptgrund dafür sei, dass bisher „der Punkt einer humanitären Krise noch nicht erreicht“ wurde. „In politischen Kreisen der Vereinigten Staaten herrschte die stillschweigende Erwartung, dass Kuba den April nicht überstehen würde. Doch da sind wir aber immer noch“, fügte er hinzu.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf Cuba heute. Wir danken für die freundliche Genehmigung zum Nachdruck.

Dieser Artikel ist für Sie kostenlos. Kritischer Journalismus braucht allerdings Unterstützung, um dauerhaft existieren zu können. Daher freuen wir uns, wenn Sie sich für ein Abonnement der UZ (als gedruckte Wochenzeitung und/oder in digitaler Vollversion) entscheiden. Sie können die UZ vorher 6 Wochen lang kostenlos und unverbindlich testen.



Spenden für DKP
Unsere Zeit