Dritter Verhandlungstag im Prozess gegen Polizisten, die Mouhamed Dramé getötet haben: Erschütternde Aussagen von Betreuern der Jugendhilfeeinrichtung

Eskalation nach Plan

Ob er denn überhaupt richtig sei bei der Polizei, erkundigt sich der Anrufer. Brauche es nicht eher einen Krankenwagen? „Nee, nee, da sind Sie bei uns schon ganz richtig“, antwortet der Beamte der Leitstelle.

Der Anrufer heißt Alexander Gast. Der Sozialarbeiter ist Teamleiter der Jugendhilfeeinrichtung in der Dortmunder Nordstadt, in der der 16-jährige Mouhamed Lamine Dramé seit wenigen Tagen untergebracht ist. Seinetwegen ruft Gast an jenem 8. August 2022 die Polizei. Mouhamed steht in einem Innenhof der Einrichtung und hält sich ein Messer an den Bauch. Gast hat Angst, der Jugendliche könne sich etwas antun.

Die Polizei rückt an, und kurz darauf ist Mouhamed tot: Von Kugeln durchsiebt, stirbt er im Krankenhaus.

Eineinhalb Jahre nach diesem Polizeimord müssen sich fünf der an dem Einsatz beteiligten Beamte vor Gericht verantworten. Am 17. Januar fand der dritte Verhandlungstag am Landgericht Dortmund statt. Gast und ein Kollege von ihm, der auf der Straße vor dem Innenhof gestanden hatte, um die Polizei einzuweisen, waren als Zeugen zur Beweisaufnahme geladen. Ihre Schilderungen zeigten: Die Polizei hatte ihren tödlichen Einsatz nach einem vorher festgelegten Plan eskaliert.

Auch der dritte Verhandlungstag beginnt mit deutlicher Verspätung. Das mediale Interesse ist etwas abgeflaut, das der Öffentlichkeit keineswegs. Wieder kommen nicht alle Besucher in den Gerichtssaal. Die, die es schaffen, müssen eine schikanöse Sicherheitskontrolle über sich ergehen lassen. Ihre Personalausweise werden gescannt, ihre Handys müssen ins Schließfach. Papier und Stift sind erlaubt – die Zahl der Stifte ist allerdings je Besucher auf zwei begrenzt.

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Das Interesse der Öffentlichkeit an diesem Prozess ist enorm. (Foto: Valentin Zill)

Kurz nach Beginn der Sitzung meldet sich Thomas Feltes. Der Polizeiwissenschaftler vertritt zusammen mit Rechtsanwältin Lisa Grüter die Nebenkläger, Mouhamed Dramés Familie. Die Nebenklage, sagt Feltes, lege Wert darauf, dass alle Zeugen persönlich gehört werden. Dann beantragt er, dass Dokumente und Fotos mittels der im Gerichtssaal vorhandenen Technik allen Anwesenden zugänglich gemacht werden. Nur die Fotos, die die Persönlichkeitsrechte von Mouhamed Dramé verletzten, seien davon auszunehmen. Das ermögliche die bestmögliche Beteiligung aller am Verfahren, auch der Medienvertreter, diene der Transparenz, der Rechtspflege und stärke das Vertrauen in den Rechtsstaat.

Oberstaatsanwalt Carsten Dombert teilt dieses Interesse offenkundig nicht. Er empfiehlt dem Schwurgericht, den Antrag abzulehnen. Die Verfahrensbeteiligten, und das sei die Öffentlichkeit nicht, könne die Bilder an der Richterbank anschauen. Dombert empfiehlt, den Antrag von Feltes und Grüter abzulehnen.

Der Vorsitzende Richter Thomas Kelm ordnet eine Sitzungsunterbrechung an und zieht sich mit seinen Kolleginnen und den Schöffinnen zur Beratung zurück. Als die Verhandlung knapp zwei Stunden später wieder aufgenommen wird, erklärt Kelm, das Gericht habe beschlossen, den Antrag der Nebenklage abzulehnen. Wie Dombert verzichtet er auf Argumente: Der Grundsatz der Öffentlichkeit gebiete nicht, Lichtbilder zugänglich zu machen, sagt er.

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Sie vertreten Mouhamed Dramés Familie: Rechtsanwältin Lisa Grüter (links) und Polizeiwissenschaftler Thomas Feltes (Mitte). (Foto: Valentin Zill)

Im Gespräch mit UZ kritisieren Feltes und Grüter diese Entscheidung später. An vielen Landgerichten sei es mittlerweile gang und gäbe, Fotos allen Anwesenden zu zeigen. In diesem Prozess gebe es 3-D-Bilder, die entscheidend seien, um den Tathergang zu verstehen. Zudem beschleunige es den Ablauf des Verfahrens, wenn der Vorsitzende Richter nicht jedes Mal Anwälte und Zeugen zu sich rufen müsse, um ihnen Bilder zu zeigen.

Die Nebenklagevertreter haben Recht, und das zeigt sich noch an diesem Nachmittag. Als ersten Zeugen bittet Richter Kelm Alexander Gast herein. Nur einmal kurz habe er Mouhamed Dramé gesehen, erzählt der Sozialarbeiter, und das sei am ersten Tag nach seinem Urlaub gewesen. Gast spricht mit ruhiger und fester Stimme, wirkt freundlich und bestimmt. Still und zurückhaltend habe sich Mouhamed verhalten. Gast schildert den Nachmittag des 8. August 2022. Er erzählt, wie ein Kollege ihn in den Innenhof gerufen habe. Dort habe Mouhamed an der Kirchwand gelehnt, nach vorne gebeugt, die Messerspitze an seinem Bauch haltend. Mindestens fünf Minuten lang habe er versucht, Mouhamed anzusprechen, doch habe der nicht reagiert. Mit seinen Kollegen habe Gast dann entschieden, die Situation nicht lösen zu können. Er ging in sein Büro und rief die Polizei. Den Einsatz verfolgte er vom Fenster aus. Sein Notruf wurde aufgezeichnet. Die Aufnahme endet nach den tödlichen Schüssen.

Richter Kelm könnte diese Aufnahme abspielen lassen. Stattdessen verliest er das Transkript. Vorher jedoch wird Gast befragt. Ob Mouhamed sich bewegt habe, bevor auf ihn geschossen wurde, habe er nicht gesehen, sagt er auf Nachfrage von Richter Kelm. Den an drei Seiten geschlossenen Innenhof hätte Mouhamed nur an einer bestimmten Stelle verlassen können. Man spürt, dass Gast sich Sorgen um seinen Schutzbefohlenen gemacht hatte. Nichts an seinen Aussagen deutet darauf hin, die Situation könne für andere gefährlich gewesen sein.

Der Verteidiger des mutmaßlichen Todesschützen Fabian S., Christoph Krekeler, fragt mehrfach nach, ob es Zweifel am Alter „des Herrn Dramé“ gegeben habe. Den Namen des Opfers spricht er falsch aus, mit Betonung auf der ersten Silbe statt auf der letzten, die er halb verschluckt. Gast verneint. Krekelers implizite Unterstellung, Mouhamed könne über sein Alter gelogen haben, ist infam und hat mit der Sache nichts zu tun.

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Drei der angeklagten Polizisten mit ihren Verteidigern. Christoph Krekeler (vorne links) verteidigt den mutmaßlichen Todesschützen Fabian S. (Foto: Valentin Zill)

Aus dem Transkript des Notrufs geht hervor, dass die Polizei wusste, dass Mouhamed Dramé am Tag vor seinem Tod in der LWL-Klinik in Dortmund war. Dort werden psychische Erkrankungen behandelt. Mouhamed hatte einen Polizisten auf der Straße angesprochen und ihn gebeten, ihn dort hinzubringen, weil er an Suizid denke.

„Ach du meine Güte, wird der getasert, der Arme?“ sagt Gast gegen Ende seines Notrufs. Das tue zwar immer weh, aber verletze nicht, behauptet der Beamte in der Leitstelle. Dann seien „schussähnliche Geräusche“ zu hören, liest Richter Kelm aus dem Transkript vor. „Ach du meine Güte!“ sind die letzten Worte darin, die Alexander Gast äußert.

Noch einmal wird der Teamleiter der Jugendeinrichtung befragt. Als der Vorsitzende Richter den Saal verlässt, um ein Foto zu suchen, witzelt ein Journalist: „Er geht aufs Klo, jetzt ist der Platz weg.“ Eine Anspielung darauf, dass Besucher, die während der Verhandlung zur Toilette müssen, riskieren, anschließend nicht mehr in den Saal zu kommen. Der halbe Saal lacht.

Das Foto findet Kelm nicht, der Zeuge müsse deshalb noch einmal kommen.

Dann bittet er den Kollegen von Gast herein. Es ist der Kollege, der Gast an jenem 8. August 2022 in den Innenhof gerufen hatte, und dann die Polizei einwies. Er hat den tödlichen Einsatz aus nächster Nähe mitbekommen. Mittlerweile arbeitet er nicht mehr in der Jugendhilfeeinrichtung. Er spricht leiser als Gast, zögerlicher, wirkt sichtlich mitgenommen.

Mouhamed habe er vier bis fünf Tage vor dessen Tod kennen gelernt, erzählt er. Anfangs habe der 16-jährige fröhlich gewirkt. Dramé habe sich für Fußball interessiert und an einem Probetraining mit Jugendlichen aus der Nachbarschaft teilgenommen. Der Sozialarbeiter berichtet, er habe nach einem Schulplatz in einem Berufskolleg für ihn gesucht, damit er dort nach den Sommerferien Deutsch hätte lernen können. Er habe sich in gebrochenem Schulfranzösisch mit Mouhamed unterhalten. Die Kommunikation mit Hand und Fuß habe geklappt.

Der Zeuge erzählt, ein Passant habe sie auf die Situation aufmerksam gemacht, als er mit anderen Jugendlichen der Einrichtung im Garten saß. Er sei dann in den Innenhof gegangen und habe Mouhamed an der Wand lehnen sehen, mit vorgebeugtem Oberkörper. Als er sich auf seine Höhe begeben habe, habe er das Messer gesehen und versucht, ihn anzusprechen. Dann habe er Kollegen informiert, Gast sei hinzu gekommen. Der Teamleiter ging ins Gebäude, um die Polizei zu rufen, und habe ihn auf die Straße geschickt, um die Polizei einzuweisen. Nach deren Eintreffen habe er die Krisensituation geschildert. Zwei der Beamten hätten sich dann besprochen. Der Einsatzleiter habe gesagt: Ansprechversuch starten, wenn das nicht funktioniert, Pfefferspray, wenn das nicht funktioniert, Taser. Zu dem mutmaßlichen Todesschützen habe der Einsatzleiter dann gesagt: Wenn das nicht funktioniert, bist du unsere letzte Chance. „Du bist unser last man standing.“

Das ist die planmäßige Eskalation einer statischen Lage.

Diesen Plan setzten die Polizeibeamten um. Der Sozialarbeiter schildert, der Ansprechversuch der Polizisten habe nicht funktioniert. Die Beamten hätten sich dann umgruppiert. Er habe das Kommando, Pfefferspray einzusetzen, mitbekommen. Mouhamed sei dann langsam auf die Beamten zu gegangen.

Später ergänzt der Zeuge auf Nachfrage, Mouhamed habe dabei nicht aufgebracht, sondern desorientiert gewirkt und die Hände nach unten gehalten.

Jemand habe „Tasern!“ gerufen. Er habe gesehen, dass eine Spitze des Tasers in Mouhamed steckte, und sich dann weggedreht. Dann seien die Schüsse gefallen. Mouhamed sei zu Boden gegangen und habe vor Schmerzen „gejohlt“. Der Einsatzleiter sei zum Mouhamed gegangen, habe ihn leicht in den Bauch getreten und gesagt, „Alles wird gut“. Der Zeuge erzählt auch noch, dass Mouhamed dann „fixiert“ wurde – mit Handschellen, das geht aus der Aussage seines Teamleiters hervor.

Richter Kelm ruft auch den zweiten Zeugen zu sich nach vorne, um ihm Bilder zu zeigen. Schnell ist die Richterbank umlagert. Das verunsichert den Zeugen. Kelm wird ungeduldig, wiederholt eine Frage immer wieder. „Sagen Sie doch einfach, Sie wissen es nicht!“, sagt Kelm, als er keine Antwort bekommt. Oberstaatsanwalt Dombert fragt den Zeugen, er habe doch von Beginn an klare Aussagen gemacht, wieso er jetzt so unklar bleibe? Eineinhalb Jahre sei der Vorfall jetzt her, antwortet der Zeuge unter Tränen. Es sei eine der schlimmsten Situationen seines Lebens gewesen, das habe ihn sehr mitgenommen. Richter Kelm entscheidet, die Befragung am 21. Februar fortzuführen.

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Vor dem Landgericht Dortmund informiert der Solidaritätskreis Justice4Mouhamed an jedem Prozesstag die Öffentlichkeit. (Foto: Valentin Zill)

Der nächste Prozesstag ist Mittwoch, der 31. Januar.

UZ berichtete bereits über den ersten und zweiten Verhandlungstag. Unsere Berichterstattung zum Polizeimord an Mouhamed Lamine Dramé haben wir hier gesammelt.



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