Sara Paretskys Privatermittlerin V. I. Warschawski sucht die „Kritische Masse“

Familienbande und Kettenreaktionen

Von Ellen Beeftink

Sara Paretsky

Kritische Masse

Aus dem Amerikanischen von

Laudan & Szelinski

Argument  + Ariadne Verlag

Hamburg 2018

539 Seiten, 24 Euro

Wien 1913. Alles beginnt mit einem Regenbogen. Die sechsjährige Martina Saginor ist ganz verzückt, als sie das Lichtspiel in Sophie Herschels Kinderzimmer entdeckt. Sie wird Physikerin, forscht zu Kernspaltung und sucht nach einem geeigneten Speicherträger für eine Rechenmaschine. 1930 bringt sie ihre uneheliche Tochter Käthe zur Welt.

Ein Jahrhundert später findet V. I. Warschawski in Illinois erst eine völlig verwüstete Farm, die offensichtlich als Drogenküche benutzt wurde, und dann eine Leiche im Mais. Ihre Freundin Lotty Herschel hatte sie gebeten, nach Judy Binder zu suchen. Judy ist die drogenabhängige Tochter von Käthe (jetzt Kitty), mit der Lotty in Wien gezwungenermaßen viel Zeit verbrachte und die sie 1940 nach dem rettenden Kindertransport nach England aus den Augen verlor. In Chicago kreuzten sich ihre Wege wieder und Lotty wurde quasi zur Ersatzmutter für Judy. Die soll zuletzt in einer WG in Illinois gewohnt haben. Und nun steht Vic bei brütender Hitze im wahrsten Sinne des Wortes in einer Müll- und Jauchegrube und sucht nach Hinweisen auf Judy.

Lange haben wir nichts mehr von Victoria Iphigenia Warschawski gehört. Jetzt ist sie wieder da. Und wie! Klar, auch sie ist in die Jahre gekommen. Starrsinn, Wagemut und Scharfsinn hat sie dennoch nicht verloren, an Impulskontrolle mangelt es ihr immer noch. Und so geht sie auch diesen Fall mit größtmöglichem Einsatz, dem ihr eigenen Einfühlungsvermögen und zur Not mit vollem Körpereinsatz und der Kanone im Anschlag an. Dabei hat sie mit allerlei Hindernissen zu kämpfen. Es gibt keine Spur, die zu Judy führen könnte, Zeugen lügen, die Leute auf dem Land reden nicht. Käthe/Kitty schon gar nicht. Ihr ist nicht das Geringste zu entlocken, nur um ihren Enkel Martin, den sie aufgezogen hat, ist sie besorgt. Martin, Judys Sohn, ist ein Computerspezialist und Mathematikass, der bei einem Elektronik- und Energieriesen beschäftigt ist. Auch er ist seit Wochen verschwunden.

Das Verschwinden von Mutter und Sohn muss miteinander zusammenhängen. Vic konzentriert sich auf die Suche nach Martin, da sie hier mehr Ansatzmöglichkeiten sieht. Nach ermüdenden Gesprächen, einem nicht ungefährlichen Besuch bei einem Drogendealer, dem Fund von Dokumenten von und über Martina Saginor, Martins Urgroßmutter, und der Durchsuchung ihrer Wohnung durch Agenten des Heimatschutzes mit anschließendem Schusswechsel ergeben sich für Vic folgende Thesen: 1. Martin rächt seine Mutter, indem er Drogendealer ermordet. 2. Er sucht nach seiner Familiengeschichte. 3. Er hat streng geheime Daten geklaut, um sie wahlweise zu verticken oder zu veröffentlichen. Und Vic muss feststellen: „Mein Denken war wie ein Koffer, bei dem an allen Seiten BH-Träger und Pulloverärmel herausquellen. Jede Idee, die ich hatte, hinterließ neue unverständliche lose Enden.“

In einem zweiten Strang erzählt Sara Paretsky die Geschichte Martina Saginors, einer brillanten Physikerin, die die Nazis in ihrem Atomprogramm ausbeuten, dann nach Theresienstadt und schließlich auf einen Todesmarsch nach Sobibor schicken. Das Vorbild für diese Figur ist die Österreicherin Marietta Blau, die die Erforschung kosmischer Strahlung maßgeblich beeinflusste und unbekannt im Exil in Mexiko starb. So ist „Kritische Masse“ auch ein Roman über die Atomphysik, an der Frauen in den 30er Jahren vor allem in Wien großen Anteil hatten. Und eine Geschichte über fortwährende Ausbeutung, Gewalt und Menschenverachtung unter dem Deckmantel von Forschung und Innovation. Von den Nazis über die Atomwaffenforschung der USA bis zu skrupellosen Hightech-Unternehmen, die für ihren Profit über Leichen gehen.

Vic gelingt es nach und nach, die losen Fäden zu verknoten, ohne dass auch nur einer verloren ginge. Am Ende stehen wir vor einem erschütternden Bild aus Egoismus, Geltungsdrang und Habsucht; Skrupellosigkeit, Ignoranz und Korruption. Souverän, plausibel konstruiert und absolut glaubwürdig setzt Sara Paretzky ihre Ermittlerin in Szene, hält durch kurze Kapitel über 500 Seiten die Spannung. Mit „Kritische Masse“ ist ihr ein großartiges Comeback gelungen. Weitere Titel sind in den USA schon erschienen und werden hoffentlich bald von Else Laudan, der Ariadne-Verlegerin, übersetzt werden. Und noch eine gute Nachricht für alle jüngeren Krimileserinnen, die nicht mit V. I. Warschawski in die Frauenkrimiwelt eingestiegen sind: Der Piper Verlag hat den ersten Band der Reihe „Schadenersatz“ neu aufgelegt, als e-book gibt es sogar mehrere alte Fälle zu lesen. Es lohnt sich immer noch, Leben und Arbeit der Privatermittlerin kennenzulernen.

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"Familienbande und Kettenreaktionen", UZ vom 15. März 2019



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