Hafenarbeiter streiken in Nordsee-Docks. UZ-Interview mit Malte Klingforth

„Unsere Abschlüsse sind gut, weil die Laufzeit kurz ist“

Das Gespräch führte Mirko Knoche

Am Montag und Dienstag verhandelten die Gewerkschaft ver.di und der Zentralverband der deutschen Seehafenbetriebe (ZDS) zum dritten Mal über höhere Löhne in den norddeutschen Seehäfen (Ergebnis nach UZ-Redaktionsschluss). Malte Klingforth ist stellvertretendes Mitglied der ver.di-Bundestarifkommission und Tarifbotschafter für diese Lohnrunde. Beschäftigt ist er beim Personaldienstleister Gesamthafenbetrieb (GHB) in Hamburg. In dessen Räumen tagten auch die Tarifparteien. UZ sprach mit Malte Klingforth über Erwartungen und Kampfbereitschaft der Belegschaften.

UZ: Die Hafenarbeiter an der Nordseeküste haben von der Nachtschicht am Montag vergangener Woche bis zur Spätschicht am folgenden Dienstag für mehr Geld gestreikt. Sie hatten zuvor das „finale“ Angebot der Hafenbetreiber zurückgewiesen. Was gefiel ihnen daran nicht?

Malte Klingforth: Abgelehnt wurde das Angebot vor allem, weil den Kollegen die Laufzeit zu lang ist. Unsere ursprüngliche Forderung hatte im Grunde drei relativ einfache Komponenten. Das war einmal eine Lohnerhöhung von 8,2 Prozent. Mindestens jedoch 2,50 pro Stunde mehr, damit die unteren Lohngruppen nicht weiter abgehängt werden. Und wir verlangen eine Laufzeit von zwölf Monaten. Das Angebot der Unternehmer von 5,1 Prozent hatte eine Laufzeit von 19 Monaten und keinen Sockelbetrag. Der fehlte.

UZ: Mindestbeträge sind eine regelmäßige Forderung der Gewerkschaften in Entgeltrunden. Wie haben die Hafenbetreiber das Auslassen eines Lohnsockels begründet?

Malte Klingforth: Sie wollen keine tabellarische Erhöhung um den Mindestbetrag, weil die Betriebe, die eher finanzschwach seien, auch überproportional viele Leute in den unteren Lohngruppen beschäftigen. Und die seien davon stärker betroffen als zum Beispiel die Containerbetriebe, wo Durchschnittslohngruppen von 7 oder 8 gängig sind.

UZ: Auch in den großen Containerterminals wird in niedrigeren Lohngruppen gearbeitet. Das betrifft beispielsweise die Lascher, die auf den Schiffen die Ladungssicherung der Container übernehmen.

Malte Klingforth: Die Lascher wurden in den letzten Jahrzehnten systematisch abgruppiert. Tätigkeiten, die früher in der Lohngruppe VI eingruppiert waren, sind jetzt in Gruppe III. Das Problem hier in Hamburg – anders als zum Beispiel in Bremerhaven – ist, dass die Laschereien historisch gewachsen eigenständige Betriebe sind. Mit der Containerisierung gerieten sie mehr und mehr in ein Ungleichgewicht gegenüber den Terminalbetreibern.

UZ: War der fehlende Sockelbetrag also auch ein Grund, warum die Docker in der Rückkopplung des letzten Angebots mit den Tarifbotschaftern die Unternehmerofferte zu über drei Vierteln abgelehnt haben?

Malte Klingforth: Das gesamte Angebot war unzureichend. Der größte Unmut richtet sich aber nach wie vor gegen die Laufzeit von 19 Monaten.

UZ: Umgerechnet auf ein Jahr sind 5,1 Prozent mehr dann nur noch 3,2 Prozent Lohnzuwachs. Der ZDS sagt jedoch, die Offerte sei besser als die Abschlüsse in der Chemieindustrie, der Energiewirtschaft und im Groß- und Außenhandel.

Malte Klingforth: Das ist kein Vergleich. Die Chemiebranche zum Beispiel schwächelt gerade enorm, während es in der Logistik und der maritimen Wirtschaft richtig nach vorne geht. Geld ist genug da. Und die Schwierigkeiten bei der Hamburger Hafen und Logistik AG (HHLA) sind selbstgemacht, so etwa wegen einer gescheiterten Automatisierung.

Zentraler Punkt bleibt aber: Bei uns in der Branche sind zwölf Monate Tariflaufzeit üblich. Schon in den letzten Jahren wurde davon abgewichen, deshalb müssen wir nun ein neues Normal verhindern. Die Kollegen verstehen, dass unsere guten Abschlüsse auch nur deshalb gut sind, weil die Laufzeit gering ist. Es kommt so einfach öfter zu Lohnsteigerungen.

UZ: Im größten deutschen Seehafen Hamburg ist rund die Hälfte der insgesamt 11.000 norddeutschen Docker beschäftigt. Wie lief der 24-stündige Warnstreik dort ab? Wer machte mit?

350301 Interview - „Unsere Abschlüsse sind gut, weil die Laufzeit kurz ist“ - Arbeitskampf, GHB, Malte Klingforth, Tarifrunde Seehäfen, ver.di, ZDS - Wirtschaft & Soziales
Malte Klingforth

Malte Klingforth: Alles stand weitestgehend still, selbst bei Betrieben, die in der Vergangenheit ein bisschen hakelig waren. Da haben wir dann die Streikposten verstärkt. Es ist zwar vereinzelt doch gearbeitet worden, aber flächendeckend eben nicht. So war in zwei von vier Terminals jeweils gerade eine Containerbrücke besetzt. Sonst ging gar nichts. Die Beteiligung lag bei über 90 Prozent, so schätzt es ver.di ein. Das war schon beeindruckend. Die Streikdemo selbst hatte ver.di mit 600 Leute angemeldet und es waren am Ende 2.100. Die Zahl halte ich nicht für zu hoch gegriffen. Es war ein recht langer Zug und auch wirklich sehr eng. Die Teilnahme war echt gut.

UZ: In dem relativ neuen Verfahren der Rückkopplung mittels Tarifbotschaftern werden die Belegschaften in den Entscheidungsprozess integriert. Sie beraten den Zwischenstand und sprechen sich dann für Konsequenzen aus. Was haben die Kollegen von der Verhandlungsrunde zu Wochenbeginn erwartet?

Malte Klingforth: Zunächst haben die Unternehmer mitbekommen, dass die Beteiligung der Mitglieder über drei Befragungsrunden hinweg immer besser wurde. Zuletzt war über die Hälfte aller Beschäftigten eingebunden. Und die haben klar ihre Streikbereitschaft gezeigt. Ich glaube, das hat auf der Gegenseite Eindruck hinterlassen. Deshalb gehe ich davon aus, dass die Hafenbetreiber verstehen, dass sie nochmal nachlegen müssen.

Fast alle Kollegen, mit denen ich gesprochen habe, teilten mir mit, dass 5,1 Prozent mehr Geld ein gutes Angebot seien, wenn sie denn über zwölf Monate ausgezahlt würden. Damit wären viele fein, besonders in den kleinen Betrieben. Dazu noch eine soziale Komponente, und sei es eben doch das Urlaubsgeld. Dann könnte die Kampfbereitschaft tatsächlich sinken.

UZ: Von den Unterschieden im Unternehmerlager war bereits die Rede. Wie macht sich das auf Beschäftigtenseite bemerkbar und wie reagiert die Gewerkschaft darauf?

Malte Klingforth: Ich gehe davon aus, dass die A-Zulage um mehr als die gebotenen 460 Euro pro Jahr erhöht wird. Denn die A-Betriebe, also die Containerterminals, können einfach mehr zahlen. Und die A-Zulage ist unser Versuch, die Lohntabelle über die gesamte Fläche zu halten. Die Alternative wäre, in den Containerbuden einfach auf Geld zu verzichten, damit wir die anderen nicht abhängen. Das fände ich nicht gerade glücklich. Aber zwei unterschiedliche Tabellen zu haben, ist dann auch der Einstieg darein, dass jeder für sich allein kämpfen muss. Das wäre eine Katastrophe.

UZ: Falls die Hafenarbeiter den Ausgang der dritten Verhandlungsrunde nicht für befriedigend halten, können sie nach dem 24-Stunden-Streik nochmal in den Arbeitskampf gehen? Oder wann ist die Luft raus?

Malte Klingforth: Das hängt sehr von den Tarifbotschaftern ab, weil jede Runde wirklich jedes Mal rückgekoppelt werden muss. Und wenn die Tarifbotschafter weiter die Flammen schüren, glaube ich, dass da eine Menge passieren kann. Ich sehe zwei Szenarien, wie die Unternehmer das aufhalten können. Entweder sie kriegen ein Angebot gestrickt, das die Containerbetriebe mit Geld überhäuft beziehungsweise die Fläche so bedenkt, dass es denen reicht. Dass also ein Teil der Belegschaften herausgebrochen wird. Oder es gibt ein Angebot, mit dem alle leben können. Wenn der ZDS aber den Druck erhöht, dann können wir das für weitere Warnstreikrunden auch. Dann können aus 24 Stunden Stillstand in den Seehäfen auch 48 Stunden werden. Das haben wir am Montag mit einer starken Kundgebung am Verhandlungsort verdeutlicht.

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"„Unsere Abschlüsse sind gut, weil die Laufzeit kurz ist“", UZ vom 28. August 2026



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