„Die Lohn- und die Lohnnebenkosten sind zu hoch.“ Wenn man dieser Endlosschleife aus den Vorstandsetagen und dem Berliner Regierungsviertel glaubt, dann sind die wahren Schuldigen der aktuellen wirtschaftlichen Misere längst ausgemacht. Es sind die Beschäftigten. Sie sind faul, ständig krank und noch dazu viel zu teuer. Hinzu kommt eine in der Arbeiterklasse angeblich weit verbreitete „Vollkasko-Mentalität“ – die Erwartungshaltung, dass der Sozialstaat wirkungsvoll vor den Lebensrisiken Arbeitslosigkeit, Krankheit und Pflegebedürftigkeit schützt und noch dazu ein würdevolles Leben im Alter garantiert. Am schlimmsten sind jedoch die Gewerkschaften, die selbst dann noch an der Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, am Achtstundentag und an tariflichen Standards festhalten wollen, wenn die Dividendenausschüttungen nicht mehr ins Unendliche steigen.
Folgt man dieser Logik, dann trägt nicht das Management die Verantwortung für seine Entscheidungen, Werke zu schließen und Arbeitsplätze abzubauen. Es sind die maßlosen Lohnabhängigen und ihre Gewerkschaften, die solche drastischen Maßnahmen notwendig machen. Die Lösung aus den Vorstandsetagen lautet dann auch folgerichtig: „Arbeitet mehr und länger, verzichtet auf Lohn und Sozialklimbim, dann verlagern wir vielleicht nur einen Teil der Produktion ins billigere Ausland.“ Wie sonst soll man den „Brandbrief“ mächtiger Kapitalvertreter verstehen, der in der vergangenen Woche medial die Runde machte. Zu den Unterzeichnern gehören die Chefs der Kapitalverbände der Metall- und Elektroindustrie aus Bayern und Baden-Württemberg sowie die Vorstände und Geschäftsführer namhafter Konzerne wie Audi, BMW, Mercedes-Benz, Porsche, Siemens, der Zulieferer Eberspächer und ZF Friedrichshafen.
Soweit die neoliberale Ideologie. Die volkswirtschaftlichen Fakten sprechen jedoch eine andere Sprache. Es ist zwar richtig, dass die durchschnittlichen Arbeitskosten pro Arbeitsstunde in Deutschland höher sind als in einer Reihe anderer Staaten. Gleichzeitig werden hierzulande aber auch mehr Güter und Dienstleistungen pro Arbeitsstunde geschaffen. Um seriös zu beurteilen, wie hoch die Arbeitskosten für deutsche Unternehmen im Vergleich zu denen in anderen Staaten tatsächlich sind, muss man diese Kosten daher ins Verhältnis zur Arbeitsproduktivität setzen.
Diese Lohnstückkosten sind hierzulande seit 2023 zwar auch etwas stärker gestiegen als in den Jahren zuvor. Betrachtet man jedoch einen längeren Zeitraum, dann zeigt sich, dass der Anstieg seit der Jahrtausendwende mit im Jahresdurchschnitt 1,9 Prozent vergleichsweise gering war und deutlich unter dem Eurozonen-Durchschnitt liegt. Zu diesem Ergebnis kommt eine aktuelle Studie des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) der Hans-Böckler-Stiftung. Zudem haben die stärkeren Zuwächse der vergangenen Jahre weitaus mehr mit einer schwachen Produktivitätsentwicklung in Deutschland zu tun als mit den Arbeitskosten.
Mit Arbeitskosten von 45,70 Euro pro Stunde in der Privatwirtschaft rangierte die Bundesrepublik Ende 2025 gerade einmal an siebter Stelle in der EU. An der Spitze im EU-Vergleich liegen Luxemburg, Dänemark und Belgien mit Beträgen zwischen 56,20 und 49,70 Euro. Auch beim Anstieg der Arbeitskosten verzeichnete Deutschland mit 3,4 Prozent gegenüber 4,3 Prozent im EU-Durchschnitt im Jahr 2025 den fünftniedrigsten Wert aller 27 EU-Länder. In der deutschen Industrie war die Zunahme mit 2 Prozent sogar EU-weit die geringste in diesem Wirtschaftssektor.
Das zeigt, dass Deutschland bezogen auf die Lohnkosten seit dem Jahr 2000 – entgegen allen Behauptungen neoliberaler Ideologen – sogar an „Wettbewerbsfähigkeit“ gewonnen hat, und der Exportüberschuss liegt seit mehr als 20 Jahren im dreistelligen Milliardenbereich. Dennoch sollen die arbeitenden Menschen „zur Senkung der Lohn- und Lohnnebenkosten“ Verzicht üben und der Sozialstaat weiter eingedampft werden. Wenn sich in ein paar Jahren dann noch die Tilgung der kreditfinanzierten Aufrüstung im Bundeshaushalt bemerkbar macht, wird die von der sozialdemokratischen Führung ausgegebene Parole „Butter und Kanonen“ endgültig wie eine Seifenblase platzen.
Für den 26. September rufen die Gewerkschaften zu Demonstrationen und Kundgebungen in 15 deutschen Großstädten auf. Das ist der erste Schritt, um Widerstand in die Betriebe zu tragen. Die DKP beteiligt sich an den DGB-Aktionen und zeigt den Zusammenhang des Generalangriffs auf unsere sozialen Errungenschaften und der Kriegsvorbereitung auf.
Weitere Informationen online hier.









