Palästinenser fordern „Recht auf Rückkehr“

Gegen die „Katastrophe“

Von Manfred Ziegler

Al-Nakba, die Katastrophe – das war die Flucht und Vertreibung von etwa 700 000 arabischen Palästinensern, als am 14. Mai 1948 Israel seine Unabhängigkeit erklärte. Die Palästinenser fordern bis heute das Recht auf Rückkehr. Die Flucht oder die, wie die israelischen Historiker Benny Morris und Ilan Pappe es nennen „ethnische Säuberung“, war erst der Beginn der Katastrophe. 70 Prozent der Einwohner von Gaza oder 1,3 Millionen Menschen gelten heute als Flüchtlinge. Die Arbeitslosigkeit ist ein Alptraum: Die Arbeitslosenrate beträgt 46 Prozent, bei jungen Menschen unter 30 Jahren beträgt sie bis zu 65 Prozent.

Der Abzug Israels im Jahr 2005 hat Gaza in ein Gefängnis verwandelt. Ein Gefängnis, das immer wieder bombardiert wird. Die Angriffe im Rahmen der Operation „Cast Lead“ und später „Protective Edge“ töteten mehr als 2 600 Palästinenser, die meisten Zivilisten.

Die Situation in Gaza ist so unerträglich, dass ein UN-Bericht schon 2012 warnte, Gaza sei spätestens 2020 unbewohnbar. 2 Millionen Menschen leben in einem Käfig, die meisten von ihnen junge Menschen ohne Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Gaza liegt abseits der heiligen Stätten und der gesuchten Bars von Jerusalem und Ramallah – niemand interessiert sich dafür.

Mehrere Organisationen in Gaza riefen zu einem „Marsch der Rückkehr“ auf. Die Proteste, die am Karfreitag begannen und bis zum 15. Mai, dem Jahrestag der Nakba, andauern werden, wurden über Monate vorbereitet. Die Proteste sollten friedlich und gewaltfrei sein. Am Vorabend der Proteste rief die Hamas die Palästinenser dazu auf, friedlich am „Großen Marsch der Rückkehr“ teilzunehmen, um das Ziel zu erreichen.Es wurden Zelte errichtet, Zehntausende nahmen an den Demonstrationen teil. Die israelische Armee setzte Scharfschützen ein, am ersten Tag wurden 18 Palästinenser getötet, über Tausend verletzt.

Seit Ende März sind 40 Palästinenser getötet und mehrere Tausend verletzt worden. Die einzige Hilfe gegen die Scharfschützen sind brennende Autoreifen, deren Qualm die Sicht auf die Demonstranten erschwert. Neben scharfer Munition setzt die israelische Armee Überwachungsflugzeuge und Tränengas in großen Mengen ein. Besonderes Ziel sind Medienvertreter. Der brutale Gebrauch von scharfer Munition gegen Demonstranten hat mehr Aufmerksamkeit als gewöhnlich auf den Gaza-Streifen gelenkt – ohne Folgen. Mittlerweile verlangt die Palästinensische Autonomiebehörde internationalen Schutz. Die israelische Regierung – unterstützt von den USA – lässt sich davon nicht beeindrucken.

Der Abgeordnete der israelischen linksliberalen Meretz-Partei, Mossi Raz, forderte einen sofortigen Waffenstillstand am Gazastreifen und kritisierte den Einsatz von scharfer Munition. Auch die israelische Menschenrechtsorganisation B‘Tselem hatte bereits im Vorfeld den Einsatz von scharfer Munition verurteilt.

Der dokumentierte Jubel israelischer Scharfschützen über einen Treffer auf einen unbewaffneten Demonstranten zeigt, wie weit rassistisches Denken in Armee und Regierung verbreitet ist.

Der „Marsch der Rückkehr“ wird bis zum 15. Mai, dem Gedenktag der Nakba, fortgesetzt.

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"Gegen die „Katastrophe“", UZ vom 27. April 2018



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