Die Äußerung saß. Bei einem der Gespräche, die Xi Jinping vergangene Woche in Peking mit Donald Trump führte, lenkte Chinas Präsident das Thema auf die Geschichte. Sein Land blicke auf die „mehr als fünftausend Jahre alte chinesische Zivilisation“ zurück, erklärte er trocken, um anschließend darauf hinzuweisen, dass sich „in diesem Jahr die amerikanische Unabhängigkeit zum 250. Mal jährt“. Nun wird man dem Ballsaalkönig von der Baustelle in Washington kein besonders vertieftes Geschichtsbewusstsein unterstellen wollen. Doch der Unterschied zwischen 250 und 5.000 spricht für sich. Wie Trump auf Xis unwiderlegbare Äußerung reagierte, ist nicht bekannt. Seinen Stolz befeuert hat sie wohl nicht.
Aus US-Sicht ist das Gipfeltreffen, das wegen des Irankriegs mit mehrwöchiger Verspätung stattfand, weitgehend erfolglos verlaufen. Trump hatte vor, Peking zu veranlassen, Druck auf den Iran auszuüben; so wollte er im Nuklearkonflikt oder im Streit um die Straße von Hormus Fortschritte erzielen. Niemand kann wissen, ob die Volksrepublik hinter den Kulissen in Teheran intervenieren wird. Öffentliche Unterstützung erhalten hat Trump jedenfalls nicht. Die Handelsvereinbarungen, auf die der US-Präsident gesetzt hatte, fielen ebenfalls dünner als gedacht aus. Dass China 450 Flugzeugmotoren von General Electrics und eine nicht genannte Menge an US-Öl erwerben werde, ist von Peking ebenso wenig bestätigt worden wie der Kauf von Boeing-Flugzeugen. Als Trump prahlte, die Volksrepublik werde 200 Maschinen importieren, ließ er damit aus Versehen die Boeing-Aktie um mehr als 4 Prozent abstürzen: Beobachter hatten mit einer chinesischen Kaufzusage für 500 Flugzeuge gerechnet.
Eine echte Schlappe fuhr Washington zudem in puncto KI-Halbleiter ein. Erst im Dezember hatte Trump die Lieferung bestimmter Nvidia-Chips in die Volksrepublik wieder erlaubt. Auf seiner Reise nach Peking ließ er sich zudem von Nvidia-Chef Jensen Huang begleiten; der legte es darauf an, sein Chinageschäft wieder in Schwung zu bringen: Den größten Markt der Welt verliert niemand gern. Nur: Die Volksrepublik macht bislang keinerlei Anstalten, zum Kauf von Nvidia-Chips zurückzukehren, sie setzt mit aller Kraft auf die Entwicklung eigener KI-Halbleiter. Das mag zur Zeit noch aufwendig und ein wenig beschwerlich sein; langfristig verhilft es zur Eigenständigkeit. Für Nvidia wiederum wachsen in China neue, mächtige KI-Chip-Rivalen heran.
Das Thema Taiwan wurde für Trump gleich nach dem Treffen zum Desaster. Xi hatte ihn gewarnt, „bei ungeschickter Handhabung“ könne es die Beziehungen zwischen den beiden Ländern „in eine sehr gefährliche Lage bringen“. Diskutiert wurden auch Waffenlieferungen der USA an Taiwan, die Peking scharf kritisiert. Zurück in Washington, erklärte Trump nun, er halte die Waffenlieferungen ganz bewusst „in der Schwebe“; sie seien für ihn „sehr gute Verhandlungsmasse“. Das war in gleich mehrfacher Hinsicht ein Eigentor. Zum einen waren aus Taipeh entsetzte Reaktionen zu hören, dass milliardenschwere Waffenlieferungen, von denen man sicher war, man könne auf sie nicht verzichten, zur „Verhandlungsmasse“ erklärt wurden. Zum anderen erwies Trump sich damit für mit den USA verbündete Staaten in Ost- und Südostasien als nicht verlässlich. Diplomatisch war das für Washington ein GAU, für Peking entsprechend ein Gewinn.
Bliebe noch festzuhalten, dass beide Seiten der Öffentlichkeit zwar völlig unterschiedliche Berichte über den Gipfel übermittelten, dass sie sich aber in einem einig waren: Man habe, so hieß es, „strategische Stabilität“ angestrebt. Der Begriff besagt: Es gibt schwere Konflikte, und man versucht, sie systematisch einzuhegen. Oder, wie es Mikko Huotari, Direktor des Mercator Institute for China Studies (MERICS) in Berlin, schon vorab erklärte: Man hat „das gemeinsame Interesse, einen offenen Krieg zu vermeiden – und beide Systeme bis dahin und dafür robust aufzustellen.“ „Die eigentliche Agenda“ sei „das Härten der Systeme beider Seiten“. Liegt Huotari richtig – und dafür spricht viel –, dann war das Gipfeltreffen in Peking nur der nächste Zwischenschritt auf dem Weg zum großen Krieg.









