Gekaufter Zeuge

Dies sollte der Wendepunkt im Fall Julian Assange sein: Sigurdur Ingi Thordarson, Hauptbelastungszeuge der Anklage im Punkt „Teenager, Manning und NATO-Land 1“ hat gelogen. In einem Interview mit der isländischen Zeitung „Stundin“ hat Thordarson zugegeben, dass er sich für 5.000 Dollar und das Versprechen auf Immunität – unter anderem für Missbrauch Minderjähriger und Finanzbetrug – dem FBI als Informant angetragen habe.

Weil eine solche Behörde schließlich was sehen will für ihr Geld und ihren Schutz vor Strafverfolgung, hat Thordarson gelogen. Er hatte behauptet, dass er (in der Anklageschrift als „Teenager“ bezeichnet) mit Assange einen Versuch unternommen habe, eine aus einer isländischen (Anklageschrift: „NATO-Land 1“) Bank gestohlene Datei zu entschlüsseln. Diese Aussage hatte die Anklage als „Beweis“ gegen Assange für kriminelles Hacking vorgelegt.

Thordarson, der als 17-jähriger ehrenamtlich für Wiki­Leaks gearbeitet hatte, gibt in dem Interview zu, dass er für Hacking-Versuche auf isländische Einrichtungen verantwortlich sei. Nur habe das alles nichts mit der Enthüllungsplattform oder ihrem Gründer Assange zu tun gehabt. 2013 und 2014 wurde Thordarson in Island unter anderem wegen der Verbrechen verurteilt, für die das FBI ihm Immunität versprochen hatte. Ein Gerichtsgutachten bescheinigt ihm Soziopathie, aber Schuldfähigkeit. Der damalige isländische Justizminister Ögmundur Jónasson sagte zu den Aktivitäten der US-Behörden in seinem Land: „Sie haben versucht, Dinge hier zu benutzen und Leute in unserem Land zu benutzen, um ein Netz zu spinnen, ein Spinnennetz, das Julian Assange fangen würde.“

In Deutschland berichtete übrigens nur die „junge Welt“ über die Enthüllungen. Alle anderen stürzten sich auf die private Nachricht, dass Assange im Knast heiraten möchte. Dass die „Beweise“ für seine „Verbrechen“ erlogen sind, interessiert nicht.

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Über den Autor

Melina Deymann, geboren 1979, studierte Theaterwissenschaft und Anglistik und machte im Anschluss eine Ausbildung als Buchhändlerin. Dem Traumberuf machte der Aufstieg eines Online-Monopolisten ein jähes Ende. Der UZ kam es zugute.

Melina Deymann ist seit 2017 bei der Zeitung der DKP tätig, zuerst als Volontärin, heute als Redakteurin für internationale Politik und als Chefin vom Dienst. Ihre Liebe zum Schreiben entdeckte sie bei der Arbeit für die „Position“, dem Magazin der Sozialistischen Deutschen Arbeiterjugend.

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"Gekaufter Zeuge", UZ vom 2. Juli 2021



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