„Es gibt einen Unterschied zwischen Angriff und Verteidigung“, erklärt knapp die emeritierte Professorin für Geschichte Sofia Saadeh in Beirut. Libanon habe das Recht, sich gegen die Angriffe aus Israel zu verteidigen. Die Armee könne das Land nicht verteidigen, weil sie nie Waffen erhalten habe, um Israel abzuschrecken und von Angriffen oder Einmärschen abhalten zu können. Die Hisbollah habe das mit eigenen Kräften und einer Guerillataktik 2000 erreicht, als die israelische Armee nach 18 Jahren Besatzung abzog. Der Süden „gehöre“ weder dem Iran noch der Hisbollah, wie manche es der Organisation vorwerfen, sagt Marie Debs, langjähriges Mitglied im ZK der Kommunistischen Partei Libanons. „Hisbollah – das sind nicht nur Kämpfer, Hisbollah sind auch die Bewohner des Landes. Sie sind dort geboren, sie leben und arbeiten dort. Bauern, Arbeiter, Frauen, Lehrer, Ärzte. Sie verteidigen ihr Land.“
Am 4. Juni hat die Europäische Union erklärt, der libanesischen Armee zusätzlich 100 Millionen Euro zur Verfügung zu stellen, „um den libanesischen Staat zu stärken“. Libanon müsse „seine Institutionen stärken“, um den „Drohungen der Hisbollah entgegenzuwirken“, so die EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas. Die EU wolle dem libanesischen Staat helfen, „sein Monopol auf Waffengewalt wiederherzustellen“.
Vertreibung, Tod und Teuerung
Das Leben im Libanon ist von Unsicherheit geprägt. Vertreibung, Tod, Verlust der Lebensgrundlagen, Teuerung, Arbeitslosigkeit bestimmen den Alltag. Mehr als 1,2 Millionen Menschen – fast ein Viertel der gesamten Bevölkerung – ist vor Angriffen und der anhaltenden Vertreibung Israels geflohen. Während Diplomaten in Washington zusammensitzen und eine „Waffenruhe“ verkünden, werden im Libanon die Menschen familienweise getötet. Einen Tag trifft es die Familie Abdallah, in der Nähe von Al Khiam, wo sie gemeinsam das Eid-al-Adha-Fest, das islamische Opferfest, feiern wollten. Vater, Mutter zwei Söhne und zwei Töchter im Alter zwischen 6 und 20 Jahren werden bei einem israelischen Angriff auf ihr Haus getötet. Der 13-jährige Ahmed überlebt, doch sein Leben wird niemals mehr so sein, wie er es kannte.
Darüber berichtet auch der Arzt und Chirurg Ghassan Abu Sitta in Beirut. Seit Jahrzehnten arbeitet er mit kriegsversehrten Kindern in Jemen, Irak, Syrien, immer wieder in Gaza und nun auch im Libanon. Er hat viele Kriegsverletzungen gesehen, aber erst seit dem letzten Gazakrieg und nun im Libanon müssen Kinder versorgt werden, die ihre komplette Familie verloren haben, sie seien physisch und psychisch verletzt. CWSFM habe er in Gaza auf ihre Krankenakten geschrieben, „Child without surviving family member“, Kind ohne überlebende Angehörige. Die Kinder würden zu Hause oder im Auto verletzt, wenn sie versuchten vor einem Angriff zu fliehen. „Diese Verletzungen sehen wir auch jetzt bei den libanesischen Kindern in diesem Krieg. Alle wurden zu Hause oder auf der Flucht im Auto verletzt. Die Verletzung ist nicht nur physisch, sondern diese Kinder sind emotional, sozial und existenziell verletzt. Die Welt dieser Kinder ist untergegangen. Die Welt, die sie kannten, gibt es nicht mehr. Ihr Zuhause, ihre Familie, ihre Nachbarschaft, ihre Geschwister, ihre Schule, alles gibt es nicht mehr.“ Das Behandlungsteam in der Klinik müsse sich absprechen, „wie diese Kinder angesprochen werden, wenn sie in der Intensivstation aufwachen. Wie sagt man ihnen, dass ihre Geschwister getötet wurden, dass ihre Eltern getötet wurden? Wir müssen das in Zusammenarbeit mit der Person machen, die von der Familie überlebt hat. Und wir müssen es richtig machen.“
Ganze Familien ausgelöscht
Ghassan Abu Sitta ist ein Kritiker der Staaten, die Israel seit Beginn des Gazakrieges unterstützt haben. Diese Staaten auch aus Europa nennt er „Achse des Völkermords“. Ob Großbritannien, Italien, die USA oder Deutschland, alle und mehr hätten Israel unterstützt. „Israel bleibt eine Siedlerkolonie des westlichen Imperialismus. Darum wird es von den westlichen Staaten unterstützt. Es gebe keinen Grund, mit seiner Kritik zurückhaltend zu sein, so der Arzt. In Gaza seien „22.000 Kinder völlig straffrei ermordet worden. 64.000 Kinder wurden zu Waisen gemacht.“ Seit Beginn des Krieges im Libanon seien in der Klinik der Amerikanischen Universität Beirut mehr als 1.400 Kinder behandelt worden.
Eine weitere sechsköpfige Familie wird in der Nacht auf den 1. Juni in ihrem Haus in Marwanieh (Sidon) getötet. Am gleichen Abend tötet eine israelische Drohne einen Mann, seine Tochter und einen Verwandten in ihrem Auto in Nabatieh. Sie waren auf dem Rückweg von Sidon, wo die Tochter ihre schriftlichen Semesterabschlussprüfungen absolviert hatte. Bei einem Angriff auf das Jabal Amel Krankenhaus in Tyros wurden am gleichen Tag 12 Menschen getötet und mehr als 120 verletzt.
Seit dem 2. März wurden nach Angaben des libanesischen Gesundheitsministeriums in Beirut vom 7. Juni bei israelischen Angriffen mindestens 3.613 Personen getötet und mindestens 11.072 verletzt. Unter den Toten sind 128 Rettungssanitäter. Die meisten waren im Einsatz, sie versuchten zu helfen oder waren im Rettungswagen zu einem Einschlagsort unterwegs.
„Wir werden alle zurückkehren“
Journalisten werden zu Tode gejagt, wie Amal Khalili, die für die Tageszeitung „Al Akhbar“ gearbeitet und wiederholt Morddrohungen von israelischen Absendern erhalten hatte. „Sie war eine gute Freundin von mir“, sagt Bilal Kashmar und sucht auf seiner Kamera nach einem Foto, das Amal Khalili und ihn in einer Gruppe Journalisten bei einer Pressekonferenz unter freiem Himmel zeigt. Er sucht weiter und zeigt dann ein Video, auf dem eine Rakete vor ihm einschlägt und explodiert: Metallstücke, Staub, Flammen, dann sieht man, wie sich die Kamera von dem Ort des Geschehens entfernt. Kashmar ist Journalist und arbeitet freiberuflich für lokale Medien, für AFP, MBM und Palestine Today.
Seit Kriegsbeginn koordiniert er zusätzlich auch die Medienarbeit der Union der Gemeinden von Tyros, die die Inlandsvertriebenen aus dem Süden des Landes versorgen. Im aktuellen Krieg gebe es „sehr, sehr viel weniger ausländische Hilfsorganisationen als bei früheren Konflikten“, sagt er. „Das hat natürlich politische Gründe.“ Der Journalist führt die Gründe nicht weiter aus, doch schon an anderer Stelle hat die Autorin gehört, dass vor allem europäische Regierungen nicht helfen wollen, weil Hisbollah und Israel involviert seien. Israel sieht Hilfe für die libanesische Bevölkerung im Süden als Hilfe für Hisbollah an. Diese Sichtweise wird von Verbündeten Israels in den USA oder Europa nicht zugegeben, aber offenbar doch übernommen.
Journalisten im Visier
Je näher die israelischen Angriffe rückten, desto weniger ausländische Journalisten seien noch in Tyros, sagt Bilal Kashmar. Es sei wichtig, dass es Fotos und Berichte aus ihrem Gebiet gebe, doch „ändern werden sie nichts“. Die Zeit des Vietnamkrieges, als Berichte von Journalisten über Gräueltaten und Kriegsverbrechen noch einen Krieg stoppen konnten, diese Zeit sei vorbei. Neue Waffen, politische Rücksichtslosigkeit, Missachtung internationalen Rechts und der Vereinten Nationen bestimmten das Geschehen. In Europa, auch in Deutschland gehe es um Aufträge für die Rüstungsindustrie. Und diejenigen, die angegriffen werden, dächten auch nur daran, Waffen zu bekommen, mit denen sie sich wehren und ihr Land verteidigen könnten. „Wir hatten immer Sympathien für Europa und fühlten uns den Gesellschaften dort nahe“, so der Journalist. „Aber jetzt sehen wir niemanden von ihnen hier, bei uns.“ Er überlegt einen Moment und entschuldigt sich dann für das, was er sagen wird: „Sie kommen aus Deutschland, also muss ich Ihnen sagen, dass nicht wir es waren, die die Juden bekämpft und vertrieben haben. Das ist Ihr Problem“, fügt er hinzu. Im Libanon verteidige man sich gegen ein siedlerkoloniales Regime, dass das Land Palästina und Libanon besetzen wolle. „Und keine Frage,“ sagt Bilal Kashmar, der aus einem Dorf südlich von Tyros stammt. „Wir alle werden wieder in unsere Dörfer zurückkehren. Wir alle.“
Israel ist das Problem
Der erste israelische Überfall auf Libanon war im Jahr der Gründung des Staates Israel, im Oktober/November 1948. Im südlibanesischen Ort Houla töteten Soldaten der neu gegründeten israelischen Armee bis zu 58 Jugendliche und Männer, die jüngsten waren 15 Jahre alt. Sie sperrten sie in ein Haus, erschossen sie und sprengten das Haus mit den Leichen in die Luft. 1978 marschierte Israel militärisch ein, 1982 rückten noch mehr israelische Truppen bis nach Beirut vor. Erst 2000 zog Israel aufgrund des militärischen Widerstandes der Hisbollah und anderer Organisationen aus dem Südlibanon ab. 2006 marschierte es erneut in den Libanon ein, dann wieder 2024 und 2026.
„Unser Dorf, unser Land liegen uns am Herzen“, erzählt die 71-jährige Zeinab Ridha. „Wir sind alle traurig, weil wir nicht wissen, ob und wann wir in unser Dorf zurückkehren können.“ Die Frau stammt aus Markaba, direkt an der Grenze zu Israel. Sie habe als Buchhalterin gearbeitet, später sei sie zurück ins Dorf, nach Markaba, gegangen und habe mit Mutter und Schwester auf einem Hof gelebt, der ihnen gehört habe. Sie bauten Kräuter und Gemüse an, genug für die kleine Familie. Von ihrem Bruder hätten sie monatlich etwas Geld bekommen. Seit der Krieg 2024 begonnen habe, sei sie drei Mal geflohen. So schlimm wie jetzt sei es noch nie gewesen. Sie sei mit ihrer Schwester erst nach Südbeirut geflohen, wo sie Familie hatten. Weil auch dort bombardiert wurde, seien sie alle zum Stadion gezogen. Die Familie mit 14 Personen lebe jetzt in drei Zelten. Das „Stadion“ ist das größte Stadion von Beirut, das Camille-Chamoun-Stadion. Zum Zeitpunkt des Gesprächs wurden dort vom Libanesischen Roten Kreuz 1.360 Personen versorgt, 300 Familien.
Nichts könne sie jetzt tun, nur warten, sagt Zainab Ridha. Sie kümmere sich um die Kinder ihrer Nichten und Neffen. Alles was sie wolle, sei nach Hause zu gehen und endlich in Frieden zu leben. Die anderen Staaten der Welt müssten eine Lösung für das Problem finden. Was das Problem sei? Israel, seit mehr als 80 Jahren. Sie und ihre Familie hätten alles erlebt. Immer wieder sei Israel in den Libanon eingefallen und habe versucht, sie zu vertreiben. Donald Trump sage immer, er wolle Frieden machen, und beginne einen Krieg nach dem anderen.
Wer zahlt den Preis?
Auch im Chouf-Gebirge südöstlich von Beirut finden Flüchtlinge aus dem Südlibanon Zuflucht. Der Ort Beissour liegt auf rund 900 Meter Höhe über dem Mittelmeer und ist wegen der frischen Luft und den umliegenden Pinienwäldern ein beliebter Ferienort. Hier leben Drusen und Christen, die Vertriebene und Hilfesuchende nicht abweisen. Die meisten der 4.500 Inlandsvertriebenen im Ort hätten eine Wohnung gefunden oder seien von Familien als Gäste aufgenommen worden, erzählt ein Schulleiter bei einer Tasse schwarzem Kaffee. Weil er keine Genehmigung hat, darf er kein offizielles Interview geben. Aber gegen ein Gespräch – anonym – habe er nichts einzuwenden. Nur in einem Schulgebäude seien 247 Personen aufgenommen, es sei die einzige Notunterkunft im Ort.
Wenn es um Libanon gehe und um die Vertriebenen, stehe Helfen immer an erster Stelle. Die meisten Libanesen seien im Laufe ihres Lebens schon einmal von israelischen Truppen vertrieben worden, sagt der Schulleiter. Auch Beissour wollten die Israelis 1982 einnehmen, doch sie alle – Drusen und Christen – hätten sich ihnen entgegengestellt. Aktuell sei die Lage im Libanon schwierig, weil es enormen Druck von außen gebe. „Wir sind mit starker Einmischung konfrontiert, aus politischem Interesse.“ Die ausländischen Kräfte, die sich einmischten, suchten sich jedes Mal wieder Führer innerhalb des Landes, die sie für ihre Interessen nutzen könnten, fügt er hinzu: „Führer von Familien, von Unternehmen, von Religionen, von Parteien.“ Die würden dann mit Macht und Geld – und natürlich mit ausländischen Pässen – unterstützt.
Die Libanesen, die Bevölkerung allgemein habe damit nichts zu tun, seufzt er. Sie seien diejenigen, die den Preis bezahlen müssten. Auf die Frage, welches das größte Problem für den Libanon sei, die Religion oder die ausländische Einmischung, sagt auch der Schulleiter nach einer kurzen Denkpause: „Israel ist unser zentrales Problem. Seit meiner Kindheit ist Israel hier viele Male einmarschiert, und mit jedem Mal ist die Einmischung und sind die Probleme im Libanon größer geworden. Ich sage dazu nur eins: Wer mein Land besetzt, ist mein Feind.“

Karin Leukefeld war von April bis Mai im Libanon. Ende August kommt sie zu den UZ-Friedenstagen nach Berlin. Gemeinsam mit Joachim Guilliard (Bundesausschuss Friedensratschlag) und UZ-Autor Manfred Ziegler diskutiert sie über die Hintergründe zum Krieg in Westasien.









