Über deutsche Staatsmedien in der Vorkriegszeit

Gratispropaganda

Wer macht die Nachrichten? Wer bestimmt, was in fünf Minuten Radio-News stündlich zu hören ist? Wie läuft der redaktionelle Diskussionsprozess, wenn über die „Sorge der NATO über russischen Aufmarsch“, aber nicht über „Defender 21“ vor Russlands Grenzen informiert wird? Wo bleiben Logik und Zusammenhang? Ist Kontext für heutige Medienleute ein Begriff, mit dem sie etwas anfangen können?

Da „die Nachrichten“ in der Regel von internationalen Nachrichtenagenturen gekauft werden, gleichen sie sich am Ende fast unabhängig davon, von welchem Land der „westlichen Welt“ sie übernommen werden. Insofern ist das, was letztlich gesendet wird, weniger interessant als das, was nicht gesendet wird. Zu dem „Tagesschau-Programm“ des Kabarettisten Dietrich Kittner gehörte deshalb regelmäßig die Meldung: „Drei Themen beherrschten heute die internationale Politik. Mehr dazu bei ausländischen Sendern.“

So geschieht es, dass in Kolumbien die nach dem Friedensschluss mit den FARC eingerichtete staatliche Sondergerichtsbarkeit im Februar veröffentlichte, dass die Zahl der zwischen 2002 und 2014 willkürlich von der Armee ermordeten und dabei fälschlich als Guerilleros ausgegebenen Menschen nicht, wie früher zugegeben, bei 2.248, sondern bei 6.402 lag. 6.402 ermordete Menschen – getötet nur, um ein paar Tage Sonderurlaub zu bekommen – schaffen es in Deutschland in keine Nachrichtensendung; kommt ein Rapper in Kuba in Polizeigewahrsam, ist das ein Fall für die Hauptnachrichten. Nicht herauszufinden ist auch, warum ein UZ-Pressefest mit zehntausenden Teilnehmenden im Westdeutschen Rundfunk gar nicht, eine fünfzigköpfige „Falun-Gong“-Demonstration gegen die chinesische Regierung dagegen mehrfach vermeldet wird. Faszinierend auch die Logik, mit der in derselben Nachrichtensendung „Staatsmedien“ willkürlich angegriffen werden, wenn sie etwa russisch sind, aber gegen AfD und Pegida wacker verteidigt werden, wenn sie vom hiesigen Staat kontrolliert werden.

Besagter WDR hat am 21. April nun eine Art kostenlose Werbemeldung erfunden – eine Nachricht musste erst zu einer gemacht werden. So wurde staatsmedial stündlich eine „heute in Düsseldorf stattfindende“ Demonstration von „Freies Russland NRW“ für „Regimekritiker Nawalny“ beworben. Als dann die Polizei trotz allem nur hundert Teilnehmer ausmachte, wurde diese Zahl im anschließenden WDR-Bericht verdoppelt. Das macht man auch nicht für alle Regimekritiker.
Es ist Vorkriegszeit.

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"Gratispropaganda", UZ vom 30. April 2021



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