Ein vorläufiger Rückblick auf die Fußball-Europameisterschaft der Herren

Heuchelei Sieben – Sport Null

1:0 Für den Sechzigsten hatte sich der europäische Fußballverband (UEFA) etwas ganz Besonderes ausgedacht: Die „UEFA Euro 2020“, wie die EM offiziell heißt, sollte in Stadien auf dem gesamten Kontinent ausgetragen werden. Die Spielorte reichen von der aserbaidschanischen Hauptstadt Baku bis ins schottische Glasgow, dem ehemaligen Leningrad bis nach Sevilla in Südspanien. Dass eine solche Ausrichtung mit vielen Flugreisen verbunden ist, die ja nicht mehr so gern gesehen sind, hatte auch die UEFA frühzeitig erkannt und verkündet, dass das Turnier das umweltfreundlichste aller Zeiten werden sollte. Wahrscheinlich wurden deshalb VW, Qatar Airways, der russische Energiekonzern Gazprom und der Logistikdienstleister FedEx als Sponsoren gewonnen. Schon vor Beginn stand es damit 1:0 für die Heuchelei.

2:0 Dass die EM 2020 im Jahr 2021 ausgetragen werden musste, ist einem kleinen Virus zu verdanken. Da der Anpfiff kurz nach Abflauen der ungefähr dritten Welle standfand, spielte das Virus auch noch mit. Wie voll kann ein Stadion in Pandemie-Zeiten sein? Antwort deutscher Kommentatoren: Es hängt davon ab. In Budapest sind es zu viele Fans, in München ist alles richtig, für die Endrunde muss London mehr rein lassen, vor allem müssen 2.500 Very Important People von den Quarantäne-Regeln bei der Rückreise aus der britischen Hauptstadt befreit werden. Strammer Schuss: 2:0 für die Heuchelei.

3:0 Die Werbeikonen und Fußballspieler Cristiano Ronaldo und Paul Pogba räumten während Pressekonferenzen Getränke der Sponsoren Coca Cola und Heineken zur Seite. Turnierdirektor Martin Kallen reagierte prompt: „Wir haben mit den Mannschaften gesprochen. Die Einnahmen sind wichtig für das Turnier und den europäischen Fußball.“ Seitdem wird kein Sponsor mehr aus dem rechten Licht gerückt. Schönes Solo. Heuchelei drei, Sport null.

4:0 Vielfältig ging es weiter. Manuel Neuers Kapitänsbinde leuchtete in Regenbogenfarben. Die laut statistischer Zahlen der Stadt München 1,3 bis 2,6 Schwulen des Kaders nahmen das Statement ihres Kapitäns aber nicht zum Anlass für ein Outing. So bleibt Thomas Hitzlsperger allein. Vor dem letzten Gruppenspiel der deutschen Mannschaft kam dann die Idee, das Münchner Stadion auch im Regenbogen erstrahlen zu lassen. Ein Statement nicht für Vielfalt, sondern vielmehr gegen Ungarn. Das war der UEFA dann aber doch zu bunt und politisch und das Licht blieb aus. Eigentor zum 4:0.

5:0/6:0 Nachdem die „deutsche Fußballnationalmannschaft“, liebevoll auch „Die Mannschaft“, sich durch die Todesgruppe F gezittert hatte, sollte sie genauso wie Frankreich und Portugal im Achtelfinale scheitern. Dazu begab sich der Spielertross ins Londoner Wembley-Stadion. Die englischen Fans taten mir den Gefallen und pfiffen die gekürzte Nazihymne nieder. Ich brauchte diesmal also nicht den Ton runterzudrehen und die vernünftige Hymne aus der Dose hören. Nachdem dann der Nichtexistierende gebeten wurde, die greise britische Königin zu schützen, gingen beide Mannschaften auf die Knie. Das gab es vorher schon im ehemaligen Leningrad, wo es heftige Kritik an der russischen Mannschaft gab, die sich der Geste verweigerte. Diese geht zurück auf den US-amerikanischen Sportler Colin Kaepernick. 2016 kniete der Footballspieler während des Abspielens der US-Hymne nieder als Zeichen gegen Rassismus und Polizeigewalt. Nach der Saison wurde er entlassen und spielte nie wieder. Böses Foul von Neuer und Co. an Kaepernick, alle haben es gesehen, keiner hat deswegen gepfiffen. Rassismus, Polizeigewalt und die Festung Europa kennt „Die Mannschaft“ nur woanders. Doppelpack für die Heuchelei.

7:0 Da die Halbfinals nach Redaktionsschluss stattfinden, ist das Ergebnis noch nicht ganz klar, nur der Verlierer steht fest: Der Sport. Bis auf wenige Ausnahmen gab es langweiligen Ergebnisfußball, selbst von solchen Talenten, wie sie Frankreich versammeln kann. Nur Italien, 10:2 Tore, spielt offensiver als früher. Da waren sie die Könige des destruktiven Betonfußballs. Spanien stolperte sich ins Halbfinale und verhinderte so, dass die Schweizer es knapp verpassten, zur ersten Überraschungsmannschaft des Turniers zu werden. Dieser Titel geht wohl an Dänemark, die sich bis ins Halbfinale mauern konnten, getragen von einer Welle neoliberal-moralinsauren Mitgefühls wegen eines Herzstillstands im ersten Spiel. Minutenlang hielten dabei die UEFA-gesteuerten Kameras auf Eriksens Ehefrau, bei Flitzern wird verstohlen die Seitenlinie gezeigt. Bleibt noch das Mutterland des Fußballs. Die Engländer kassierten bisher noch kein Tor, machten in der gesamten Vorrunde zwei Buden, im Achtelfinale zwei und im Viertelfinale vier. Die Serie wird wohl nicht weitergehen, auch wenn die Jungs von der Insel vermutlich das Finale gegen die Italiener spielen werden. Während die Millionäre also trotz „epidemischer Lage von nationaler Tragweite“ kicken durften, liegt der Breitensport darnieder und wird wie vieles in den kommenden Jahren weiter kaputtgespart werden. Ist halt nicht der Fußball, den UEFA und Sponsoren brauchen. Der Deutsche Fußballbund (DFB), der mehr Geld gezahlt hat als die „Titanic“, um die Fußball WM 2006 nach Deutschland zu holen, hat den Übungsleiter gewechselt. Auf Jogi Löw, damit er auch mal in der UZ steht, folgt sein ehemaliger Co-Trainer Hansi Flick. Ob sich sportlich was tut, ist fraglich. Das ist traurig für die vielen Fußballer und Fans, die guten Sport sehen wollen. Die Herrschenden hoffen auf ein Wiedererstarken der schwarz-rot-goldenen Heimatfront. Die ist hilfreich bei der Ausplünderung des eigenen Volkes und für Weltmachtambitionen. Im Moment mit regenbogenfarbener Heuchelei.

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Über den Autor

Björn Blach, geboren 1976, ist als freier Mitarbeiter seit 2019 für die Rubrik Theorie und Geschichte zuständig. Er gehörte 1997 zu den Absolventen der ersten, zwei-wöchigen Grundlagenschulung der DKP nach der Konterrevolution. In der Bundesgeschäftsführung der SDAJ leitete er die Bildungsarbeit. 2015 wurde er zum Bezirksvorsitzenden der DKP in Baden-Württemberg gewählt.

Hauptberuflich arbeitet er als Sozialpädagoge in der stationären Jugendhilfe.

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"Heuchelei Sieben – Sport Null", UZ vom 9. Juli 2021



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