Schloss mit braunem Spuk zu verkaufen

Kennung: MH11555

Von Birgit Gärtner

„Werden Sie Schlossherr eines ehemaligen Rittergutes“ bewirbt die Firma Kienzle Immobilien den Verkauf des Objekts „Kennung: MH11555“. Dahinter verbirgt sich das um 1600 erbaute Wasserschloss Trebnitz in der Nähe von Bernburg/Saale (Sachsen-Anhalt). Kostenpunkt: 85 000 Euro. Damit ist das „königlich wirkende Kaufobjekt“ mit zirka7 000 qm großem Grundstück und 873 qm Wohnfläche ein echtes Schnäppchen.

Potentielle Kaufinteressierte erfahren, dass „Kennung: MH11555“ zu „DDR-Zeiten“ der LPG-Hof „Schloss Trebnitz“ gewesen sei, der ab 1958 als Alten- und Pflegeheim genutzt wurde. Ferner wird auf die Erfassung gemäß Denkmalschutzgesetz des Landes Sachsen-Anhalt hingewiesen. Außerdem ist auf der Webseite zu lesen, dass „eine durchgreifende Sanierung erforderlich“ sei.

Neonazis wollen ihr 2010

ersteigertes marodes Wasserschloss

in Sachsen-Anhalt wieder los werden.

Verschwiegen wird allerdings, dass das Gut sich derzeit im Besitz von zwei bekannten Neonazis befindet: dem einschlägig vorbestraften Hamburger Thomas Steiner (Szene-Name, richtig Thomas Wulff), der mit seiner Familie in einem Gutshaus in Mecklenburg-Vorpommern lebt, und Axel Schunk aus Stockstadt am Main (Bayern). Die beiden hatten das Anwesen 2010 für 80000 Euro ersteigert.

Die Rede ist von jenem Thomas Steiner, der schon im Sommer 1978 als Neonazi Furore machte, als er u. a. mit dem 1991 verstorbenen Michael Kühnen mit Eselsmaske und selbst gemalten Pappschildern mit der Aufschrift „Ich Esel glaube immer noch, dass in deutschen KZ’s Juden vergast wurden“ durch den Hamburger Stadtteil Bergedorf marschierte. Jener Thomas Steiner, dessen jüngerer Bruder 1985 an der Ermordung des türkisch-stämmigen Ramazan Avci in Hamburg beteiligt war, und dafür rechtskräftig verurteilt wurde. Jener Thomas Steiner, der selbst der NPD zu rechts ist, weshalb sie ein – bislang jedoch gescheitertes – Partei-Ausschlussverfahren gegen ihn angestrengt hat. Jener Thomas Steiner, der offensichtlich Gefallen an dem Duo „die Bandbreite“ aus Duisburg findet, und Rapper Wojna (was übersetzt übrigens „Krieg“ heißt) schon mal persönlich eine CD abkauft.

Bei seinem Rechtsstreit mit der NPD ließ Wulff sich von dem Juristen Wolfram Nahrath vertreten. Dieser ist wie Wulff Zögling des 2009 verstorbenen Hamburger Nazi-Anwalts Jürgen Rieger (ebenfalls NPD-Mitglied), und war – wiederum ebenso wie Wulff – Mitglied der Wiking Jugend (WJ). Auch Wulffs Kontrahent in dem Rechtsstreit mit der NPD, der damalige Vorsitzende Udo Pastörs, war einst Mitglied der WJ. Diese zählte zum Zeitpunkt ihres Verbots 1994 etwa 400 bis 500 Mitglieder und galt als größte neonazistische Jugendorganisation.

Zu den Mitgliedern der WJ gehörte auch Gundolf Köhler, dem das Oktoberfest-Attentat zur Last gelegt wird. Dieser wiederum stand in Kontakt mit Karl-Heinz Hoffmann und nahm an zwei Übungen von dessen berühmt-berüchtigter 1980 verbotener Wehrsportgruppe teil. Aufgrund der zähen Recherchearbeit des Journalisten Ulrich Chaussy ist unterdessen die Theorie von Köhler als verwirrtem Einzeltäter nicht mehr haltbar.

Die WJ war strikt nach einem hier­archischen Prinzip mit 14 „Führern“ aufgebaut. Einer davon, der „Bundesfahrtenführer“, war Axel Schunk. Wie viele ehemalige WJ-Mitglieder setzte Schunk seine politische Tätigkeit nach dem Verbot der WJ bei der NPD fort, und war bis 1998 Mitglied im Landesvorstand Bayern.

Nach dem Tod von Rieger übernahm er den Vorsitz der „Artgemeinschaft – Germanische Glaubens-Gemeinschaft wesensgemäßer Lebensgestaltung“. Dabei handelt es sich um eine völkische Sekte, die ursprünglich 1951 vom ehemaligen SS-Mitglied Wilhelm Kusserow gegründet wurde, und deren Mitglieder aufgrund ihrer äußeren so zünftig wie zugeknöpften Erscheinung auffallen: strikt gescheiteltes Haar für die Männer und geflochtene Zöpfe und lange Röcke für die Frauen. Vermutlich ist das der Grund, warum sie ihre Treffen in aller Stille abhalten, u. a. das alljährliche Julfest im Ausflugs- und Ferienhotel „Zum Hufhaus“ in Ilfeld in der Nähe von Nordhausen (Thüringen). Das Hotel liegt versteckt im Wald, am Ende einer Privatstraße, die vom Navi nicht erkannt wird.

Die „Artgemeinschaft“ gilt seit Jahren als wichtige Kaderschmiede und Hintergrund-Organisation der braunen Szene. Gegründet als völkisch-heidnische Sammlungsbewegung sind das von Kusserow mitverfasste „Artbekenntnis“ und ein „Sittengesetz“ noch heute die ideologischen Grundpfeiler. Laut Rieger handelt es sich bei der „Artgemeinschaft“ um einen „Kampfverband“. Trotzdem gilt sie mit geschätzt 100 Mitgliedern bundesweit als elitär. In den erlauchten Zirkel gerät niemand einfach so.

1997, als die „Artgemeinschaft“ sich noch im „Heideheim“ in der Lüneburger Heide traf, nahm Beate Zschäpe an einer sogenannten Hetendorfer Tagungswoche teil. André Emminger, wie Zschäpe Angeklagter im Münchner NSU-Prozess, nahm gemeinsam mit seiner ebenfalls beschuldigten Ehefrau mindestens 2003 und 2004 an Zusammenkünften in Ilfeld teil. 2005 weilte der wegen seiner rechten Attitüden jüngst in die Schlagzeilen geratene Mindener Waldorf-Lehrer Wolf-Dieter Schröppe samt seiner Familie als Gast der „Artgemeinschaft“ in Thüringen.

Bereits 2001 sollte aus Schloss Trebnitz ein „nationales Schulungszentrum“ werden. Für damals nur 100 000 DM hatte der Berliner NPD-Funktionär Uwe Meenen es im Auftrag von Rolf Hanno ersteigert. Der Altnazi lebt in Marbella, stammt aber ursprünglich aus Hamburg, gehört seit 50 Jahren dem dortigen Landesverband der NPD an, und ist wichtiger Finanzier der Nazipartei. Als Betreiber des Zentrums wurde seinerzeit der Harzer Neonazi Steffen Hupka eingesetzt. Doch Investor und Betreiber zerstritten sich, die hochtrabenden Pläne konnten nicht umgesetzt werden, und das Schloss verfiel zusehends.

Schon bei der Versteigerung 2010 war die Rede von ca. 2 Mio. Euro, die in die „durchgreifende Sanierung“ investiert werden müssten. Offensichtlich brauchten Wulff und Schunk fünf Jahre, um zu realisieren, dass diese Summe ihre finanziellen Möglichkeiten übersteigt.

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"Kennung: MH11555", UZ vom 21. August 2015



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