Eltern, Kinder und Beschäftigte werden vereinnahmt

Kirche macht sich in Gießener Kitas breit

Von Erika Beltz Aus „Gießener Echo“, Zeitung der DKP Gießen, Juli 2015

Weniger als ein Drittel der Kitaplätze in Gießen sind in städtischen Einrichtungen, die meisten sind kirchlich und werden mit staatlichen Geldern unterstützt und gefördert.

Eltern, die für ihre Kinder eine weltanschaulich neutrale Einrichtung suchen, haben es zunehmend schwerer, obwohl Grundgesetz und Hessische Verfassung die Trennung von Staat und Kirche vorschreiben. Etwa 35 Prozent der Bevölkerung im Kreis Gießen gehören keiner Kirche an; in der Stadt dürfte der Anteil noch erheblich höher liegen. Und die Kirchenaustritte häufen sich: 1 815 Menschen haben 2014 die Kirchen verlassen, 400 mehr als im „Rekordjahr“ 2013.

Dabei geht es nicht nur um die nichtchristlichen Eltern und Kinder, die von den Kirchen vereinnahmt werden. Auch die Beschäftigten müssen sich dem Diktat der Kirchen beugen. In den Stellenausschreibungen ist jeweils die Mitgliedschaft in einer Kirche Bedingung, was dazu führt, dass manche sich nicht getrauen auszutreten, oder – noch schlimmer – wieder eintreten oder sich „taufen“ lassen müssen. Kirchensteuer müssen sie dann auch bezahlen.

Sicher ist der Arbeitsplatz dann aber noch lange nicht, denn: Wer gegen den Moralkodex der katholischen Kirche verstößt (Ehescheidung…), kann wegen der Sonderrechte des „Tendenzbetriebes“ entlassen werden.

Mit der gleichen Begründung dürfen die kirchlich Beschäftigten nicht streiken. Der aktuelle Streik im Sozial- und Erziehungsdienst macht das Missverhältnis deutlich: 240 000 Beschäftigte im kommunalen Bereich kämpfen faktisch für 500 000 kirchlich Angestellte mit. Diese „Tendenz“- Bestimmungen sind für Staat und Kirche sehr nützlich, damit werden die Rechte der Gewerkschaften und Beschäftigten ausgehebelt.

Dieser verfassungswidrige Trend zur staatlich geförderten Missionierung bei gleichzeitigem Mitgliederschwund wird noch verstärkt. Zwar hatte Bürgermeister Weigel-Greilich 2007 versprochen, dass keine weiteren städtischen Kitas privatisiert werden sollten. Doch der im RKH-Gelände geplante Kindergarten soll gleich der Kirche überlassen werden.

Und es kommt noch schlimmer. Die August-Hermann-Franke Schule will auf dem ehemaligen Pascoe-Grundstück ebenfalls eine Kita eröffnen; sie gehört zur fanatischen Evangelischen Allianz, die neben weiteren „Teufelswerken“ gegen jede Abtreibung und Homosexualität hetzt, die „wie außereheliche Sexualität grundsätzlich unvereinbar mit der biblischen Ethik“ sei (Spiegel, 21/15).

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"Kirche macht sich in Gießener Kitas breit", UZ vom 10. Juli 2015



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