Lars Eidinger liest und singt Brecht

Mut für die im Dunkeln

Empörte Zuschauer verlassen nach den ersten zwanzig Minuten den Raum – Höchststrafe im bürgerlichen Theaterverständnis. Noch schlimmer fast: Einige verweigern am Ende den Applaus und gehen – Höchststrafe für Künstler. Und doch gibt es stehenden Beifall, Jubelrufe, Zugaben. Was für einem Abend, fragt man sich, haben wir denn da beigewohnt? Einem großartigen, könnte die kurze Antwort lauten.

„Lars Eidinger liest und singt Bertolt Brechts Hauspostille“ – die Karten lagen unter dem nicht vorhandenen Weihnachtsbaum. Kann so verkehrt nicht sein: hervorragender Schauspieler, eine frühe Gedichtsammlung inklusive verführter oder ertrunkener Mädchen, Elternmördern und stinkiger Leichen – und am Schluss kann das bürgerliche Theaterpublikum nach Hause gehen und weise zu der Erkenntnis nicken, dass dieser Brecht schon ein ganz schön schlimmer Finger war. Die Politik kann da außen vor bleiben, man muss sich von ihr nicht stören lassen. Nicht so bei Lars Eidinger und Hans Jörn Brandenburg.

Schon in den ersten Minuten fragt sich auch die geübte Brechtianerin, ob einzelne Gedichte aus der „Hauspostille“ in der „Dreigroschenoper“ recycelt wurden. Spoiler: Wurden sie nicht. Der Abend ist ein wenig Etikettenschwindel. Es steht zwar „Hauspostille“ drauf, aber Lars Eidinger liest und rezitiert – kongenial begleitet von dem Musiker und Komponisten Hans Jörn Brandenburg an Klavier, Cembalo und Harmonium – den richtig politischen Brecht.

Und so finden die ersten zwanzig Minuten des etwa einstündigen Programms ihren Höhepunkt im „Lob des Kommunismus“. Der empörte Bürger verlässt den Saal, viele andere gucken verdutzt bis verstört, die Kommunisten im Saal sind schockverliebt.

Das Bühnenbild ist schmal, manch einer würde sagen, es gibt keins. Ein schmaler Streifen grünen Stoffs hängt von der Decke und setzt sich auf dem Boden fort, an den Seiten die nackte, ungeschminkte Bühnenumgebung, die man im bürgerlichen Theater viel zu selten zu sehen bekommt. Es riecht geradezu nach Epischem Theater. Auf dem Grün eine Klavierbank, auf der sich Hans Jörn Brandenburg um sich selbst drehen wird, um virtuos verschiedene Instrumente zu spielen, daneben ein Mikrofon. Sonst nichts. An dem Mikro steht Lars Eidinger, leicht gesenkten Hauptes in einem zu großen Anzug, der ihn optisch in die Nähe des großen Dichters rückt, ein kleines Buch in der Hand. Es sind die Gedichte Bert Brechts.

Eidinger beweist, warum er der Schauspieler seiner Generation ist. Er nähert sich Brecht nicht vorsichtig, einen Abstand lässt er nicht zu. Er liest und singt Brechts Werk so, wie der Dichter es gemeint hat. Mal zurückgenommen, mal geradeaus – man merkt die tiefe Beschäftigung mit Brecht und seinem Werk, vielleicht auch Überbleibsel der Vorbereitung auf seine Rolle als der Dichter selbst in „Mackie Messer. Brechts Drei­groschenfilm“.

Dabei bleibt das Programm eines des politischen Brecht. Neben Baal kommt die Seeräuber-Jenny zu Wort, es wird vor der Verführung gewarnt, mit Orge „von den Leben die Hellen, von den Toden die Schnellen“ gewünscht. Das bürgerliche Feuilleton feiert den Abend als einen des „wilden“ Brecht. Es ist einer des wahren.

Zum Ende erklingt „Die Schlussstrophen des Dreigroschenfilms“: „Denn die einen sind im Dunkeln / Und die andern sind im Licht. / Und man siehet die im Lichte / Die im Dunkeln – sieht man nicht.“ Das Licht ist aus, auf der Bühne wie im Zuschauerraum. In Zeiten massiven Sozialkahlschlags und Rechteabbaus im Zuge der Kriegsvorbereitung gibt es kaum noch einen, der im Lichte sitzt. Das Publikum schweigt gebannt, ein kleines Licht geht an am Mikrofon, und Eidinger liest: „Wirklich, ich lebe in finsteren Zeiten! / Das arglose Wort ist töricht. Eine glatte Stirn / Deutet auf Unempfindlichkeit hin. Der Lachende / Hat die furchtbare Nachricht / Nur noch nicht empfangen.“

Der Saal steht Kopf, nicht nur die Kommunisten im Raum applaudieren im Stehen. Die Uneinsichtigen beschweren sich, die Unbelehrbaren gehen. Der Rest hat zumindest so viele Widersprüche erfahren, dass er mit anderen Augen Nachrichten schauen wird, zumindest in den nächsten Tagen. Den Unentschlossenen können noch zwei Zugaben weiterhelfen: „Versinke im Schmutz / Umarme den Schlächter, aber / ändere die Welt: Sie braucht es!“ rezitiert Eidinger aus der „Maßnahme“, um dann das Publikum aufzufordern, den letzten Beitrag zu filmen und zu verbreiten. Denn, so Eidinger, es sei die Alternative zu unserer Nationalhymne. Bei der „Kinderhymne“ bleiben einige Augen nicht trocken. Wäre das nicht schön, „dass die Völker nicht erbleichen / Wie vor einer Räuberin / Sondern ihre Hände reichen / Uns wie andern Völkern hin“? Schon, aber dann braucht man eben auch einen anderen Staat. Dass die „Kinderhymne“ in John Lennons „Imagine“ übergeht, verzeiht man gerne.

Lars Eidinger liest und singt Bertolt Brechts Hauspostille

Nächste Termine:
13. Juni, Lübeck
5. September, Marburg
19. September, Frankfurt am Main
24. Oktober, Leipzig
31. Oktober, Weimar

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"Mut für die im Dunkeln", UZ vom 29. Mai 2026



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