Konzernmacht siegt im Hambacher Forst gegen Umweltschutz

„Lebensgefahr für alle“

Von Christoph Hentschel

Der Kampf um den Hambacher Forst ist in vollem Gange. Nicht nur im Wald, sondern auch im Internet verhärten sich die Fronten. Die Polizei in Aachen warnte in einem Beitrag auf dem sozialen Netzwerk „Twitter“, es bestehe „Lebensgefahr für alle“. Naturschützer sollten demnach im Wald Fallen aufgestellt haben. Mittels einer Drahtseilkonstruktion sei ein Eimer, gefüllt mit Beton und Schutt, in die Höhe gezogen worden. Beim Auslösen der Falle stürze der Eimer in die Tiefe. Dazu veröffentlichte die Polizei Fotos von einem Eimer und einem Drahtseil. Auf Anfragen des Journalisten-Blogs „BILDblog“ korregierte die Polizei am Dienstagmorgen ihren „Tweet“. „Der betongefüllte Eimer wurde nicht ‚mittels einer Drahtseilkonstruktion‘ in die Höhe gezogen. Man habe den Eimer am Boden vorgefunden. Dennoch gehe man davon aus, dass er geeignet wäre, ‚Kolleginnen und Kollegen zu verletzen‘.“

In einer Pressemitteilung der Initiative „Hambi bleibt!“ berichten die Umweltschützer, dass die Räumung in den östlichen und westlichen Waldgebieten begonnen haben. Laut t-online.de wurde bis zum Redaktionsschluss die Baumhaus-Siedlung „Oaktown“ geräumt. Aktivisten hätten sich dann in der Siedlung „Gallien“ zusammengeschlossen. Am Sonntag nahmen zwischen 5 und 9 000 Menschen an einem „Waldspaziergang“ teil und solidarisierten sich mit den Baumschützern im Wald. Für die Räumung von geschätzt 200 Aktivisten (t-online.de) zog die Landesregierung NRW mehr als 4 000 Polizisten zusammen.

Für den Betreiber des Tagebaus Hambach im Rheinischen Braunkohlerevier, RWE Power, ist der Standort „Hambacher Forst“ aus logistischen Gründen wichtig. Werde der Wald nicht bald abgeholzt, dann wäre der Braunkohleabbau innerhalb der nächsten zwei Jahren in diesem Revier zu Ende, meldete „tagesschau24“. Vor Beginn der Kohleförderung war der Wald 4 100 Hektar groß; nach Angaben von RWE Power wurden bislang 3 900 Hektar für den Kohleabbau gerodet. Der Energiekonzern will für den Braunkohleabbau mehr als 100 der verbliebenen 200 Hektar Wald abholzen. Davon hingen rund 10 000 Stellen und die Sicherheit der Energieversorgung in Nordrhein-Westfalen ab.

Für die Waldschützer steht die „Klimagerechtigkeit“ im Vordergrund. Die Initiative „Hambi bleibt!“ schreibt dazu auf ihrer Homepage: „Allein die Kohlestromproduktion ist für sage und schreibe ein Drittel der gesamten CO2-Emissionen in Deutschland verantwortlich. Das zeigt deutlich, dass Klimaschutz und Kohleausstieg eng miteinander verzahnt sind.“ Ein Grund, warum der Klimawandel nur halbherzig bekämpft werde, ist laut „Hambi bleibt!“, „dass die Folgen zum Großteil nicht seinen Verursachern schaden, also nicht den Unternehmen und Staaten, die die meisten fossilen Energieträger verbrennen, sondern Ländern im Globalen Süden und Menschen, die z. B. ihr Ackerland, ihre Regenwälder oder ihre Inseln an die Folgen des Klimawandels verlieren.“

Betroffene Bewohner, Umweltverbände und Bürgerinitiativen forderten am 23. August in einem gemeinsamen Appell einen vorläufigen Rodungsstopp, bis im Dezember 2018 der Plan der Kohlekommission zum Kohleausstieg vorliegt. Die Bundesregierung überging diesen Appell und folgte den Interessen von RWE Power, den Wald bis Ende Oktober 2018 zu fällen.

Über den Autor

Christoph Hentschel (Jahrgang 1980) ist Politikwissenschaftler und Redakteur für „Politik“. Er arbeitet seit 2017 bei der Zeitung der DKP.

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"„Lebensgefahr für alle“", UZ vom 21. September 2018



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